Lohnenswert

Spannender Briefwechsel
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Dieser Band wird dazu beitragen, Wilhelm Niesel als entschlossen ökumenisch ausgerichteten Theologen in ein neues Licht zu rücken.

In einem dokumentierten Gespräch hat Karl Barth 1964 über Wilhelm Niesel geäußert, er sei „der ausgesprochenste Reformierte in Deutschland“. In reformierten Kreisen gilt Niesel als streng und prinzipiell. Gern wird er mit der Frage zusammengebracht, ob denn Kerzen heilsnotwendig seien. Tatsächlich aber ist der langjährige Moderator des Reformierten Bundes (1946–1973) und Präsident des Reformierten Weltbundes (1964–1970) heute eher unbekannt. Als sein Schüler und Doktorand stand Niesel zu Barth bereits als Student in einer besonderen Beziehung, die – mit einer Unterbrechung während des Zweiten Weltkrieges – bis zu Barths Tod 1968 gepflegt wurde.

Einen Teil dieser Beziehung macht uns jetzt die sorgfältig edierte und durch einige Bilder angereicherte Publikation des Briefwechsels zwischen beiden zugänglich. Dieser wird nicht zuletzt dazu beitragen, Wilhelm Niesel als einen engagierten und eben auch entschlossen ökumenisch ausgerichteten Theologen ein wenig aus der Vergessenheit zu heben und in ein neues Licht zu rücken.

Die Herausgeber gliedern den Briefwechsel in drei inhaltlich voneinander unterscheidbare Phasen: das Ringen um einen angemessenen Zugang zu Calvin, der Kirchenkampf und die Auseinandersetzungen um die Positionierungen der Kirche in Deutschland nach 1945. Diese drei Schwerpunkte repräsentieren zugleich unterschiedliche Phasen in Niesels Beziehung zu Barth. In der Beschäftigung mit Calvin begegnet uns der ehrgeizige und zielstrebige Schüler Barths, der sich zunehmend wagt, auch seinem eigenen Urteil zu trauen, bis hin zu vorsichtig vorgetragener Kritik an Barth. In seinen Antworten zeigt sich dieser als ein Lehrer, der den Interessen seines Schülers so weit wie möglich entgegenzukommen versucht.

Im Kirchenkampf ging es dann um die in unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen wahrzunehmende gemeinsame Verantwortung für die bedrängte Kirche. Kaum ein Kirchenvertreter hat so entschlossen und klar an der Seite Barths gestanden wie Niesel. Barth dankt ihm ausdrücklich für seine Verlässlichkeit. Diese Nähe zu Barth hat gewiss nicht unwesentlich dazu beigetragen, Niesel als einen unbequemen, wenn nicht starrsinnigen Theologen zu stigmatisieren.

Und hat sich ein solches Image erst einmal etabliert, besteht kaum eine Chance, es je wieder loszuwerden. In der dritten Phase, in der Niesel dann Barth mit „Du“ anspricht, tritt er als ein eigenständiges Gegenüber auf, das auch Verantwortungsebenen, etwa in der Ökumene oder der EKD, betritt, denen Barth eher zurückhaltend, wenn nicht gar reserviert gegenüber stand. Diese letzte Phase wird am wenigsten plastisch, da sich die enge Verbundenheit beider immer wieder durch Besuche Niesels in Basel Ausdruck verschafft, so dass die beide bewegenden Themen weniger auf den Austausch durch ausführliche Briefe angewiesen waren. Die dadurch entstehenden Lücken in dem Briefwechsel lassen sich schwerlich schließen, stehen aber im Licht einer sich gegenseitig immer interessanter gewordenen vertrauensvollen Beziehung von zwei Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Verantwortungshorizonten. Immerhin finden sich auch in diesem Teil immer wieder erhellende pointierte Kommentierungen zeitgenössischer Entwicklungen und Debatten, für die allein sich die Lektüre dieses Bandes schon lohnt.

Die gründlich aufbereitete Publikation zeichnet sich durch eine pointierte Einführung und einen umfänglichen, erhellenden Anmerkungsapparat aus, in dem viele dem Verständnis dienliche Informationen und Hinweise angeboten werden. Ein Literaturverzeichnis und ein Namensregister schließen diese prächtige und beachtenswerte Edition ab.

Matthias Freudenberg/Hans-Georg Ulrichs (Hg.): Karl Barth und Wilhelm Niesel. Briefwechsel 1924–1968. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2015, 303 Seiten, Euro 49,99.

Michael Weinrich

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