Anspruchsvoll

Gottesdienst reformiert
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Das Buch sei jedem und jeder ans Herz und vor Augen gelegt, die sich für Geschichte und Gegenwart des anspruchsvollen reformierten Gottesdienstes interessieren.

Nicht selten werden landläufig der reformierte Gottesdienst und auch der Raum, in dem dieser stattfindet, durch das Wort „nicht“ gekennzeichnet: nicht liturgisch reichhaltig, nicht bunt. Und vielfach tauchen Worte wie „schlicht“ oder „wortlastig“ auf. Die insgesamt 36 Beiträge des jüngst erschienenen Sammelbandes gehen auf solche Fragen zwar immer wieder ein, aber eher indirekt. Ausgangspunkt ist nämlich wohltuend nicht der Versuch einer Legitimation oder gar einer Apologetik, sondern einer pluralen Perspektivität. Wie ist der reformierte Gottesdienst entstanden (Geschichte), wie ist er zu verstehen (Theologie) auch in seinen einzelnen Dimensionen und Spielarten (Grundformen), was geschieht in ihm (Ästhetik), welche Funktion hat er in Kirche und Gesellschaft (Funktionen) und welche neuen Akzente sind zu beobachten (Vielfalt, Brennpunkte)?

Auf alle diese Fragen gibt es kompetente und sorgfältige Antworten, die in dieser knappen Besprechung nur sehr ausschnittweise vorgestellt werden können. Michael Baumann informiert sehr kundig über die Geschichte der Gottesdienste in der Deutschschweiz vom 16. bis zum 19. Jahrhundert und zeigt auf, wie sehr er als „liturgisch situierte Bibelauslegung“ entstand – und wie sehr diese anspruchsvolle Konzeption immer wieder Krisen durchlebt hat. Für das 20. Jahrhundert eröffnet sich die Perspektive in die Westschweiz, Frankreich, Deutschland und die Niederlande mit je eigenen Beiträgen. Schon hier zeigt sich, dass die verschiedenen geographischen Perspektiven auch zu eigenen Akzenten führen – und diese Vielfalt hält das Buch durch. Denn auch in allen weiteren Beiträgen gibt es nicht „die“ Darstellung des reformierten Gottesdienstes oder gar „die“ Theologie desselben, sondern in verschiedenen Anläufen werden gerade im der Theologie gewidmeten Abschnitt auch unterschiedliche Verständnisse etwa bei den Sakramenten erkennbar: Aber auch nur so ist in der Durchführung solch ein Band seinem Gegenstand entsprechend. Die weiteren vielen Beiträge widmen sich ästhetischen und funktionellen Fragestellungen, stellen exemplarische Konkretionen (zum Beispiel: Was bedeuten Zielgruppengottesdienste?) und Brennpunkte aus der Praxis vor.

Insgesamt zeigt sich – und das kann als Stärke wie als Schwäche verstanden werden; ich tendiere zum ersteren –, dass sich in den meisten Aufsätzen eine Mischung aus deskriptiven und normativen Perspektiven auftut. Gerade die wertenden Perspektiven reizen dadurch auch zuweilen zum Widerspruch (etwa die Kritik an der Bitte um den Segen statt der Segensspende in mehreren Beiträgen). Das macht aber die Lektüre anregend. Vermisst habe ich insgesamt eine theologische Vertiefung der Predigt. Sie ist – darin ist Plüss zuzustimmen – „Verkündigung des Evangeliums, nicht bloß Auslegung eines Bibeltextes“. Aber wie ist die Beziehung von Bibeltext und Predigt genauer zu beschreiben? Hier sehe ich Defizite; das weitgehende Ausfallen einer theologischen Reflexion der „lectio continua“ etwa im Beitrag von Plüss ist wohl die Folge.

Zu den insgesamt 31 Autorinnen und Autorin gehören unter anderem Bruno Bürki, Martin Evang, Dörte Gebhard, Albrecht Grözinger, Matthias Krieg,Ralph Kunz, Andreas Marti, Tania Oldenhage, Thomas Schlag, Matthias Zeindler, Lisbeth Zogg Hohn und zeitzeichen-Herausgeberin Christiane Tietz.

Jeder Beitrag beginnt mit einem knappen Abstract – nur so ist wohl die Fülle an beeindruckenden, lehrreichen, herausfordernden und vertiefenden Beobachtungen und Perspektiven dieses schönen Sammelbandes ansatzweise zu erfassen. Es sei jedem und jeder ans Herz und vor Augen gelegt, die sich für Geschichte und Gegenwart des anspruchsvollen reformierten Gottesdienstes interessieren.

Georg Plasger

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