Weites Panorama

Über die Theodizee
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Link eröffnet ein weites und solide ausgemessenes Panorama und durchschreitet ebenso umsichtig wie pointiert die diversen Diskussionsräume in Philosophie und Theologie.

Es gibt eine merkwürdige Lust an der Theodizeefrage, die mir suspekt ist. Einerseits haben wir es uns weitgehend abgewöhnt, Gott noch mit irgendwelchen Ereignissen unserer Geschichte in Verbindung zu bringen. Und auf der anderen Seite gerät merkwürdig unbeirrt immer noch ein Großteil der Übel auf seinem im Grunde längst stornierten Konto, so als gelte es, nach der Verabschiedung Gottes noch einmal nachzutreten.

Es handelt sich allzu häufig um eine Art üble Nachrede im Mausoleum, die vor allem erklären soll, warum vor seinem Tod alle lebensverlängernden Maßnahmen in stillschweigender Einmütigkeit eingestellt wurden. In der Regel sind es ja nicht die Opfer, welche die Theodizeefrage stellen; im Gegenteil ahnen sie am ehesten, dass sie allein auf die Barmherzigkeit Gottes setzen können. Vielmehr erhebt sich der Verdacht, die Theodizee möge die sich nun stellende Anthropodizee übertönen, die immer noch als gelöst gilt, so als sei nichts geschehen. Von einer den Glauben begleitenden Anfechtung ist aus der Theodizee nicht nur im Horizont des sogenannten neuen Atheismus ein Lichtschwert der Religionskritik geworden, dessen Helden es mit höchst unterschiedlicher Geschicklichkeit zum Einsatz bringen, so als lasse sich der Spuk durch einen weiteren vertreiben.

Wenn der emeritierte Theologieprofessor Christian Link mit seinem Buch in die Debatte um die Theodizee einführt und sich in ihr auch selbst positioniert, weiß er um die unterschiedlichen Ebenen, auf denen die Theodizeefrage dekliniert wird, und er weiß ebenso, dass ihr tatsächlicher Ernst im Horizont des Glaubens und nicht in der philosophischen Erprobung ihrer spekulativen Belastbarkeit liegt.

„Nicht unser Wissen ist hier gefragt, sondern unsere Hoffnung.“ Deshalb können auch nicht die vermeintlichen Lösungen im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, denn die logische Stringenz allein vermag niemals die Skepsis zu zerstreuen, weil sich die Vollzähligkeit der in sie eingebrachten Bedingungen niemals dem Zweifel entziehen lässt. Es sind vielmehr die auch in ihren Veränderungen ebenso stabil wie unbeantwortbar bleibenden Fragen nach dem Ursprung, der Bedeutung und Reichweite des Bösen, die sich nicht abstellen lassen.

Am Ende der von ihnen geschlagenen Schneisen taucht stets die Glaubensfrage auf, von deren Beantwortung das Geheimnis der Hoffnung gehütet wird. Eine konsequente Theologie wird zwar Gott nicht „aus dem Dunkel der Geschöpfwelt“ heraushalten können, wenn sie das Feld nicht einem wie auch immer gearteten Dualismus überlassen will, wohl aber wird sie sich dabei jeden Gedanken an eine „Komplizenschaft Gottes mit dem Bösen“ verbieten lassen müssen.

Link eröffnet ein weites und solide ausgemessenes Panorama und durchschreitet ebenso umsichtig wie pointiert die diversen Diskussionsräume in Philosophie und Theologie. Es handelt sich um vorzügliche und gut verständliche Präsentationen meist recht komplexer Konzepte, deren Anspruch erst in inneren Differenzierungen zum Vorschein kommt, die bei allzu kurzen Darstellungen meist unter den Tisch fallen. Der biblischen Tradition gilt eine eigene erhellende Aufmerksamkeit insbesondere im Blick auf die traditionell so genannte „Opferung Isaaks“ (Genesis 22), die Leiden Hiobs und die Leiden Gottes selbst, wie sie vor allem in der Kreuzestheologie thematisiert werden.

Es gibt genügend Veranlassung zu einer in dieser Perspektive freigelegten Hoffnung. In jedem Fall aber geht es um etwas Ausständiges, und deshalb wird sich die Theodizeefrage, auch wenn sie sich als solche nicht lösen lässt, nicht einfach verabschieden lassen. Theologie und Philosophie mögen darin eine neue Nachbarschaft entwickeln, dass sie in der Anerkennung der Gottesfrage ein Bewusstsein dafür lebendig halten, dass etwas fehlt – so Link mit Bezug auf Jürgen Habermas.

Es ist ein spannendes und überaus instruktives Buch mit höchst bedenkenswerter Perspektive.

Michael Weinrich

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