Epochaler Wandel

Die Schwerpunkte des Christentums und des Islam verlagern sich
Nigerianische Christen singen in der Fußgängerzone vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Foto: dpa/ Wolf-Dieter Weiflbach
Nigerianische Christen singen in der Fußgängerzone vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Foto: dpa/ Wolf-Dieter Weiflbach
Auch wenn sich Europa und Nordamerika säkularisieren, werden Religionen im Weltgeschehen weiterhin eine wichtige Rolle spielen, zeigt Andreas Heuser, Professor für Außereuropäisches Christentum an der Universität Basel, anhand von Statistiken. Und er fordert, dass eine Analyse der rasch wachsenden Pfingstkirchen "zum Kernbestand der theologischen Ausbildung gehört".

Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) wird die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 von derzeit 7,3 Milliarden auf 9,7 Milliarden Menschen ansteigen. Und Indien wird schon 2022 die Volksrepublik China als bevölkerungsreichstes Land ablösen - sofern China seine Ein-Kind-Politik nicht beendet.

Während Europa schrumpft, erhöht sich die Einwohnerzahl in einigen afrikanischen Staaten bis 2050 um das Fünffache. In den Top Ten der bevölkerungsstärksten Länder, die die Hälfte der Weltbevölkerung auf sich vereinen, bilden Nigeria, die Demokratische Republik Kongo und Äthiopien den stärksten regionalen Block, ergänzt um demographische Newcomer wie Ghana und Tansania. Solche Schätzungen bilden - bei aller statistischen Unschärfe und Korrekturbedürftigkeit - wahrscheinliche Trends ab. Aber wie lesen sich die Daten hinsichtlich der Zukunft der Religionen? Erlauben sie Rückschlüsse, falls sie sich in religionsdemographische Aussagen übersetzen lassen, auf globale Szenarien des Christentums im Jahr 2050?

Das renommierte "International Bulletin of Missionary Research" berichtet alljährlich in seiner Januarausgabe über aktuelle Trends im weltweiten Christentum. Es präsentiert eine wertvolle Langzeitperspektive, denn es bündelt seit 1985 wesentliche Prozesse im Weltchristentum - mit religionsstatistischem Unterbau. Dazu zählt die klassische, von David Barrett 1982 begründete "World Christian Encyclopedia", ergänzt durch einen analytischen Band zu "World Christian Trends" aus dem Jahr 2001. Seit 2003 wird eine "World Christian Database" angelegt, die diese beiden Vorgängerpublikationen fortschreibt und deren Daten schliesslich 2009 im "Atlas of Global Christianity" religionskartographisch umgesetzt wurden. Zum einen verdichtet sich dieses religionsstatistische Gesamtpaket im jährlichen Report des International Bulletin. Zum anderen ergänzt es Gegenwartsanalysen mit Prognosen über die Zukunft des Christentums weltweit. Damit ist das "International Bulletin of Missionary Research" der Prototyp einer empirisch-statistischen Wende, die zu den auffälligsten Erscheinungen in der religionsbezogener Forschung der vergangenen Jahre zählt.

Rückkehr ins öffentliche Leben

Die Januarausgabe 2015 wartete mit einem veränderten Zeithorizont auf: Erstmals greift der Statusreport über die globale Lage des Christentums - analog zum UN-Weltbevölkerungsbericht - bis ins Jahr 2050 aus. Der religionsdemographische Klassiker stützt sich dabei auf die allgemein zugänglichen Datenbanken, die etwa durch nationale Volkszählungen oder kirchlichen Statistiken generiert werden. Die Ausgangsdaten betreffen natürliche Wachstumsquoten, länderspezifische wie teilweise auch religionsspezifische Geburts- und Sterberaten. Aber sie beziehen auch Ein- und Auswanderungstrends mit ein, nehmen alters- und geschlechtsspezifische Samples vor oder projizieren Konversionsziffern, die sich auf bisherige Annahmen zu religiösen Wandlungsprozessen stützen. In religions- wie kirchenhistorischer Hinsicht aussagekräftig werden die Angaben durch Vergleichstabellen, die bis 1900 zurückreichen.

Allerdings beschränkt sich das "International Bulletin" auf eine grobkörnige Kommentierung der in den statistischen Verweisen eingelagerten gesamtreligiösen Tableaus. Die eigentliche Ausdeutung dieser Rohfassung eines Zukunftsreliefs des Weltchristentums verbleibt beim Betrachter. Ich beschränke mich hier auf einige fragmentarische Anmerkungen, die mir als Umriss des Christentums im Jahr 2050 erwähnenswert scheinen: Es zeichnen sich Panoramen einer wachsenden Ausdifferenzierung des Christentums mit sozialräumlich unterschiedlich verlaufenden Entwicklungsdynamiken von Kirchen und Konfessionsfamilien ab. Doch erfasst das religionsdemographische Design auch Verschiebungen religiöser Zugehörigkeiten insgesamt, lässt regionale Neugewichtungen erahnen und allgemeine Trends in der Verbreitung von Religionen erkennen.

Die vorliegenden Daten irritieren eurozentrisch gelagerte Diskurse um die Verabschiedung der Religion in die Privatsphäre und ihre postsäkulare Rückkehr ins öffentliche Leben. Globale Trends erschließen nicht allein eine kontinuierliche Anwesenheit der Religionen für die kommenden Jahrzehnte. Vielmehr rechnen sie gar mit deren verstärkter Präsenz. Jedenfalls scheint es ausgemacht, dass Christentum und Islam 2050 annähernd zwei Drittel der Weltbevölkerung ausmachen.

Blicken wir zunächst auf das globale Christentum, das den statistischen Kern des Statusberichts des "International Bulletin" ausmacht. Analytisch bildet das Christentum 2050 global - wie auch heutzutage - den gewichtigsten religiösen Block. In der Langzeitstatistik hat es sich zwischen 1900 und 2015 auf einem Niveau von etwas unter 34 Prozent der Weltbevölkerung eingependelt. Aber dieser Anteil war immer von längeren Stagnations- und gar Reduktionsphasen durchzogen. Im Moment erholt sich das globale Christentum von seinem Tiefpunkt um die Jahrtausendwende, als es auf etwa 32 Prozent der Weltbevölkerung abgesunken war. In den kommenden Jahren bewegt es sich aber auf eine demographische Aufwärtslinie zu, in dessen Verlauf es die historische Schwelle von 35 Prozent der Weltbevölkerung überschreitet. Und für 2050 wird ein Anstieg auf fast 36 Prozent projektiert, 3,3 der über 9 Milliarden Erdbewohner.

Als die markanteste Region innerhalb des globalen Christentums wird sich in den Jahrzehnten bis 2050 das subsaharische Afrika herausschälen. Besonders in Westafrika wird das Christentum eine Dynamik entfalten, die weltweit ausstrahlt. Damit setzt sich ein Trend fort, der in den vergangenen hundert Jahren die Kartographie des Christentums nachdrücklich verändert hat. Im 20. Jahrhundert erfuhr die afrikanische Religionslandschaft eine Umgestaltung, die geradewegs als epochal zu bezeichnen ist. Ein fulminanter Christianisierungsschub erfasste das subsaharische Afrika. Er steht in religionsgeographischer wie religionsgeschichtlicher Hinsicht nahezu beispiellos da. In den Turbulenzen der Unabhängigkeitsbewegungen der Sechzigerjahre entfaltete das Christentum eine vollkommen unerwartete Dynamik, die noch kaum hinreichend erklärt ist. Es wuchs seit etwa 1960 zur afrikanischen Mehrheitsreligion heran, mit einer Verdreifachung auf fast 60 Prozent der subsaharischen Bevölkerung innerhalb von drei bis vier Jahrzehnten. Dies widerlegt die Behauptung, das Christentum in Afrika sei eine kolonial induzierte Fremdreligion. Das Gesicht des Weltchristentums zeigt, auch aus demographischen Gründen, zunehmend afrikanische Züge: 2050 wird mehr als jeder dritte Christ Afrikaner sein. So wird das Christentum deutlich mehr Menschen repräsentieren als in Nordamerika, Lateinamerika und Ozeanien zusammen. Es wird auch stärker sein als das europäische - einschließlich Russland - und das asiatische Christentum zusammen.

Doch auch das asiatische Christentum wird sich stärker als Hauptakteur im globalen Christentum erweisen. Unter den Top Ten der christlichen Weltbevölkerung wird sich das Christentum in China bis 2050 auf Platz 2 etablieren, noch vor dem neuntplatzierten philippinischen. Aber anders als auf den Philippinen, wo es schon längst den Charakter einer Volksreligion angenommen hat, bildet das Christentum in China immer noch eine Minderheit, aber eine bedeutende.

Die Rangliste der zehn bevölkerungsstärksten Länder ist dominiert durch den "globalen Süden", die Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Aufgrund der anhaltenden Migrationsbewegungen werden die Südvarianten des Christentums die Religionskarten der nordatlantischen Welt durchmischen, aber auch die arabische durch Arbeitsmigranten aus dem ostasiatischen und indischen Raum. Die Zusammenhänge von Religion und Migration treten deutlicher ins Alltagsbewusstsein und werden sich 2050 - so ist zu hoffen - durch heutige Weichenstellungen in unseren Breitengraden als eine Art "Migrationsökumene" aus dem Erprobungsstadium heraus entwickelt haben.

Das nordatlantische Christentum, das 2010 etwa 38 Prozent der christlichen Weltbevölkerung ausmachte, wird bis 2050 auf ein Viertel zurückgehen. Deutschland wird dann aus der Rangliste der zehn Länder mit der stärksten christlichen Bevölkerung herausgefallen sein, in der es 2015 noch geführt wird. Unter den Top Ten finden sich 2050 als einzige Ausnahmen der Dauerspitzenreiter USA und Russland mit seiner überwiegend orthodoxen Bevölkerung. Allerdings ist eine der spannendsten Fragen religionsstatistisch kaum prognostizierbar: Werden sich die als säkularisierungstheoretischer Ausnahmefall gehandelten USA gegen Trends der Entkirchlichung stemmen können, die sich derzeit abzubilden beginnen? Im Mai erschütterte die kirchlichen Medien der USA eine repräsentative Erhebung des ausgewiesenen Pew Research Centers in Washington mit dem Ergebnis eines relativ deutlichen Schwunds der Kirchenmitgliedschaft im Vergleich zu 2007. Der Rückgang von etwas über 78 auf rund 71 Prozent betrifft vornehmlich die historischen protestantischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche. Aber letztere wird den Schwund durch den Zuwachs an lateinamerikanischen Zuwanderern auffangen können.

Daran lässt sich eine generelle Prognose für 2050 ablesen: Die gegenwärtig zu verzeichnende Zunahme des Christentums erklärt sich durch seine Wachstumsdynamik insbesondere im "globalen Süden". Diese gleicht die Abnahme der christlichen Bevölkerung in den Ländern des "globalen Nordens" mehr als aus. Somit wird sich langfristig die demographische Südverlagerung des Christentums stabilisieren.

Innerhalb des globalen Christentums wird die römisch-katholische Kirche auch 2050 den breitesten Strom bilden. Als Wachstumsmotor ausgemacht ist aber unvermindert die weltweite Pfingstbewegung. Deren Anhängerschaft wird bis 2050 längst die Milliardengrenze überschritten haben. Trifft diese Annahme ein, wird sich die Pfingstbewegung innerhalb von fünfzig Jahren, zwischen 2000 und 2050, mehr als verdoppelt haben. Damit wäre die globale Pfingstbewegung die Religionstradition mit dem wohl impulsivsten Wachstum in der kommenden Generation. Das Verständnis der globalen Pfingstbewegung und ihrer theologischen Varianten, die Analyse ihres kirchensoziologischen Spektrums, die von charismatischen Bewegungen über autonome Netzwerke und institutionelle Großkirchen bis zu einzelnen Megakirchen reicht, müssen zum Kernbestand der theologischen Ausbildung gehören.

In Bezug auf die islamische Welt lässt das "International Bulletin" nur wenige weitreichende Rückschlüsse zu. Die Religionsstatistik legt nämlich (wie auch bezüglich anderer Religionen) keinen Wert auf Binnendifferenzierungen, sondern erfasst "den Islam" als homogene Einheit. Zusammengenommen weist die islamische Weltbevölkerung einen ähnlichen - wenn auch zeitlich gestreckten - Aufwärtsvektor wie die Pfingstbewegung auf. Bis 2050 wird der Anteil der Muslime an der Weltbevölkerung bis auf 27,5 Prozent steigen. In der Langzeitstatistik für die Zeit von 1900 bis 2050 entsprechen diese Werte einer annähernden Verdopplung. Und wenn wir davon ausgehen, dass sich gegenwärtig abzeichnende globale Trends reibungslos fortsetzen, wird es am Ausgang dieses Jahrhunderts so viele Muslime wie Christen geben. Und um 2100 werden Erstere Letztere leicht überholt haben.

Zieht man die "Word Christian Database" zu Rate, sieht die islamische Welt einer wichtigen religionsgeographischen Verlagerung entgegen: Bis 2050 wird sich die stärkste muslimische Gemeinschaft in Indien, Pakistan und Bangladesch formieren. Sie ist sunnitisch geprägt und grenzt in Pakistan an das erstarkende schiitische Kerngebiet im Iran. Die wuchtige Präsenz des Islam begegnet in Indien allerdings einer robusten hinduistischen Mehrheit. Diese wird 2050 annähernd 1,2 Milliarden Menschen umfassen.

Mit diesem Hinweis drängt sich die Frage nach möglichen politischen Auswirkungen der religionsdemographischen Verschiebungen auf. Allein, gesellschaftspolitische Prognosen bleiben religionsstatistisch schwer erfassbar und lassen sich nur erahnen. Aber auch wenn ihr Themenfelder im Einzelnen weitgehend verschlossen bleiben, kann Religionsdemographie ein Schlüssel dafür sein, Plausibilitäten zu umreißen oder aufmerksam für Worst-Case-Szenarien zu bleiben. Religionen werden auch künftig Teil, wenn nicht ambivalente Triebfeder der Geopolitik sein. Religiöse Identitäten werden in die Bewältigung ökonomischer, sozialer und ökologischer Krisenszenarien verflochten sein. Religionen werden die Unwucht der Weltrisikogesellschaft ausgleichen oder in einer sich herausschälenden multipolaren, durch Migrationsdynamiken gekennzeichneten Welt konfliktverschärfend wirken. Die Religionen der Welt stehen vor der bleibenden Herausforderung, sich mit Fundamentalismen und politisierten Identitätszuschreibungen auseinanderzusetzen, um einem Aufeinandertreffen antagonistischer, religiös konnotierter Hegemonialblöcke zu begegnen.

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Andreas Heuser

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