Lebendig

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Der Wert dieser nachgetragenen Veröffentlichung aber liegt in ihrer unbestechlichen Analyse einer Wahrheit, der niemand gern ins Gesicht sieht

Plötzlich steht die Welt der Literatur auf dem Kopf. Was bislang als unerreichter Erstlingswurf einer Autorin galt, offenbart sich 55 Jahre nach seinem Erscheinen als ein Nachläufer, der vom Lektorat gelenkt wurde. Eine Vaterfigur, die der gesamten, bürgerlichen Welt als Vorbild der Toleranz vorgeführt wurde, enthüllt ihre rassistischen Vorurteile, und eine Kindheitsidylle entpuppt sich als ein Hort des Unverständnisses und der Einsamkeit. Ursprünglich hat Harper Lee ein Buch darüber geschrieben, wie ihre kantige Heldin Jen-Louise Finch dem heillos spießbürgerlichen Maycomb in Alabama entronnen ist.

Dabei geht es nicht allein um Rassismus. Dieser erste Romananlauf enthält auch die Abrechnung mit einem Methodismus, der Hand in Hand mit den Ideen des Ku-Klux-Clan ging und seine festgefahrenen Ansichten von Weiblichkeit und hierarchischer Gesellschaftsordnung für gottgewollt hielt. Aber 1960 schien ein solch ernüchterndes Urteil über die spirituellen Grundlagen Amerikas noch nicht opportun. Der Wert dieser nachgetragenen Veröffentlichung aber liegt in ihrer unbestechlichen Analyse einer Wahrheit, der niemand gern ins Gesicht sieht: Zumindest der Rassismus lässt sich nicht mit hehren Idealen und Gesetzen ausrotten. Die literarischen Schwächen des Buches treten besonders im zweiten Teil zum Vorschein, der fast nur noch aus langen Dialogen und Gedankenfetzen der Protagonistin besteht. Das ist ermüdend und könnte die Hörerin in Versuchung führen, die MP3 vorzeitig abzubrechen. Aber die variantenreiche, äußerst lebendige Inszenierung des Textes durch Nina Hoss hilft, bei der Stange zu bleiben, um die Selbstfindung einer jungen Amerikanerin abzuwarten.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter. Der Hörverlag München, 2015, MP3-CD. Laufzeit: 450 Minuten.

Susanne Krahe

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