Ewige Überwindung des Negativen

Die Erfahrungen als Feldprediger veränderten den Protestanten Paul Tillich und seine Theologie
1962 empfing Paul Tillich (links) in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Anwesend war auch Altbundespräsident Theodor Heuss. Und die Laudatio hielt Berlins Bischof Otto Dibelius. Foto: dpa/ Heinz-Jürgen Göttert
1962 empfing Paul Tillich (links) in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Anwesend war auch Altbundespräsident Theodor Heuss. Und die Laudatio hielt Berlins Bischof Otto Dibelius. Foto: dpa/ Heinz-Jürgen Göttert
Vor hundert Jahren wurde Paul Tillich an der Marnefront stationiert. Wie der Pfarrer und später weltberühmte Professor predigte und seine Kriegserlebnisse theologisch verarbeitete, zeigt der Dürener Pfarrer Dirk Siedler. Er promovierte über Tillich und die Theologie der Religionen.

Paul Tillich heiratete am 28. September 1914 und zog am 1. Oktober, im Alter von 28 Jahren, als Freiwilliger in den Krieg. Wenn er auch optimistisch gestimmt war, zeigen seine Aufzeichnungen nicht den Enthusiasmus, der andere Soldaten und Theologen erfüllte. Als Feldprediger wurde Tillich der 7. Reservedivision des 4. Artillerieregiments zugewiesen und über Belgien ins französische Bieuxy gebracht, das rund 60 Kilometer westlich von Reims liegt. Über die Fahrt berichtet er: "Jetzt sitze ich im Coupé Erster Klasse ... Der Anblick der zerschossenen Häuser ist greulich, der gefangenen Franzosen tragisch, unserer Verwundeten erhebend." Noch ist die Front einige Kilometer entfernt.

Mit zunehmendem Beschuss werden die Gottesdienste vorsorglich in Kalkhöhlen verlegt. Im Januar 1915 predigt Tillich über 1. Korinther 13,8: "Die Liebe höret nimmer auf." Er fragt rhetorisch: "Hat nicht vom ersten Kriegstage an der Engel der Liebe die Welt verlassen, die ihn nicht mehr brauchen konnte? Ist es nicht gerade das Gegenteil zu dem verlesenen Wort das Ende der Liebe?" - aber nur um dem entgegenzusetzen: "Nein, die Liebe hat auch jetzt nicht aufgehört, vielmehr ist sie mächtiger geworden denn je zuvor. Triumphiert hat sie in all ihren Formen." Tillich erkennt den "Sieg der Liebe in den Tagen des Hasses", in der Liebe untereinander und in der Liebe Gottes zu den Kameraden. Liebe zu Volk und Vaterland sei früher nur ein "schwankendes Gefühl" gewesen, nun aber "loderten die Flammen der Liebe auf". Tillich führt die "gegenseitige Aufopferung" der Soldaten an. Und die Liebe zeige sich auch im "Einswerden der Seelen" mit Familien und Freunden über die Entfernung hinweg. Er sieht die Liebe aber keineswegs auf das eigene Volk begrenzt: "Ist nicht dein Feind die Grenze der Liebe?" Angesichts der Jahrzehnte lang gepflegten Erbfeindschaft mit Frankreich ist Tillichs Widerspruch durchaus bemerkenswert: "Wir hassen nicht den einzelnen, wir hassen den Volkswillen ... wir hassen die Mächte der Bosheit." Und dennoch: "Es ist die Kehrseite jeder Liebe, daß sie die Bosheit und Lieblosigkeit ablösen und bekämpfen muss." Immerhin - aber letztlich wird der Krieg dann doch legitimiert durch die Liebe, die die Bosheit bekämpfen muss.

Nach Weihnachten hat sich der Stellungskrieg festgefahren, und Tillich schreibt in einem Gedicht: "Doch wir liegen traurig stumm in Lehm und Kot, / Hier im Westen, werden ernst und alt, / Denn des Sonnenuntergangs Gewalt, / Hüllt vergangenen Tag in Dämmerung und Tod." Über Wochen tut sich nicht viel. Kampfhandlungen und Langeweile lösen einander ab.

Das Dennoch des Mutes

Im Oktober 1915 wird Tillichs Einheit in die Champagne verlegt, um die Front nördlich der Marne zu verstärken. So misslingt am 30. und 31. Oktober ein Durchbruchsversuch der Alliierten in der Schlacht von Tahure. Im Mai 1916 wird Tillichs Truppe 80 Kilometer weiter östlich nach Verdun verlegt. Im Juli kann er Heimaturlaub nehmen und in Halle an der Saale seine Habilitation mit einer Probe- und seiner Antrittsvorlesung abschließen. Als Tillich zurückkommt, kämpft seine Truppe bereits an der Somme.

Dort versucht eine britisch-französische Großoffensive seit Juni die deutschen Stellungen einzunehmen. Mit einer Million getöteter, vermisster und verwundeter Soldaten auf beiden Seiten gehört diese Schlacht zu den verlustreichsten des Krieges. Der anfängliche Optimismus und die Erwartung eines schnellen Sieges waren schon längst verflogen. Und das spiegelt sich auch in Tillichs Predigten, in denen er die verheerenden Verluste verarbeiten und trotzdem Glauben verkündigen musste. Psalm 73, "dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand", gibt ihm die Möglichkeit, diese Spannung anzusprechen: "Von des Menschen Dennoch zur Welt und von Gottes Dennoch zum Menschen wollen wir reden. Wir können 'dennoch' sagen zur Welt; denn Gott hat 'dennoch' gesagt zu uns." Tillich erinnert an den Kriegsbeginn: "Hunderttausende eilten freiwillig zu den Waffen." Er beschreibt dies als das "Dennoch des Mutes", um dann die aktuelle Situation aufzugreifen: "Und das Meer von Schmerz, das dieser Krieg über die Völker bringt, es ertränkt in Millionen von Herzen die Freude ... und der Weg zur Freude, er ist der Weg des Dennoch, des Dennoch zu allem Leiden."

Tillich führt das Dennoch des Mutes und der Freude weiter zum Dennoch der Liebe, das jenseits dieser Welt triumphieren werde: "das große Dennoch der Liebe, es führt in ein Reich, das nicht von dieser Welt ist, da die Liebe herrscht und Gott König ist." Dieses Dennoch Gottes zu den Menschen ermöglicht Distanz zur Welt: "Es ist das Wunderbarste und Tiefste, das Geheimnis aller Religion: Das göttliche Dennoch zum Menschen." Gott steige in der Finsternis zu uns herab, und obwohl der Mensch im sterblichen Leibe wandle, hebe Gott ihn empor und lasse ihn teilhaben an seiner Ewigkeit.

Fast 40 Jahre später, 1952 wird Tillich dieses Dennoch ausführlich in einem seiner bekanntesten Werke darlegen, dem "Mut zum Sein". Er sucht dann nach dem Grund des Mutes, der über alle Zweifel und Anfechtungen erhaben ist. Tillich findet den Grund im "absoluten Glauben": "Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist." Vermutlich hat Tillich sein theistisches Gottesbild auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges verloren und ein Gottesbild gefunden, das einer existentiellen Infragestellung standhält.

1917 - im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, des Kriegseintritts der USA, der Defensive deutscher Truppen an der Westfront und des Beginns der Revolution in Russland - spricht Tillich den Soldaten zu "Ihr seid das Licht der Welt!" (Matthäus 5,14): "Wenn die Mauern gefallen sind, die Haß und Lüge um uns gebaut haben, dann wird es hinleuchten in alle Lande."

Es scheint, Tillich habe schon die Zeit nach dem Krieg im Blick und möglicherweise Deutschlands Niederlage. Jedenfalls sagt er: "Bleibt, was ihr seid! Sorgt dafür, daß euer Licht nicht erlöschen möge!" Der Zuspruch vom Licht gelte auch für Frauen und Kinder in der Heimat: "Ihr seid das Licht für eure Heimat! Jeder Brief von euch kann und soll ein Lichtstrahl sein für die Euren." Erstaunlich: Jene, die im Morast der Schützengräben allen Mut und alle Hoffnung verloren haben müssten, werden zu Mutmachern für die in der Heimat. Und Tillich setzt auch bei der Erneuerung der Kirche auf sie. Ob er schon ahnt, dass auch die Fundamente der evangelischen Kirche ins Wanken geraten werden?

Im Nachhinein wissen wir: Nichts ist geblieben wie es war, der Krieg hat die Monarchien in Deutschland hinweggefegt und damit der evangelischen Kirche eine neue Basis gegeben: "Meint nicht, daß die Kirche eine Angelegenheit der Pfarrer sei! Die, die uns den Auftrag geben zu unserem Dienst, das seid Ihr! Unsere Kirche ist in Gefahr: Kampf im Innern und ein heißes Suchen und Drängen, Kampf nach außen." Tausende hätten sich in allen Schichten des Volkes von der Kirche entfernt. Tillich appelliert daran, dass trotz aller Fragen und aller Verzweiflung etwas Neues gewachsen, "ein neues Verstehen, ein neues Haben Gottes" entstanden sei. Das theistische Gottesbild wird von einer anderen Gottesvorstellung abgelöst: "Ihr seid das Licht der Welt! Ihr müßt unserer Kirche neues Leben bringen, ihr müßt ihr helfen, stärker und reifer zu werden. Aus den Schützengräben komme die Zukunft für Volk und Kirche." Ob diese Hoffnung berechtigt war? Der weitere Verlauf der Geschichte lässt einen da eher skeptisch urteilen.

Den Soldaten zugewandt

Mit den Kriegsschauplätzen Tahure, Verdun und an der Somme war Tillich sicher an den Kriegsorten der Westfront eingesetzt, die zu den schlimmsten zählten. Seine Feldpredigten lassen den Schrecken erahnen. Sie sind den Soldaten zugewandt, schlagen die Brücke in die Heimat und weiten den Horizont auf Gott und schließlich auf die Zeit nach dem Krieg. Immer wieder setzt er sich mit Glaubenszweifeln auseinander. Daher überrascht es nicht, dass sich im Marburger Paul-Tillich-Archiv eine handschriftliche Skizze zum "Problem der Theodizee" findet, nach Gottes Gerechtigkeit angesichts des Übels in der Welt. Sie dürfte entweder während des Krieges entstanden sein oder kurz nach Kriegsende bei Zusammenbruch des Kaiserreichs. Tillich unterscheidet zwei Formen, dualistische und monistische Theodizeen.

Die ersten seien realistisch und pessimistisch. Dazu zählten Neuplantonismus, Manichäismus, Teufelsglaube und mystische Formen wie bei Jakob Böhme. Hier werde "alles Negative in Welt und Leben zurückgeführt auf ein persönliches Prinzip, den Gott der Finsternis, der mit dem des Lichtes im Kampf steht."

Die monistische Form gebe allein Gott Recht. Alles Übel und Widergöttliche sei nicht wirklich: "Das Relative und Unvollkommene ist nicht in Wahrheit; es hat im Grunde keine Realität. Alle Realität liegt in der einen ewigen Substanz; die Dinge sind Modi seiner Existenz, sind nicht-seiend." Die Philosophen Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) hätten diesen Ansatz variiert.

Beide Formen hält Tillich für unbefriedigend: Entweder werde, wie in den monistischen Theodizeen, die Heiligkeit Gottes gewahrt und damit die Wirklichkeit des Bösen relativiert oder aber, wie in den dualistischen Theodizeen, die Gottheit Gottes nicht gewahrt, weil das Böse eine Gott ebenbürtige Kraft werde. So kommt Tillich zu der Schlussfolgerung: "In dem unbedingten Recht Gottes der Welt gegenüber und zugleich in dem Teilnehmen Gottes an der Realität der Welt liegt das Fundament jedes Monotheismus und jeder Theodizee ... Dabei wissen wir, daß alles relativ ist, und in den höchsten Augenblicken, wo Leben und Kultur, wo Welt und Gott zerbrechen, da bleibt nichts übrig, als zu sagen: Gott hat Recht vor aller Theodizee. Das ist die wahre Theodizee."

Ein halbes Jahrhundert später liest sich das am Ende seines Opus Magnum, seiner Systematischen Theologie, so: "Das göttliche Leben ist die ewige Überwindung des Negativen. Das göttliche Leben ist Seligkeit durch Kampf und Sieg." Im Nachhinein sah Tillich im Ersten Weltkrieg das "Verhängnis der europäischen Kultur" und die "notwendige Konsequenz einer bestimmten Gesellschaftsordnung". In den Revolutionswirren nach dem Krieg hielt der Theologe Vorträge bei den Unabhängigen Sozialdemokraten. Und er sympathisierte mit den Religiösen Sozialisten. Nach der Machtübergabe an die Nazis wurde Tillichs "Sozialistische Entscheidung" eingestampft. Er verlor seinen Frankfurter Lehrstuhl, Adorno war sein Assistent, floh in die USA und begann von neuem seine Theologie auszuformulieren. Er wurde dort in New York, in Harvard und schließlich in Chicago, zu einem der angesehensten Theologen. 1962, drei Jahre vor seinem Tod, erhielt Paul Tillich in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Laudatio hielt in Anwesenheit von Altbundespräsident Theodor Heuss der Berliner Bischof Otto Dibelius.

Dirk Siedler

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