Grenzgänger

Zwischen Kafka und Koran
Bild
Kermanis west-östliche Erkundungen schlagen nicht nur eine politische Brücke zur arabischen Welt, sie befassen sich besonders eindringlich auch mit der islamischen Religion und der arabischen Literatur.

Kafka und Koran - die beiden Schlaglichter kennzeichnen eine Spannweite, zwischen deren Polen Navid Kermani sich als Schriftsteller bewegt: "Offenbarung und Literatur, religiöse und ästhetische Erfahrung, islamisch geprägte und deutschsprachige Geistesgeschichte", kurz: Orient und Okzident, so schreibt der Orientalist und Essayist in der Einleitung, seien lange Zeit für ihn die wichtigsten Bezugspunkte seines Denkens und Schreibens gewesen.

Dem in Deutschland aufgewachsenen Schriftsteller iranischer Herkunft ist in dieser Spannung eine Rolle zugewachsen, mit der er sich in dem Reden- und Essayband sensibel und facettenreich auseinandersetzt: eine Art Stellvertreterfunktion für die jüdischen Weltbürger deutscher Sprache, die bis in das 19. Jahrhundert, bis hin zur Nazizeit der deutschen Literatur ein europäisches, ja kosmopolitisches Profil gaben.

Der geweitete, subtile Blick in die offensichtlich geliebte Literatur dieser Zeit erweist sich an der Auseinandersetzung mit Goethes Religion, Kleists rasendem Liebesunglück oder der kritischen Einfühlung in Wagners Musik. Franz Kafka, Stefan Zweig, Hermann Hesse, auch Lessing und Shakespeare beschäftigen ihn in monographischen Versuchen.

Hier erhält die literarische Aneignung auch eine politische Kontur. Im Zentrum dieser politischen Betrachtungen steht Kermanis Dankesrede zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken: "Arendt und die Revolution". Hier behandelt er ein Problem, das die Epoche der Weltkriege gekennzeichnet und das Hannah Arendt umgetrieben hat: den Konflikt zwischen dem ethnischen Monopolanspruch des Nationalstaats und dem Schutz der Menschenrechte, deren Proklamation ja gerade mit der revolutionären Emanzipation des Nationalstaats verbunden ist. Dieses Problem wird angesichts des aktuellen Flüchtlings- und Migrationsdrucks wieder drängend akut.

Die Rechte eines jeden Menschen werden gewöhnlich an die Staatsbürgerrechte oder an die Forderung des Mitleids gekoppelt; ihnen komme aber der Status eines kategorischen Imperativs zu: "Wer die Rechte anderer verletzt, zerstört die Grundlage der eigenen politischen Existenz" schreibt Navid Kermani im Anschluss an Hannah Arendt. Er bezieht diese Pointe aber weniger auf das Flüchtlingsschicksal als auf den "weiten Weg von der Befreiung zur Freiheit" der arabischen Völker zwischen arabischem Frühling, Bürgerkrieg und Terror.

Kermanis west-östliche Erkundungen schlagen nicht nur eine politische Brücke zur arabischen Welt, sie befassen sich besonders eindringlich auch mit der islamischen Religion und der arabischen Literatur. In seinem Eröffnungsessay "Der Koran und die Poesie" lenkt den Blick auf die poetische Qualität und Schönheit der Sprache des Korans. Der in der Sprache der altarabischen Dichtung verfasste Text werde als "direkte Gottesrede" rezitiert, und darin werde der Offenbarungstext auch als Kunstwerk erfahrbar. Diese ästhetische Qualität habe einen nachhaltig prägenden Einfluss ausgeübt. Die Klarheit der Sprache, in der sich die "Inverbation" Gottes in der Koranlesung vollziehe, erweise sich aber nicht in der Eindeutigkeit (mit der man etwa Gesetzestexte verstehe), sondern in der narrativen Vieldeutigkeit und poetisch offenen Auslegung.

In seinem wohl schönsten Text spannt Kermani eine Brücke zwischen dem späten "Buch des Leidens" des persischen Mystikers Fariduddin Attar und dem biblischen Buch Hiob. Die Auflehnung gegen Gott hier wie dort leugnet Gott nicht, sie fordert ihn heraus und wird gerade darin von Gott angenommen und nicht gestraft, sondern respektiert. Das bahnt schließlich der Einsicht den Weg: "Die Größe einer Kultur erweist sich, wo sie den Affekt gegen ihre größten Autoritäten zulässt, sogar den Affekt gegen Gott."

Die scharfen und feinen Beobachtungen dieses kritischen Vermittlers zwischen den poetischen, politischen und religiösen Kulturen sind offenbar das Geschenk einer intellektuellen Position am Rande oder - wie Navid Kermani selbst sagt - einer "selbstbewussten Affirmation des Andersseins", der überaus fruchtbaren Spannung zwischen Herkunft und gegenwärtiger Lebenswelt.

Gekrönt wird die Leistung dieses trittsicheren Grenzgängers durch eine Studie über die Entfremdung im schiitischen Passionsspiel und die im Anhang dokumentierte Rede zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes vor dem Deutschen Bundestag im Mai des vorigen Jahres.

Navid Kermani: Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen. C. H. Beck Verlag, München 2015, 365 Seiten, Euro 24,95.

Hans Norbert Janowski

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen