Unerledigte Päckchen

Wie Deutsche und Polen über Versöhnung denken
Bei der Arbeit im Krankenhausgarten kommen die Teilnehmerinnen des Projektes in Kontakt miteinander. Foto: Brigitte Lehnhoff
Bei der Arbeit im Krankenhausgarten kommen die Teilnehmerinnen des Projektes in Kontakt miteinander. Foto: Brigitte Lehnhoff
Seit 40 Jahren engagieren sich Christen aus Ost- und Westdeutschland in einem Versöhnungsprojekt für das Kindergesundheits- und Gedächtniszentrum in Warschau. Auch in diesem Sommer waren wieder Freiwillige dort, um tatkräftig mit anzupacken. Zum letzten Mal allerdings, denn das Projekt wurde nun offiziell beendet. Ist Versöhnung also von gestern? Die Journalistin Brigitte Lehnhoff hat den Einsatz begleitet.

Keine Wolke am Himmel, die Sonne brennt, gefühlt liegt die Lufttemperatur bei mindestens 35 Grad. Hecke schneiden oder Spielplatz pflegen? Johanna Kulenkampff entscheidet sich für die Hecke. Ihr Handwerkszeug ist eine kleine Rosenschere. Damit soll sie die Zweige immer genau in einer Blattachsel kürzen, der Schnitt sieht dann natürlich aus. Geduldige Handarbeit ist gefragt. Warum tut sich die 77-Jährige diese Strapaze an? Unkraut jäten, Büsche auslichten, Bodendecker beschneiden: Was hat das mit Versöhnung zu tun?

Die pensionierte Lehrerin aus Hannover antwortet ohne zu zögern. Viele Gedenkstätten in Warschau erinnern an deutsches Unrecht und die sinnlosen Kriegszerstörungen, sagt sie. Und solange es Überlebende der Besatzungszeit gibt, will sie mit ihrem Engagement wenigstens eine Haltung zum Ausdruck bringen: "Dass wir uns heute als Menschen begegnen, die gemeinsam das Leben bewältigen wollen und müssen."

Unbefangen geht Eva-Lotta Hagen an den Einsatz heran: "Ganz ehrlich, wenn ich an Polen denke, denke ich nicht zuerst an den Zweiten Weltkrieg." Die 21-Jährige studiert an der Uni Osnabrück Erziehungswissenschaften und Soziologie. Auf der Suche nach einem Reiseziel für die Semesterferien wurde sie bei den Sommerlagern von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) fündig. Die Kombination Kinderkrankenhaus und Warschau passte: "Weil ich in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Chile auch mit Kindern zu tun hatte und weil ich Warschau als Stadt reizvoll finde."

Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Motive der zwölf Frauen, die zwei Wochen lang bei einem der mutmaßlich ältesten deutsch-polnischen Versöhnungsprojekte mitmachen. Einige treibt ihre Familiengeschichte um. Die Väter waren als Wehrmachtssoldaten in Polen. Bis heute ist das "ein unerledigtes Päckchen", wie eine der Frauen es ausdrückt. Aber Versöhnung? Die meisten empfinden den Begriff als zu hoch gegriffen. Sie wollen einfach nur mehr über Land und Leute erfahren, Menschen begegnen, im Gespräch bleiben.

Vor fünfzig Jahren ging es darum, überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen. Die Fronten zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn waren emotional und politisch verhärtet. Wegen der Oder-Neiße-Grenze und der Vertreibung galt das besonders für das deutsch-polnische Verhältnis. Den "Zustand einer so gut wie völligen Entfremdung und gegenseitiger Furcht- und Hassgefühle" diagnostizierte die Evangelische Kirche in Deutschland in ihrer sogenannten Ostdenkschrift vom Oktober 1965. Darin rief sie die Völker zur Versöhnung auf. Wenig später, am 18. November, machten auch die polnischen katholischen Bischöfe einen Versuch, die Fronten aufzubrechen. In einem Brief an ihre deutschen Amtsbrüder reichten sie symbolisch die Hand zur Versöhnung. Aber die Kirchen waren ihrer Zeit voraus. Erst Anfang der 1970er Jahre gingen Politiker aus Polen und Deutschland aufeinander zu.

Auf dieser Grundlage konnte sich das Versöhnungsprojekt mit dem Warschauer Kinderkrankenhaus entwickeln. Generalsuperintendent Albrecht Schönherr, damals Vorsitzender des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR, hielt sich 1975 in der polnischen Hauptstadt auf. Dabei besichtigte er auch die Baustelle des Krankenhauses. Ein Denkmal des Lebens entstand dort, gewidmet den 13 Millionen Kindern, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren hatten. Diese Idee berührte den Kirchenmann und er sagte spontan eine Spende von 500.000 Mark zu. Evangelische Gemeinden in der DDR sammelten dann fast die dreifache Summe.

Einsatz im Bautrupp

An diese Zeit kann Sylvia Herche sich noch gut erinnern. Damals war sie Vikarin in der DDR und erlebte mit, wie sich aus der Spendenaktion Sommereinsätze im Kinderkrankenhaus entwickelten, abwechselnd verantwortet von Aktion Sühnezeichen Ost, von der ökumenischen Jugend und den evangelischen Frauen in der DDR. In den ersten Jahren rückten die Freiwilligen als Bautrupp an. Als das Krankenhaus fertig war, wurden sie in der Küche, auf den Krankenstationen und im Garten eingesetzt. Sylvia Herche wollte zwar immer einen Einsatz mitmachen, die nötige Zeit dafür hatte sie aber erst nach ihrer Pensionierung.

Das Engagement der Pfarrerin aus Görlitz begann, als das Versöhnungsprojekt vor einer Zäsur stand. Zwar hatte es die Wende überlebt und war von einem ostdeutschen zu einem gesamtdeutschen Projekt der wiedervereinigten Frauenhilfe geworden. Aber der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen stieg auf 70, jüngere Frauen waren für die Versöhnungsidee nicht mehr zu gewinnen. Als 2008 die Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD) Trägerin des Projekts wurden, reifte der Entschluss, das Projekt zu beenden. Aber nicht sang- und klanglos, sondern mit Perspektive.

Die eröffnete sich über eine befristete Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF). Seit 2012 sind wieder jüngere Frau dabei, in diesem Sommer auch Aleksandra Janowska. Die 29-jährige Polin studiert angewandte Literaturwissenschaften in Berlin. Was sie an dem Versöhnungsprojekt reizt? Das Gärtnern als willkommener Kontrast zur Schreibtischarbeit, sagt sie. Vor allem aber die Gespräche mit den anderen Frauen, die als Ost- und Westdeutsche völlig unterschiedliche Biografien haben. Auch Erinnerungsstätten zu besichtigen, ist ihr wichtig: "Weil wir die Zukunft nur verantwortlich gestalten können, wenn wir die Geschichte reflektieren - die Geschichte unserer Familie, unseres Landes, die Geschichte Europas."

Doch das Reflektieren stößt an Grenzen, wenn fast nichts mehr an die Vergangenheit erinnert. So geht es den Frauen zum Beispiel, als sie den Bezirk des ehemaligen Warschauer Ghettos erkunden. Sie geraten fast in ein Streitgespräch über die Frage, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit Geschichte Menschen im Innersten berühren, ihr Denken und Handeln verändert kann. Jedenfalls reicht es nicht, die Nazi-Zeit als Thema fest im schulischen Lehrplan zu verankern, meint Eva-Lotta Hagen. Es kommt darauf an, wie der Stoff vermittelt wird: "In meiner Schule wurde das Thema eindeutig überstrapaziert", kritisiert die 21-Jährige. Über die DDR hingegen hätten sie und ihre Mitschüler so gut wie nichts erfahren: "Ist das denn nicht auch ein Teil unserer Geschichte?"

Ob es zur Begegnung mit Alina Danbrowska kommt, bleibt bis kurz vor dem verabredeten Termin offen. Die alte Dame ist 92. Aber es geht ihr schließlich so gut, dass sie zusagt. Fast zwei Stunden lang erzählt sie von dem Teil ihres Lebens, dessen unauslöschliche Spur sie auf dem linken Unterarm trägt. Alina Dabrowska hat Auschwitz überlebt. Seit vielen Jahren fährt sie mit der evangelischen Versöhnungsinitiative "Zeichen der Hoffnung" nach Deutschland, besucht dort Schulklassen und erzählt über ihre Zeit im Konzentrationslager. Dabei geht es ihr nicht um das eigene Schicksal, sagt sie. Sie möchte den Blick der Schüler schärfen. Damit sie früh die Wurzeln von Hass und Krieg erkennen: "Dass Menschen andere Menschen ausgrenzen und erniedrigen, passiert überall und immer wieder."

Diese Haltung beeindruckt die Frauen zutiefst, sie ist aber nicht selbstverständlich. Aus politischer Sicht gelten Deutsche und Polen zwar als versöhnt. Vertreter aus Politik und Gesellschaft haben die dafür notwendigen Schritte getan. Sie haben Verantwortung für Verbrechen übernommen, Schuld anerkannt, um Vergebung gebeten und Vergebung gewährt. Versöhnung zwischen Völkern muss sich aber auf zwei Ebenen vollziehen, auf der politisch-gesellschaftlichen und auf der individuellen. Demnach ist der Versöhnungsprozess noch nicht beendet. Denn auf beiden Seiten pflegen Menschen noch Vorbehalte und Vorurteile.

Fremdes Land

Eine Kostprobe gibt Elsbeth Boxberg aus dem baden-württembergischen Tuningen. "Wäre ich nach Portugal gefahren, hätte das jeder verstanden, als ich aber gesagt habe, dass ich nach Polen fahre, haben mich Leute gefragt: Polen? Warum nach Polen?" Das Land ist bis heute vielen sehr fremd, sagt die 66-Jährige. Sie nimmt eine Abwehrhaltung wahr, die darauf zielt, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Diese Haltung spitze sich zu in Aussagen wie "Lass das ruhen, rede nicht mehr drüber, das ist doch vorbei" oder "Wir waren's nicht, was geht uns das noch an".

Aber Verdrängung gibt es auch auf polnischer Seite. Wenn Menschen ihr Heimatland nur in der Opferrolle sehen wollen und eigene Schuldverstrickungen ausblenden. Die evangelische Theologin Halina Radacz schildert ihre jährlich sich wiederholenden Eindrücke, wenn am 1. August Polen an den Warschauer Aufstand erinnert. "Viele alte Leute marschieren durch Warschau, mit ihren Enkeln und Urenkeln, die alle Vorurteile übernehmen." Begegnungen und aufarbeitende Gespräche sind für die Theologin das A und O. "Sonst bleibt es beim Hass und den alten Feindbildern."

Jakub Deka von der Stiftung Deutsch-Polnische Aussöhnung teilt diese Einschätzung: "Die Jüngeren brauchen Kontakte, um Vorurteile abzubauen." Versöhnung erwartet er von ihnen allerdings nicht: "Das war die Sache der älteren Generationen." Deka berichtet, dass in den letzten Jahren verstärkt Anfragen aus Ostasien bei ihm eintreffen, wie Versöhnung zwischen ehemals verfeindeten Staaten funktioniert. "Das deutsch-polnische Verhältnis ist für sie ein Vorbild."

Polnische Kirchenvertreter bestätigen zwar, dass Deutsche und Polen sehr viel erreicht haben. Daraus aber abzuleiten, Versöhnung sei nicht mehr nötig, wäre ein Irrtum. "Weil Versöhnung vom Erinnern lebt", argumentiert Ireneusz Lukas, Generalsekretär des Polnischen Ökumenischen Rates. Er beobachtet, dass die junge Generation oft gar nicht mehr weiß, warum die Väter und Großväter sich haben versöhnen müssen. Das hält er für gefährlich, "weil Geschichte sich wiederholt".

Jaroslaw Mrówczynski, stellvertretender Generalsekretär der Polnischen Katholischen Bischofskonferenz, argumentiert mit der gegenseitigen Akzeptanz. Die sei bei vielen noch nicht wirklich vorhanden. Der Theologe macht das daran fest, dass Unterschiede zwischen Polen und Deutsche nicht als selbstverständlich gesehen werden, sondern Anlass für wertende Urteile sind. "Sich zu unterscheiden bedeutet aber nicht, dass jemand schlechter oder besser ist."

Was heißt das nun alles für das Versöhnungsprojekt mit dem Warschauer Kinderkrankenhaus? Direktorin Malgorzata Syczewska respektiert zwar die Entscheidung von EFiD und ASF, das Projekt zu beenden. Aber im Grunde wünscht sie sich, dass der Faden nicht abreißt. "In den vergangenen vierzig Jahren haben wir uns als ganz normale Menschen kennengelernt, mit denselben Problemen und Träumen, das ist enorm wichtig, um den Frieden zu bewahren." Dieser Friede ist aber wieder gefährdet. Das beunruhigt die Ärztin. Sicher auch, weil nicht klar ist, wie sich der Konflikt in der Ukraine, also in der direkten Nachbarschaft Polens, entwickelt.

Was vor vierzig Jahren als Versöhnungsprojekt begann, ist demnach heute so aktuell wie damals. Begegnungen und Erinnerungsarbeit bleiben wichtig, besonders für junge Menschen, sagt Malgorzata Syczewska. "Um Schuld darf es natürlich nicht mehr gehen, aber die Idee des vereinten Europa braucht eine Auffrischung."

Brigitte Lehnhoff

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