Rausch der Tiefe

Das Blau sorgt für Grenzerfahrungen und steht doch für ewige Werte
Vorsicht vor den blauen Augen der Nixen! Foto: dpa
Vorsicht vor den blauen Augen der Nixen! Foto: dpa
Jede Farbe hat symbolische Bedeutungen, die bewusst oder unbewusst in uns wirken. Die Kommunikation der Farben beruht auf Archetypen, aber auch auf historischen, kulturellen und sozialen Werten, die sich im Laufe der Zeit ändern. Was das Blau mit uns macht, beschreibt der Farbpsychologe Klausbernd Vollmar.

Blau ist so gegensätzlich wie unsere Gefühle. Die Melancholie sagt "I am feeling blue" und liebt den Blues. Blau schafft aber zugleich ein Wohlgefühl durch seine entspannende Wirkung, seine Ruhe und Offenheit. Es verlangsamt das Denken, löst Verspannungen und lindert Schlafbeschwerden. Es ist die ideale Farbe, um wieder in die eigene Mitte zu kommen und fördert die Regeneration. Wer sich um Hingabe und die Entwicklung seiner Seelenkräfte bemüht, sollte sich mit Blau umgeben und häufig Blau tragen. Hilfreich ist Blau für Menschen wie Choleriker oder impulsiv Handelnde, denn es schafft Gelassenheit und Geduld. Gift ist es hingegen für Menschen in depressiven Stimmungen.

Indigo (Blauviolett), das genau zwischen Blau und Violett steht, gibt Ruhe und Tiefe. Als Ruhepol des Spektrums beruhigt es überreizte Menschen. Mit Indigo gefärbten Tüchern wurden die ägyptischen Mumien umwickelt, und keltische Briten wie Königin Bodicea führten ihre Krieger mit indigofarbenen Körpern in den Kampf gegen die Römer. Das hatte praktische Gründe, denn Indigo besitzt als Astringenz, die die Haut zusammenzieht, eine heilende Wirkung für Wunden. Es ist ferner eine klassische Farbe von Tätowierungen.

Blau ist zwar eine Farbe der Emotionen, aber als kalte Farbe wirkt ein mittleres Blau in der Kleidung distanzierend. Hier tritt der emotionale Charakter von Blau hinter seinem neutralen Charakter zurück.

Untersuchungen zeigen, dass man in blauer Kleidung und blauen Räumen eher friert. Die kühlende Wirkung von Blau ist der Grund für die blaue Verhüllung der Tuareg, für die als Wüstenvolk die Kühlung existenziell ist.

Grace Kelly trug ein eisblaues Satinkleid bei der Verleihung des Oscars für ihren Film "Ein Mädchen vom Lande". Blau lässt alles kleiner werden, aus der gestandenen Frau wird das Mädchen vom Lande. Grundsätzlich macht Blau den Dicken dünner und den Langen kürzer.

Blauer Anzug

Blau ist die Farbe der Konvention. So kann man mit dem blauen Anzug oder dem blauen Abendkleid nichts falsch machen, außer dass man zu bieder wirkt. Blau drückt Besonnenheit, Nüchternheit und Zurückhaltung aus. Es möchte signalisieren, dass man über den Dingen steht. Wenn man sich unsicher fühlt, kleidet man sich blau. Soldaten, Polizisten und Wachleute tragen blaue Uniformen, um sich Sicherheit zu verleihen. Allerdings stellt das Blau im klassischen Matrosenanzug eine Ausnahme dar. Hier geht es um die Verbindung mit dem Meer. Wenn im viktorianischen England Jungen ins Matrosenkostüm gesteckt wurden, sollte damit ihr Wunsch geweckt werden, später zur See fahren. Wer die See beherrscht, der beherrscht die Welt. Das war den Engländern der damaligen Zeit höchster Glaubenssatz.

Blaue Kleidung bedeutete bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts andererseits auch billige Kleidung. Es war die Berufskleidung: der Blaumann und die Jeans. Ursprünglich war der Jeansstoff für Zelte gedacht. Levi Strauss fertigte daraus Nietenhosen, und die Jeans war geboren. Das Besondere der Jeans ist ihr Farbverhalten: Sie wäscht sich ständig aus und verändert ihre Farbe. Eine Jeans wird erst durch Auswaschen schön, deswegen kamen später vorgewaschene Jeans in Mode. Die Jeans ist dem Mythos von Abenteuer, Jugend, Rebellion und Freiheit verbunden. James Dean trug bei seinen großen Erfolgen enge Blue Jeans. Und auf Fanseiten im Internet wird noch immer auf seine blauen Augen hingewiesen.

Blauäugige Menschen waren und sind begehrt. Auch auf den Leinwänden früherer Tage. Selbst Engel wurden mit großen blauen Augen gemalt. Die Himmelsweite spiegelt sich im blauen Auge. Die blauen Augen von Simonetta Vespucci, Modell des Malers Botticelli, galten als das Non-Plus-Ultra der Attraktivität. In der Neuzeit waren es die edelsteinblauen Augen von Jeanne Hebuterne, des Modells und der Frau von Amedeo Modigliani. Es passt in das Bild, dass Modepuppen meist aus kobaltblaue Augen den Betrachter anstarren. Und natürlich hat auch Barbie blaue Augen...

Blaue Augen

Die Attraktivität der blauen Augen ist an unsere Kultur gebunden. Im Islam hingegen besitzt der Teufel blaue Augen. Sie stehen für das Dämonische, von dem der böse Blick abstammt. Jedoch schützt analogmagisch die blaue Farbe auch gegen den bösen Blick anderer. Araber sehen in blauen Augen ein böses Zeichen, die Hindus empfinden blaue Augen gar als Missbildung. Aber auch unsere Kultur kennt die dämonischen blauen Augen: Im Volksglauben des Nordens sagt man, dass Männer, die mit Wasserwesen schlafen, blauäugige Kinder zeugen. Das negative blaue Auge tritt uns auch im volkstümlichen Ausdruck "Veilchen" für ein blau geschlagenes Auge entgegen. Und blauäugig ist nicht gerade als Kompliment gemeint.

Die Romantisierung blauer Augen beruht auf kulturell bedingten und persönlichen Vorurteilen. Unsere Einbildungskraft lässt blaue Augen sinnlich oder dämonisch erscheinen. Diese Einbildungskraft wirkt entwaffnend speziell zur blauen Stunde, wenn das Licht des Tages weicht, um den Gaukeleien der Nacht das Feld zu überlassen.

Zur blauen Stunde treffen wir - wie bei den blauen Augen - auf das Ideale wie auf das Gruselige. Beides verehrten die romantischen Künstler, die den psychologischen Liebesroman wie die Gruselgeschichte schufen. Der Schauer des Zwielichts wurde in Mary Shelleys Frankenstein wie in Bram Stokers Dracula beschworen, die beide zur blauen Stunde hervorkamen, um ihr Unwesen zu treiben.

Denn Blau stellt den Übergang zur Finsternis dar. Goethe bezeichnet es als "farbigen Stellvertreter der Finsternis". Es ist der Sog der Tiefe, der Geheimnisse des Unbewussten, die die Romantiker ergründen wollten. Novalis spricht vom Schauer, in das uns Blau zu ziehen sucht. Dabei ist dieses dem Blau immanente Geheimnis nicht nur abschreckend, sondern es beschwört ebenso sinnliche Sehnsucht und deren Erfüllung. Blau symbolisiert die Eroberung und die Hingabe, zu der man in der lasziven Stimmung der blauen Stunde allzu gern bereit ist.

Blaue Stunde

Doch die blaue Stunde ist nicht nur schaurig, sondern sie schafft auch eine friedvolle Energie. Es ist die Zeit der Innenschau und Sehnsucht, die Novalis mit seiner blauen Blume anklingen lässt.

Doch egal ob heimelig oder unheimlich, Blau sorgt für Grenzerfahrungen, bis hin zum Rausch. Er wird als neptunische Kraft mit der Farbe Blau verbunden. Hat man zu viel Alkohol getrunken, ist man blau. Man ist benebelt. Dass man diese Benebelung mit Blau verbindet, bringt uns zu Goethes Farbenlehre: Schaut man durch Nebel, verschiebt sich die Wahrnehmung der Farben zu Blau hin.

Wie oft in der Symbolik wird das Prinzip der Analogiemagie bemüht: Gegen Blausein hilft das Blaue Kreuz, eine Organisation, die sich der Alkoholiker annimmt. Aus naheliegenden Gründen wird in Kreisen der Blaukreuzler Alkohol verteufelt. Darauf spielt ironisch der Name des Cocktails Blue Devil an. Seien Sie in diesem Zusammenhang mit dem Gin vorsichtig, er wurde im 19. Jahrhundert als "blauer Ruin" bezeichnet.

Blaue Wesen im Wasser

Im Rausch der Tiefe begegnen uns auch Wassergeister, die sich Küstenbewohner oft als blaue Wesen vorstellen. Der Nix wird blau dargestellt, Nixen besitzen blaue Haare und einen blaugrünen Fischschwanz. Stets sind Wasserwesen blauäugig. So etwa die Lau, die im Blautopf zu Blaubeuren wohnte. Wie alle Wasserwesen zieht sie Männer auf den Grund des blauen Reichs. Dem Volksglauben nach findet man die Leichen Ertrunkener voller blauer Flecken, was zeigt, dass Wasserwesen sie unter Wasser zogen.

Wer in die blaue Augen der Nixen und Undinen schaut, ist dem Wasser verfallen, ist animaverzaubert. Ihm geht es wie dem Fischer in Goethes gleichnamigen Gedicht: "Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;/Da war's um ihn geschehn:/Halb zog sie ihn, halb sank er hin,/Und ward nicht mehr gesehen." Da Wasser in unseren Breiten kalt ist, wird Blau mit der Kälte verbunden. Neptuns Töchter sehnen sich zwar nach dem großen Gefühl und speziell nach der romantischen Liebe, aber sie entkommen ihrer Wasserwelt nie - mit Ausnahme der kleinen Seejungfrau von Hans Christian Andersen. Als das größte Tabu galt es, das Geheimnis dieser Wasserwesen ergründen zu wollen. Daran hielt sich der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875-1961), der erklärte: Die Anima als unbewusste Seite des Weiblichen bleibt dem Mann unverständlich und gefährlich.

Das bekannteste Wasserwesen ist jedoch der Seefahrer. Er zog stets die Projektionen der Landratten an. Man beneidet ihn dafür, dass er in die Ferne, ins Blaue, reiste. Erreicht er das ferne Ziel besonders schnell, erhielt er das blaue Band.

Blaue Jungs lautet der Ausdruck für die Matrosen. Diese Jungs sind aus vielen Gründen blau: Zum einen, weil das Wasser ihr Element ist, zum anderen weil man sie oft ziemlich blau in Hafenstädten antrifft. Seeleute tragen zudem blaue Uniformen oder zumindest blaue Hosen oder blaue Pullover. Als Nautiker weiß man, das Wetter ist gut, wenn eine blaue Stelle groß wie die Seemannhose am Himmel erscheint. Fischer tragen ebenfalls blaue Kleidung wie den blauen Smock. Sie lieben auch den blauen Wollpullover wie die Segler. Verabschiedet sich der Seemann hisst er den blauen Peter. Mit dieser blauen Fahne mit weißem Rechteck zeigt er an, dass sein Schiff binnen 24 Stunden den Hafen verlässt.

Blaue Wunder

Doch ebenso wie für das Meer und seine Tiefen steht das Blau auch für den Himmel und seine Weite. Wegen dieser Verbindung mit dem Unendlichen verband die Klassik die höchsten Götter mit der Farbe Blau, die folglich die ewigen Werte und die Tradition ausdrücken soll. Es ist also kein Zufall, dass viele konservative Parteien, wie die britischen Tories, die Farbe Blau als Signalfarbe wählten. Doch auch diese erleben manchmal ein "blaues Wunder", wenn höhere Kräfte eingreifen, leider nicht zu ihren Gunsten. Ursprünglich wurde das blaue Wunder tatsächlich auf himmlische Kräfte bezogen und nicht auf die blauen Flecken, die einem solch ein Wunder bescheren kann, falls man zu blauäugig ist.

Und das alles nutzen natürlich auch Produktdesigner und die Werbewirtschaft. Blau bringt im Stil der Postmoderne die "Coolness" ins Alltagsleben, mit der man sich himmlisch fühlen kann. Das möchte uns die Werbung vermitteln, wenn sie mit Blau für Lifestyleprodukte wirbt. Himmlische Gefühle sollen Duschgels und andere Kosmetikprodukte bringen, die sich am besten in blauer Verpackung verkaufen. Welche Farbe hat die Dose der Nivea-Creme? Na, sehen Sie...

Literatur

Klausbernd Vollmar: Das große Buch der Farben. Königsfurt-Urania Verlag, Krummwisch 2009, 288 Seiten Euro 14,90.

Der Blog des Autors über Farben
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Klausbernd Vollmar

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