Verfolgt, verketzert, unverdrossen

Die Armenisch-Apostolische Kirche teilte von Anfang an das Schicksal der Nation
Von links: Mönch, Pfarrer und Ministrant beim Gottesdienst im Kloster Geghard in Armenien. Foto: dpa/Jens Kalaene
Von links: Mönch, Pfarrer und Ministrant beim Gottesdienst im Kloster Geghard in Armenien. Foto: dpa/Jens Kalaene
Die Armenier waren militärisch schwach, aber kulturell umso stärker. Dazu trug die Kirche Entscheidendes bei, zeigt Martin Tamcke, Professor für Ökumenische Theologie und Geschichte der orientalischen Kirchen an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Göttingen.

Leiden begleitet die Angehörigen der Armenisch-Apostolischen Kirche seit deren Anfängen. Politischer Druck und Wirtschaftsnot zwangen Armenier zu Flucht und Auswanderung. Und sie fühlten sich fremd in einer Welt, in der ihre Existenz oder ihre Identität immer wieder bedroht war. Klassisch drückt das Erzbischof Mkrtitsch Naghasch (1390-1470) aus, wenn er den armenischen Migranten (Gharib) sprechen lässt: "Sprich nicht, o meine Seele, sonst schmerzt mein Herz bis aufs Blut. Dem Gharib im fremden Land geht es wohl niemals gut. Wie ein Vogel, vom Schwarm getrennt, irrt ruhlos die Seele, und nirgends hat der Gharib einen Ort, wo er ruht." Mkrtitsch Naghasch wurde als Sohn eines Priesters in Bitlis geboren. Es lag damals mitten im armenischen Siedlungsgebiet und ist heute eine türkische Stadt ohne armenische Einwohner. An mehreren Klosterschulen zum Gelehrten herangewachsen, stieg er zum Berater des armenischen Katholikos auf, des Oberhauptes der Armenisch-Apostolischen Kirche, und wurde Erzbischof in Mesopotamien. Zahlreiche seiner Hymnen bestechen durch die Kombination eines hochgelehrten Schreibstiles mit den mündlichen Überlieferungen des Volkes.

Das ist typisch für die Armenische Kirche: In ihrer Region hatte sie oft die Führung bei der Bildung inne. Sie ist eine Volkskirche, bei der Ethnie und Religion eng verzahnt sind. In der Wissenschaft versuchte man dies über lange Zeit unter dem Begriff der "orientalischen Nationalkirche" zu erfassen. Das sollte betonen, dass sich das Überleben einer eigenständigen Kultur und Ethnie wesentlich der Kirche verdankte.

Die Armenisch-Apostolische Kirche hat heute eine Doppelspitze: den Katholikos-Patriarchen in Etschmiadsin in der Republik Armenien und den Katholikos-Patriachen in Antelias bei Beirut im Libanon. Dabei gebührt dem in Etschmiadsin ein gewisser Ehrenvorrang vor dem in Antelias.

Gegengewicht schaffen

Als Katholikos wurde ein orientalisches Kirchenoberhaupt außerhalb des Römischen Reiches betitelt. Doch glichen die Katholikoi ihre Amtsbezeichnung später dem Gebrauch der anderen Kirchen an und bezeichneten sich einfach als Patriarchen oder - unter Wahrung des traditionellen Titels - als Katholikos-Patriarchen. Wohl seit dem 6. Jahrhundert bezeichnete sich so das geistliche Oberhaupt der Armenier, das zunächst seinen Sitz in Varagashapat hatte. Später wurde er nach Edschmiatsin verlegt. Das Patriarchat von Antelias führt ab 1921/23 die Tradition des Patriarchates im osttürkischen Sis weiter, wo es seit 1293 bestanden hatte.

Die armenischen Patriarchate in Konstantinopel (seit 1458/61) und Jerusalem (seit 1311) sind von geringerem Rang. Das erstere verdankt seine Entstehung Sultan Mehmed II., dem Eroberer Konstantinopels. Er wollte in der gerade eroberten Reichshauptstadt der Byzantiner ein Gegengewicht zum griechischen Ökumenischen Patriarchen schaffen. Der armenische Patriarch von Konstantinopel repräsentierte gegenüber dem Sultan nicht nur die Armenier, sondern zunächst alle orientalisch-orthodoxen Kirchen.

Auch das Oberhaupt der seit 1742 bestehenden armenisch-katholischen Kirche, die den Primat des Papstes in Rom anerkennt, führt den Titel eines Katholikos-Patriarchen. Diese Kirche hat internationale Anerkennung auch durch die Tätigkeit ihrer Mönche erhalten, zum Beispiel durch die wissenschaftliche Arbeit des Mechitaristenordens.

Aus den Missionsbestrebungen des 19. Jahrhunderts hervorgegangene armenische Protestanten etablierten sich 1846 in Konstantinopel als eigenständige Kirche, nachdem Patriarch Matheos II. (1844-1848) protestantisch-pietistisch gesinnte Kreise seiner Kirche exkommuniziert hatte.

Erste Staatskirche der Welt

Nach armenischer Überlieferung wirkten die Apostel Thaddäus, Bartholomäus, Simon und Judas in Armenien. Die Anfänge des dortigen Christentums deuten bereits auf das 1. Jahrhundert nach Christus hin. Und Mitte des 3. Jahrhunderts ist ein Bischof für Armenien belegt. Das erste Martyrium erlitt eine Frau, die heilige Hripsime im 3. Jahrhundert. Sie wurde grausam zu Tode gemartert, weil sie ihre Einbeziehung in den Harem des Königs Tiridates III. verweigert hatte. In einem dem Katholikos Komitas zugeschriebenen Hymnus aus dem Jahr 619 heißt es: "Hripsime, großes Geheimnis und begehrenswerter Name, auserlesen auf der Erde und gereiht unter die Engel, du wardst ein Vorbild für die Reinheit der Jungfrauen und eine Lehre für gerechte Männer."

Als eigentlicher Apostel Armeniens aber gilt Gregor der Erleuchter: Er organisierte um 314 die armenische Kirche. Sie gilt aufgrund der Taufe Königs Tiridates III. als die erste Staatskirche der Welt. Der Legende nach verfolgte er die Christen, ließ Gregor in ein Verlies werfen und dort dreizehn Jahre schmoren, weil er sich geweigert hatte, die Göttin Anahita zu verehren. Aber der König wurde Christ, nachdem Gregor ihn von einem entstellenden Hautleiden geheilt hatte.

365 tagte unter dem Katholikos Narses eine erste Synode. Zu dieser Zeit stimmte die Armenische Kirche dogmatisch noch mit der Kirche auf dem Boden des Römischen Reiches überein. So vertrat Aristakes, ein Sohn Gregors des Erleuchters, die Armenier auf dem Konzil von Nizäa. Nach dem Ende des armenischen Königtums hatten die Perser alles daran gesetzt, den Armeniern den mazdaitischen Glauben aufzuzwingen. Aber das misslang. Stattdessen erstarkte in der Zeit der Bedrängnis das kulturelle Selbstbewusstsein. Geschaffen wurde die armenische Schrift, Literatur und Liturgie. Tatsächlich waren es diese kulturellen Leistungen, die den Armeniern das Überleben sicherten, nachdem sie militärisch unterlegen waren und sie seit dem Verlust ihrer politischen Eigenständigkeit auf dem Boden zweier miteinander verfeindeter Reiche, Byzanz und Persien, leben mussten.

Vor Krieg geflohen

Ab dem 7. Jahrhundert drangen die Araber in Armenien ein. Erneut mussten die Armenier ihre christliche Identität gegen einen Konversionsdruck verteidigen. Politisch führten diesen Kampf besonders die Könige aus dem Haus der Bagratiden (885-1045). Wegen der ständigen Kriegsgefahr wanderten zahlreiche Armenier nach Kilikien aus. Zur Zeit der Kreuzzüge gründeten sie das Königreich der Rubeniden (1080- 1226). Es folgten das der Hethumiden (1226-1341) und das kleinarmenische Königreich unter den Lusignans (1342-1375).

Die Vorherrschaft des Osmanischen Reiches und des Iran wurde schließlich von den vorrückenden Russen gebrochen. Während die Armenier in Russland kulturell und kirchlich Repressionen ausgesetzt waren, suchten sie sich im Osmanischen Reiches politisch zu organisieren. Doch vor hundert Jahren, im Ersten Weltkrieg, wurden sie der Zusammenarbeit mit dem Feind bezichtigt und Opfer eines grausamen Genozids, der alle bis dahin erlittenen Pogrome und Massaker überstieg. Restarmenien wurde nach kurzlebiger Eigenstaatlichkeit in die Sowjetunion eingegliedert, wichtige Landesteile dagegen der Türkei überlassen. Ohne diese Geschichte, in der die Kirche eine identitätsstiftende Rolle für das gesamte Volk einnahm, lässt sich der armenische Glaube nicht verstehen. Die Permanenz der Bedrohung durch die Jahrhunderte zeitigt Märtyrerverehrung ebenso wie die Aufnahme von Nationalhelden als Heilige.

Aber es würde zu kurz greifen, wollte man die Armenische Kirche auf ihre Bedeutung für die und Verwobenheit mit der Nation beschränken. Denn armenische Theologen schufen Texte hoher Religiosität.

Der Mönch und Gelehrte Gregor von Narek (951-1003) verlieh mit seinen Klageliedern den von ständigen Nöten heimgesuchten Mitchristen eine auch liturgisch verwendbare Sprache, die den Bedürfnissen angesichts dauernder Bedrohung gerecht wurde. Katholikos Nerses Schnorhali (1166-1173) verband hohe Gelehrsamkeit mit einer außerordentlichen ökumenischen Dialogfähigkeit. Er hatte auch wesentlichen Anteil an der Ausgestaltung des tausend Gesänge umfassenden Hymnariums. Von ihm stammt ein Weihnachtshymnus, der lyrisch die armenische Christologie darbietet. "Der Herr der Herrlichkeit, geboren vor der Ewigkeit, derselbe ward geboren heute zu Bethlehem, der Davidstadt. Der himmlische Meister, die Weisheit des ewigen Vaters, wird gelegt in die Krippe der vernunftlosen Tiere, eingehüllt in Windeln."

Göttliche Natur

Die Vertreter der Armenischen Kirche waren wegen der von 449 bis 484 tobenden Religionskriege gegen die Perser nicht in der Lage, am Konzil von Chalcedon teilzunehmen. Die Armenier lehrten nicht nur eine Natur Christi, sie waren keine Monophysiten, wie ihre Gegner behaupteten, sondern verstanden die Einheit Christi durch die göttliche Natur bewirkt (Miaphysiten). Heute sollte der Begriff "Monophysit", der die Armenier verketzert, aus allen Theologie- und Kirchengeschichtslehrbüchern verschwinden. In der Kirchenfamilie der Miaphysiten, zu denen Syrisch-Orthodoxe, Kopten, Indisch-Orthodoxe und Äthiopisch- und Eriträisch-Orthodoxe gehören, gelten die Armenier als führende Kraft.

Ihre Verketzerung, die sich oft nur Gedankenlosigkeit verdankt, geht seit dem 19. Jahrhundert einher mit der Ansicht einiger evangelischer Theologen, die Armenische Kirche stünde schon ihrer Gelehrtheit wegen dem Protestantismus besonders nahe. Tatsächlich fanden sich vor dem Ersten Weltkrieg wesentliche Impulse des deutschen Protestantismus in der heftig umstrittenen Reformbewegung in der Armenisch-Apostolischen Kirche. Selbst das "Wesen des Christentums", das der deutsche evangelische Theologe Adolf von Harnack 1900 verfasst hatte, fand einen orthodoxen Bewunderer und Übersetzer des Werkes ins Armenische.

Diese von den deutschen Theologen Martin Rade, Johannes Lepsius und Paul Rohrbach empfundene Nähe fand ihre Bestätigung bei Armeniern, die sich nicht nur als Brücke zwischen Orient und Okzident sahen, sondern sich zu einer Orientierung am Westen bekannten. So betonte Katholikos Karekin II. Sarkessian (1932-1999): "Obwohl die armenische Kirche ethnisch und kulturell sowohl mit dem Osten als auch mit dem Westen verbunden ist, stand sie in der Vergangenheit mehr als jedes andere Glied der Familie orientalischer Kirchen mit dem Westen in Verbindung."

Martin Tamcke

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