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Gewalt: Religion als Sündenbock
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Wer Religion allein zum Sündenbock für Blutvergießen macht, verstellt den Blick auf soziale, wirtschaftliche und andere Faktoren von Konflikten.

Es scheint eine der Standardannahmen unserer Zeit zu sein, dass Religionen als inhärent gewalttätig gelten, vor allem die monotheistischen mit ihrer (angeblichen) Unterscheidung von "wahr" und "falsch". In ihrem neuen Buch mit dem Titel "Im Namen Gottes" (im Englischen noch pointierter: "Fields of Blood") widerspricht die renommierte britische Religionswissenschaftlerin und Autorin Karen Armstrong dieser simplifizierenden Behauptung und erforscht ambitioniert und detailliert das Verhältnis von Religion und Gewalt über Konfessionen, Religionen, Länder und Kontinente, nicht zuletzt ganze Zeitalter hinweg. Entstanden ist ein 700-Seiten-Werk, das geradezu episch die Geschichten und Geschichte von Christentum, Judentum, Islam, aber auch Konfuzianismus, Hinduismus und Buddhismus und ihr jeweiliges, historisch zu verortendes und sich veränderndes Verhältnis zu Aggression, Gewalt und Kriegsführung erzählt. Es ist eine Art Welt- und Menschheitsgeschichte, die die Autorin hier wagt, bei der deutlich wird: "Das Problem liegt nicht in den vielen Facetten dessen, was wir 'Religion' nennen, sondern in der Neigung zur Gewalt, die in der Natur des Menschen und seiner Staaten liegt." Indem Religion allein zum Sündenbock für Blutvergießen gemacht werde, werde der Blick auf soziale, wirtschaftliche und andere Faktoren von Konflikten verstellt.

Diese Erkenntnis mag banal anmuten, aber ihre umfassende Entfaltung über solche Zeiträume und aus der Fülle unterschiedlicher Kontexte hinweg ist bemerkenswert. Mal erscheint Religion als Alliierte der Mächtigen, um ihren Einfluss mit Gewalt durchzusetzen. Dann sind es wieder religiöse Weise und Propheten, die in ihren Glaubensgemeinschaften Gegenmodelle zu herrschenden gesellschaftlichen Strukturen leben, die von Idealen der Friedfertigkeit, Gerechtigkeit und Versöhnung zeugen. So wurde die Bildung von Kriegsheeren - laut Armstrong mit dem Übergang der Menschheit von Jagdgemeinschaften zur Agrargesellschaft zum Schutz und zur Eroberung von Land notwendig - zwar von Priestern legitimiert, zugleich forderte Religion aber auch immer wieder Beschränkung und Ächtung von Gewalt und begegnete Kriegern mit höchster Ambivalenz.

Entscheidend ist, dass Karen Armstrong - wie schon in der Vergangenheit - Wert darauf legt, auf das irreführende Verständnis von Religion als einer privaten Entscheidung abseits des öffentlichen Raumes, als ein schlichtes Für-Wahr-Halten bestimmter Glaubenssätze und ein Ausüben festgelegter Rituale hinzuweisen. Dieses Religionsverständnis sei ein zutiefst neuzeitliches, westlich und vor allem protestantisch geprägtes, das Christen aus vormodernen Zeiten nicht hätten nachvollziehen können, und das anderen Kulturkreisen bis heute fremd und unverständlich erscheint.

Stattdessen betont Karen Armstrong den Charakter von Religion als einer Haltung, einer Praxis, einer Lebensweise, die eben mit allen anderen Aspekten des Lebens verschränkt und von ihnen daher nicht zu trennen ist. Religionen hätten aufgrund dieser selbstverständlichen Verschränkung, so Armstrong, immer wieder die Gewalt ihrer eigenen Zeit übernommen wie ihr auch widerstanden.

Doch: "Die Überzeugung, Religion müsse rigoros aus dem politischen Leben herausgehalten werden, wurde zum Gründungsmythos des souveränen Nationalstaats", schreibt Armstrong. Während Gewalt zuvor immer wieder (auch religiös) limitiert werden konnte, kann man mit dem Entstehen des modernen Staats ihre völlige Entgrenzung beobachten. Es ist der mächtige, moderne Staat mit seiner Macht, eine ganze Gesellschaft zu kontrollieren und zu mobilisieren, und die Fähigkeit zur industrialisierten Kriegsführung, der besondere Gewaltexzesse ermöglicht habe.

Zugleich ist es paradoxerweise der Aufstieg des Säkularismus, der den Raum schafft für modernen Fundamentalismus und Extremismus: "Die moderne religiös motivierte Gewalt ist kein fremdes Gewächs: Sie ist Teil des modernen Szenarios".

Karen Armstrong: Im Namen Gottes. Religion und Gewalt. Pattloch Verlag, München 2014, 688 Seiten, Euro 24,99.

Natascha Gillenberg

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Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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