Künftiger Geheimtipp?

Die neue Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD
Foto: privat
Die Kirche müsse sich auf ihr "Kerngeschäft" konzentrieren, lautet die immer wiederkehrende Forderung. Was aber soll das heißen?

Die Kirche mit einem begossenen Pudel zu vergleichen, hieße schon, die Sache mit Humor zu nehmen. In der Tat aber sind die Ergebnisse der Anfang März veröffentlichten Fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wie ein Guss kalten Wassers. Aus ihr geht nämlich hervor, dass die Menschen hierzulande immer weniger religiös sind, dass ihre Kirchenbindung zurückgeht, dass die Tradierung des Glaubens in der Familie zur Ausnahme wird, kurz: dass das Modell DDR sich allmählich durchzusetzen scheint.

Dieses Ergebnis fegt ein paar Illusionen fort, die im vergangenen Jahrzehnt in der Kirche gepflegt wurden. Als im Jahre 2006 das Konzept "Kirche der Freiheit" vorgestellt wurde, fanden sich darin höchst ambitiöse Ziele - Stichwort: "Wachsen gegen den Trend". Manchem klingelte es in den Ohren, aber wessen Skepsis vor soviel ostentativem Optimismus nicht kapitulierte, stellte sich wenigstens inwendig in eine Ecke und schämte sich.

Besagter Optimismus speiste sich aus einem Trend, den man seit zwei Jahrzehnten auszumachen glaubte: Er hieß Wiederkehr der Religionen und beruhte auf der Beobachtung, dass Esoterik und fremde Religionen boomten. Es müsse ja mit dem Teufel zugehen, so die Schlussfolgerung, wenn die Kirchen davon nicht profitieren könnten. Zugleich wurde das Säkularisierungsparadigma für erledigt erklärt, also die im Grunde schlichte Annahme, dass jene Entfremdung der Menschen von Glaube und Kirche einen unverkennbaren Langzeittrend in der Gesellschaft bildet.

Das alles hat sich als Illusion erwiesen. Nun stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, eine Einsetzung in den vorigen Stand anzustreben, also das Säkularisierungsparadigma wieder als Langzeittrend anzuerkennen. Die Antwort kann eigentlich nur lauten: Unter dem Vorbehalt, dass man auf das Wort "unumkehrbar" verzichtet; Hellsehertum bewährt sich nicht. Schon der Erhalt der Rahmenbedingungen für unsere relativ ruhige Existenz in unserem relativ friedlichen Weltwinkel ist Gegenstand der Hoffnung, nicht des Wissens.

Natürlich drängt sich noch eine zweite, entscheidende Frage auf: Was tun? Wer kein Prophet (nicht mit dem Hellseher zu verwechseln) ist, muss notgedrungen mit einem Vielleicht antworten: Vielleicht ist dies in erster Linie eine Frage an das liberale Mainstream-Christentum, das offenbar immer weniger in der Lage ist, den religiösen Herzschlag der Menschen stabil zu halten. Manche vermuten, es werde zu viel über Gottesbilder und zu wenig über Gott geredet; zu viel über den Guten Menschen Jesus anstatt über Gottes Sohn. Wie aber, wird gefragt, soll ein Christentum, das sich unaufhörlich auf die Höhe der dominierenden Zeitgeistthemen updatet, noch auf der alten theologischen Hardware laufen?

Nein, die Kirche müsse sich auf ihr "Kerngeschäft" konzentrieren. - Was aber soll das heißen? Muss sie in allen öffentlichen Angelegenheiten den Mund halten, stattdessen evangelikaler werden? Dreimal nein. Was aber not täte: Liberale und evangelikale Christen sollten begreifen, dass sie einander Brüder und Schwestern sind, nicht Wesen von einem anderen Stern. Sie sind gemeinsam in der historischen Situation, in der es unausweichlich scheint, dass sie hierzulande gemeinsam zur Minderheit werden. Gemeinsam sollten sie daran arbeiten, dass der Glaube - und die Kirche - zum Geheimtipp werden.

Helmut Kremers

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