Schlüsselerlebnis in der Synagoge

Lange vergessen, heute wieder entdeckt: Rudolf Otto, der vor 75 Jahren starb
Rudolf Otto: Theologe, Religionsphilosoph, Abgeordneter. Foto: Nachlass Rudolf Otto, Universitätsbibliothek Marburg
Rudolf Otto: Theologe, Religionsphilosoph, Abgeordneter. Foto: Nachlass Rudolf Otto, Universitätsbibliothek Marburg
Rudolf Otto (1869-1937), der 1917 durch sein Buch "Das Heilige" berühmt wurde, war ein Genie. Leben und Werk des evangelischen Theologen skizziert Peter Schüz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Theologischen Fakultät der Universität Marburg.

Vor hundert Jahren führte eine seiner zahlreichen Reisen den damals noch in Göttingen lehrenden Theologen Rudolf Otto nach Mogador (heute: Essaouira) in Marokko. Im Zuge seiner Erkundungen und Studien fremder Kulturen und Religionen wohnte er hier am Sabbat ganz unverhofft in einer der zahlreichen düsteren und beengten Synagogen des jüdischen Ghettos einer Schriftlesung bei, die ihm zum unvergesslichen Erlebnis wurde: Im trüben und schmutzigen Licht der rußigen Öllampen löst sich aus dem Stimmengewirr der Betenden alsbald der Gesang des Dreimalheilig, der Otto aus dem Buch des Propheten Jesaja wohlvertraut ist: "Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll".

Noch unter dem starken Eindruck der Ergriffenheit stehend, schreibt er sogleich in einem Brief in die Heimat: "Die Worte zu trennen und zu fassen bemüht sich das Ohr zunächst vergeblich und will die Mühe schon aufgeben, da plötzlich löst sich die Stimmenverwirrung und – ein feierlicher Schreck fährt durch die Glieder, einheitlich, klar und unmissverständlich hebt es an: Kadosch Kadosch Kadosch Adonai Zebaoth Male'u haschamajim wahaarez kebodo! (…) In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabensten Worte, die je von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Ueberweltlichen, das dort unten schläft. Mehr als sonst hier an diesem dürftigen Orte, wo sie erklingen in der Sprache, in der sie Jesaias zuerst vernommen hat, und von den Lippen des Volkes, dessen erstes Erbteil sie waren." Immer wieder wird sich Rudolf Otto später auf jenes tief bewegende Erlebnis in Mogador besinnen und es als ein Beispiel für die Begegnung mit dem Heiligen anführen.

Zunächst aber führte Ottos weiterer Weg als Theologieprofessor nach Breslau und schließlich nach Marburg, wo er durch sein im Jahre 1917 erstmals erschienenes Buch "Das Heilige" weltberühmt wird. Weit über die theologischen Fachgrenzen hinaus entfaltete Otto hierin eine Theorie des religiösen Erlebnisses und prägte durch seine charakteristische Sprache und Denkweise Generationen von Geisteswissenschaftlern unterschiedlichster Fachgebiete. Die eigentümlichen Begriffe Ottos wie "mysterium tremendum et fascinans" sind nicht nur bei Theologen und Religionswissenschaftlern in der ganzen Welt in den Grundwortschatz eingegangen. Otto beschreibt mit der "Kontrastharmonie" aus furchtsamem, abdrängendem Schauer (tremendum) und erhebender, anziehender Faszination (fascinosum) die tiefsten Stimmungen und Erlebnisse, denen sich Menschen im religiösen Erlebnis ausgesetzt sehen. Demnach liegt allen Begegnungen mit dem Heiligen – wie Ottos eindrücklichem Erlebnis in der Synagoge in Mogador – eine ganz eigene Sphäre von Erlebnissen zugrunde, die ausschließlich in der Religion vorkommt. Es handelt sich um Erlebnisse, in denen der Mensch vor einem unendlich überwältigenden Göttlichen angesichts der eigenen Nichtigkeit vor Grauen erstarrt und sich zugleich von wundersamer Kraft von diesem "Ganz Anderen" angezogen und rauschhaft erhoben fühlt.

Otto machte es sich zur Lebensaufgabe, jene Grundlage des religiösen Erlebens in Zeugnissen der Vergangenheit, unter anderem in der Bibel, bei Martin Luther und Friedrich Schleiermacher, ebenso als Kern der Religion herauszuarbeiten wie in den Traditionen fremder Religionen sowie Phänomenen des Alltagslebens.

Überdies wirkte Otto, der eine Vielzahl von Sprachen beherrschte und auf der ganzen Welt bemerkenswerte Kontakte und Beziehungen zu Politikern und religiösen Würdenträgern pflegte, in ungewöhnlich breit gefächerten Aufgaben und Themengebieten. Neben den klassischen Fächern der Theologie verfasste er Abhandlungen zur Ethik sowie zahlreiche religionsphilosophische Texte im Anschluss an sein Hauptwerk.

Bemerkenswert waren im frühen 20. Jahrhundert Ottos Studien zum Verständnis der Mystik sowie zur Religionsgeschichte, in deren Zusammenhang er zudem zahlreiche Übersetzungen heiliger Schriften des Fernen Ostens besorgte. Hier bewegte er sich auf damals ungewöhnlichem und nahezu unerforschtem Terrain.

Überdies ist auch Ottos kraftvolles Engagement zu Themen seiner Zeit hervorzuheben: In Jahren des Ringens um einen neuen Zugang zu Feier des Gottesdienstes und religiösem Leben unter den Bedingungen der Moderne stieß er wichtige Impulse zur Reform der protestantischen Liturgie an. Und als liberaler Politiker und Publizist verfolgte er zudem stets mit großer Sensibilität die gesellschaftspolitischen und sozialen Themen seiner Zeit.

Seit den Dreißigerjahren geriet das theologische Werk Ottos insbesondere in Deutschland schnell aus dem Blickfeld und war lediglich für die Religionswissenschaften von Bedeutung. Die Zeit der Krisen seit dem Ersten Weltkrieg und die Wirren des Kirchenkampfes in der Nazizeit ließen eine ganz andere theologische Strömung besonders im Gefolge ihres Protagonisten Karl Barth zum Durchbruch kommen. Man konzentrierte sich stark auf den Offenbarungsbegriff und die Heilige Schrift und verwarf Ottos Auseinandersetzung mit den Religionen und ihrer Erfahrungsdimension. Die auf Christus fokussierte "Theologie des Wortes Gottes" konnte mit Ottos sensiblen Beobachtungen religiöser Erlebnisse nichts anfangen.

Heute, 75 Jahre nach Rudolf Ottos Tod, ist eine bemerkenswerte Renaissance seines Denkens zu beobachten. Die in einer breiteren Öffentlichkeit aufbrechenden Fragen nach einer neuen Spiritualität und einem dem 21. Jahrhundert angemessenen Umgang mit den letzten Fragen ließen in den vergangenen Jahren interdisziplinäre Debatten zur bleibenden Bedeutung der Religion aufbrechen. Und Ottos Lebenswerk kommt dabei in erstaunlicher Aktualität neu zu Bewusstsein. Seine religionsphilosophischen Arbeiten zur Beschreibung und Deutung religiöser Erlebnisse und Gefühle wecken nicht nur in der Theologie das Interesse für einen neuen Zugang zur religiösen Lebenswelt der Menschen und dem gegenwärtig aufbrechenden Interesse an dem, was man gemeinhin "Spiritualität" nennt.

Auch Ottos in den Zwanzigerjahren entworfene Vision eines "Religiösen Menschheitsbundes" zur friedlichen Begegnung aller Religionen der Welt erscheint heute aktueller denn je zu sein.

Von bleibender Faszination ist dabei nicht zuletzt die schillernde Gestalt der Persönlichkeit Ottos, die sich auf Theorie wie Praxis gleichermaßen verstand, Kernfragen und Phänomene der Religion virtuos und leidenschaftlich in den Blick nehmen und beschreiben konnte, gleichsam aber auch das eigene christliche Bekenntnis sowie Aufgaben als linksliberaler Landtagsabgeordneter und als Hochschullehrer gewissenhaft ernst nahm. Ottos Gabe, auch Menschen anderer Kulturen zuhören zu können und mit ihnen in den Dialog zu treten, seine Weltoffenheit und feinfühlige Beobachtungsgabe, die die Religionen der Welt am Ort ihres Geschehens begreift und sprachlich gewandt zu fassen versteht, bleibt bis heute eindrucksvoll.

Dies bildete auch im Oktober ein internationaler wissenschaftlicher Kongress an Ottos alter Wirkungsstätte in Marburg eindrucksvoll ab. Forscherinnen und Forscher aus aller Welt kamen zusammen, um in unterschiedlichen Themenfeldern die Aktualität Ottos neu zu bestimmen und der erneut aufbrechenden Frage nach der Kategorie des Heiligen auf den Grund zu gehen. Dabei traten nicht nur die theoretischen Grundlagen von Ottos Denken deutlich zu Tage, sondern auch deren Anknüpfungspunkte für Fragestellungen innerhalb und außerhalb der Theologie.

Eine neuerliche Auseinandersetzung mit einer "Theorie der Frömmigkeit" (Ulrich Barth), wie Otto sie entwickelte, steht im Fokus gegenwärtiger Debatten. Die Wiederentdeckung eines über die Maßen leidenschaftlichen und vielseitigen Theologen, der sich nicht nur auf das hochkomplexe religionsphilosophische Handwerk verstand, sondern auch seine nicht fachkundigen Leser durch seine erbaulichen und zuweilen anrührenden Werke anzusprechen vermochte, verdient es damit zu Recht, wieder gelesen und studiert zu werden.

Peter Schüz

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