Evangelische Pointe

Wer den eigenen Glauben als Geschenk erfährt, kann den Glauben anderer tolerieren
Vor zwei Jahren führten Vertreter verschiedener Religionen eine Prozession durch München an. Foto: epd/Michael McKee
Vor zwei Jahren führten Vertreter verschiedener Religionen eine Prozession durch München an. Foto: epd/Michael McKee
Eine auf allgemeinen nichtreligiösen Moralprinzipien aufbauende Toleranzbegründung hat wenig Chancen, von Gläubigen akzeptiert zu werden, meint Christoph Schwöbel, Professor für Systematische Theologie in Tübingen. Die reformatorische Theologie biete aber Ansätze zur Toleranz, gerade auch im Umgang mit anderen Religionen.

Der weltanschauliche und religiöse Pluralismus, der unsere gesellschaftliche Lebenssituation im lokalen, nationalen und globalen Kontext charakterisiert, bringt in bisher unbekannter Form die Begegnung mit dem Anderen mit sich: mit Menschen, die von anderen kulturellen Sichtweisen geprägt sind, die in anderen Lebensformen leben und die sich an anderen religiösen und weltanschaulichen Gewissheiten orientieren. Die Andersheit des Anderen, die uns begegnet, kann oftmals nicht sofort als das dem Eigenen Ähnliche erkannt werden, sondern präsentiert sich als das Fremde. Äußere Pluralisierungsfaktoren wie Migrationsbewegungen und der globale Austausch von Gütern, Waren, Informationen und Personen sowie innere Pluralisierungsfaktoren wie der Verlust eines mehrheitlich oftmals stillschweigend geteilten Wertesystems haben die Fremden zu Nachbarn gemacht. Man muss sich freilich deutlich machen, dass das uns so vertraute Eigene für den Anderen genau dieselbe Fremdheit hat. In der pluralistischen Gesellschaft sind wir immer beides: vertraut und fremd zugleich.

Ein friedliches und an gerechter Beteiligung aller orientiertes Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften erfordert viele Tugenden, die in einheitlich geprägten Gesellschaften nicht so nötig sind. Anstelle eines vorausgesetzten Wertkonsenses muss eine Gesprächskultur treten, die der Stimme des Anderen Redefreiheit und Gehör garantiert, aber auch für die eigenen Grundorientierungen sprachfähig wird. Übersetzungskompetenzen sind gefragt, um das Eigene in der Sprache des Anderen verständlich zu machen und das Andere in der eigenen Sprache nachzuvollziehen. An die Stelle von Konsensanforderungen über die Wertgrundlagen müssen Visionen von gemeinsamen Zielen treten, die Kooperationen zur Realisierung des gemeinsam erkannten gesellschaftlichen Guten ermöglichen, auch wenn sie möglicherweise von den unterschiedlichen Gruppierungen der Gesellschaft unterschiedlich begründet werden. Das Zusammenleben erfordert eine Kultur der Gastfreundschaft, die den Anderen Gastrecht gewährt und ihnen in Gastfreundschaft begegnet, aber auch selbst die Rolle des Gastes im Raum der Anderen annimmt.

Alle diese Tugenden beginnen mit der Toleranz, dem Ertragen des Anderen in seiner Fremdheit, dem Erdulden der Differenz, die so weit geht, dass sie dem, was man als falsch ablehnt, einen Platz im gemeinsamen Lebenskontext gibt. Die interreligiöse Toleranz ist der Ernstfall der Toleranz. Denn hier geht es darum, wie Unterschiede ertragen werden können, die den Bereich des Letztgültigen betreffen, das, was uns unbedingt angeht und worauf wir unser Herz hängen. Jedoch ist Toleranz nie Selbstzweck. So wie sie den Respekt vor dem Anderen voraussetzt, so weist sie auch über sich hinaus auf Formen des Zusammenlebens in Verschiedenheit und Kooperation.

Bastionen der Intoleranz

Die pluralistische Situation weist freilich auch viele Tendenzen zur Intoleranz auf. Die Begegnung von Eigenem und Anderem führt dazu, dass das Andere als Identitätsbedrohung erfahren wird, besonders dann, wenn identitätsstiftende Symbole abwertend behandelt werden. Das Erleben von verweigerter Partizipation an Gütern und Leistungen der Gesellschaft kann ebenso zu Intoleranz führen wie die Dialektik von Unterlegenheitsängsten und Überlegenheitsphantasien. Die Religionen erscheinen so häufig als Bastionen der Intoleranz. Paradoxerweise können bestimmte Toleranzansprüche, die im Namen der aufgeklärten Vernunft an die Religionen gestellt werden, die Intoleranz im Gewand der Religion noch verstärken. Die negative Form der Toleranz, die den Verzicht auf die eigene Wahrheitsüberzeugung, die Zurücknahme der Religion in das rein Private und Individuelle fordert und Indifferenz gegenüber religiösen Gewissheiten und ihrer Prägekraft an den Tag legt, kann von religiös Gläubigen als Missachtung ihrer Identität und Tradition verstanden werden, als Relativierung dessen, was ihnen heilig ist - eben als Intoleranz. Der Grundsatz "Je weniger religiös - desto toleranter" muss von religiösen Menschen als Angriff auf ihre Identität verstanden werden, was nur intolerante Gegenreaktionen auf so viel Intoleranz auslösen kann.

Eine auf allgemeinen und meist ganz formalen nichtreligiösen Moralprinzipien aufbauende Toleranzbegründung hat darum wenig Chancen, von Gläubigen akzeptiert zu werden. Wenn es die Gläubigen in den unterschiedlichen Religionen sind, die einander tolerieren sollen, dann kann eine Toleranzbegründung nur in den religiösen Traditionen selbst verankert werden. Die Möglichkeit einer interreligiösen Toleranz bedarf einer innerreligiösen Begründung in der religiösen Gewissheit und ihrer handlungsorientierenden Kraft. Nicht Nivellierung oder Relativierung des religiösen Glaubens erschließen den Weg zur Toleranz, sondern nur seine Vertiefung. Finden sich in den Religionen Ressourcen der Toleranz, die für die Toleranz im Verhältnis der Religionen entfaltet werden können?

Diese Frage kann nicht allgemein, sondern nur für jede Religion aus der Perspektive des besonderen religiösen Lebens und seiner Traditionen beantwortet werden. Erst dann kann in einem zweiten Schritt auf der Suche nach Analogien im Dialog gefragt werden, welche Toleranzbegründungen es in anderen Religionen gibt. Das ist ein Weg der wechselseitigen Inspiration, Unterschiede und Vergleichbarkeiten in der Begründung und Praxis von Toleranz zu entdecken. Die Frage nach den Wurzeln der Toleranz in den religiösen Traditionen ist auch keine rein historische Frage. Die Rückschau auf die Geschichte der Toleranz und der Intoleranz in den Religionen beantwortet die Frage nach der Toleranzfähigkeit von Religion angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen noch nicht. Sie kann einerseits zu Elementen der Toleranzbegründung in den Religionen führen, die es angesichts der Herausforderungen des religiösen Pluralismus zu entfalten und nutzbar zu machen gilt. Andererseits kann sie auch auf die Quellen der Intoleranz in den Religionen aufmerksam machen, die angesichts der aktuellen Aufgaben für den religiösen Glauben kritisch aufgearbeitet werden müssen - mit den Mitteln, die die Religionen selbst dafür zur Verfügung stellen.

Toleranz aus Glauben

Für das evangelische Christentum kann die Aufgabe der Toleranzbegründung in der Formel "Toleranz aus Glauben" zusammengefasst werden. Lässt sich diese Form der Toleranz aus den Grundeinsichten der Reformation begründen, wie sie in den sogenannten Exklusivpartikeln, den berühmten "Allein"-Formulierungen des reformatorischen Rechtfertigungsglaubens, auf den Punkt gebracht wurden?

Allein aus Glauben - darin hat die Reformation die Einsicht zusammengefasst, dass wir nicht durch unsere guten Werke und Verdienste vor Gott gerechtfertigt werden, sondern allein im lebensbestimmenden Vertrauen auf die Gnade Gottes, wie sie in Jesus Christus offenbart ist. Dabei kann der Glaube nicht wiederum als menschliches Werk verstanden werden, sondern ist Gottes Werk in uns, die durch den Heiligen Geist geschenkte Gewissheit von der Wahrheit der Christusbotschaft. Diese Gewissheit weist dann allerdings in das Handeln ein, dem Nächsten im Licht der Wahrheit des Evangeliums zu begegnen. Diese Einsicht in das Zustandekommen des eigenen Glaubens eröffnet Perspektiven der Toleranz. Wenn ich mit Gläubigen anderer religiösen Traditionen im Gespräch bin, bemerke ich immer wieder, dass für sie ihr Glaube auch Geschenk ist, nicht von ihnen selbst gemacht, sondern eine für sie erschlossene Wahrheit. Es ist genau die Einsicht in das Geschenktsein der eigenen Glaubensgewissheit, die die Toleranz vor der Glaubensgewissheit der Anderen ermöglicht und fordert.

Allein aus Glauben - das kann aber nicht nur auf die Ermöglichung des Aktes des unbedingten Vertrauens durch erschlossene Gewissheit bezogen werden. Auch die Inhalte des christlichen Glaubens eröffnen Räume für Toleranz. Toleranz aus Glauben ermöglicht es Christen, auch andere Menschen, was immer ihre Überzeugungen sein mögen, als Gottes Geschöpfe zu ehren und zu respektieren, die die Würde der Gottebenbildlichkeit unverlierbar an sich tragen. Andere Menschen sind genauso wie Christinnen und Christen zur Gemeinschaft mit Gott berufen und vollenden in dieser Gemeinschaft ihre Bestimmung. Die Toleranz ermöglichende Pointe dieser Glaubensinhalte ist, dass sie niemand für sich selbst in Anspruch nehmen und sie zugleich Anderen verweigern kann. Allerdings werden hier auch die Grenzen der Toleranz sichtbar. Keine Toleranz ist gefordert gegenüber den Formen der Intoleranz, die die Freiheit der eigenen Gewissheit bestreiten. Auffassungen, die die Mitgeschöpflichkeit und die gleiche Würde anderer Menschen theoretisch und praktisch missachten, sind nicht tolerierbar. Hier ist Widerstand und Kritik gefordert. Sonst würde Toleranz aus Glauben selbstwidersprüchlich.

Gratis für alle

Allein aus Gnade - so fasste die Reformation die Einsicht zusammen, dass wir gratis, aus reiner göttlicher Liebe und Barmherzigkeit in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen werden. Martin Luther, der den Begriff der Toleranz in die deutsche Sprache eingeführt hat, hat mit dieser Pointe des Rechtfertigungsglaubens den Begriff der Toleranz Gottes verbunden. Wer sich allein aus Gnade gerechtfertigt glaubt, weiß, dass Gott unser Sündersein erduldet und trägt, um uns seine Gnade zu schenken. Diese Gnade gilt uns schon, "als wir Feinde waren" (Römer 5,10). Durch sie erfahren wir unser Personsein von unseren Werken in den Augen der Gnade Gottes unterschieden. Aus christlicher Sicht sind Menschen nicht aufgefordert, diese Toleranz Gottes nachzuahmen, sondern sich klar zu machen, dass sie nicht nur für Christen wahr ist, sondern für alle Menschen.

Allein durch Christus - so hat die Reformation zusammengefasst, dass es neben Christus nicht noch andere Instanzen gibt, die Gemeinschaft mit Gott vermitteln. Zunächst erscheint das als intolerantester Grundsatz der Reformation. Toleranz unter den Religionen ist aber niemals ein Aufgeben der eigenen Wahrheits- und Heilsgewissheit. Sie bedeutet vielmehr, die Wahrheitsgewissheit anderer, die man nicht teilt, als ihre Wahrheitsgewissheit zu akzeptieren. Nur was nicht annehmbar erscheint, muss toleriert werden. So kann es auch nicht verwundern, wenn andere Religionen diesen zentralen Punkt "nur" tolerieren können - eben als anstößigen Aspekt christlicher Wahrheitsgewissheit. Aus christlicher Perspektive fällt allerdings auf, dass das Lebenszeugnis Jesu Christi gerade durch die Zusage und die praktizierte Gemeinschaft der Gottesgemeinschaft mit den nach allen religiösen, moralischen und gesellschaftlichen Kriterien Ausgeschlossenen charakterisiert ist: eine radikale Praxis der Inklusion als Wesensmerkmal der kommenden Gottesherrschaft. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Toleranzpraxis Jesu, die Mensch gewordene Toleranz Gottes, immer wieder als Beispiel radikaler Toleranz auch von Christen neu zu entdecken ist.

Zudem hat das "Christus allein" eine kritische Pointe. Das Heil kommt nicht durch das Christentum als Religion. Das Reich Gottes ist nicht der innergeschichtliche Sieg der Kirche, dass alle sich zum Christentum bekehrt haben. Bis zur Vollendung der Geschichte in der Wiederkunft Christi lebt die christliche Kirche mit den anders Glaubenden und mit den Nicht-Glaubenden und ist herausgefordert, dieses Zusammenleben im Licht der Wahrheit des Evangeliums Christi zu gestalten.

Das gefährliche Gegenteil

Das reformatorische Schriftprinzip, allein die Heilige Schrift als Regel und Richtschnur christlicher Lehre gelten zu lassen, fordert dazu auf, die Forderung einer Toleranz aus Glauben immer wieder neu an der Schrift zu überprüfen und die Bibel selbst als Geschichte der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Intoleranz zu lesen. Zugleich eröffnet sie eine Basis für den Dialog der Religionen auf der Basis ihrer heiligen Schriften. Der Austausch mit dem Islam und dem Judentum kann an Toleranzpotenzialen nur gewinnen, wenn Christen lernen, die eigene Schrift im Angesicht des Anderen auszulegen und sich auf die Schriften anderer Religionen im Dialog mit deren Auslegungen einzulassen. Tolerieren kann man nur, was man kennt. Interreligiöse Toleranz kann deswegen nur im Kontext des interreligiösen Dialogs geübt werden. Allein die Indifferenz, das gefährliche Gegenteil der Toleranz, gibt vor, den Anderen zu ertragen, ohne sich auf die Differenz einzulassen und erklärt damit das Eigene des Anderen für irrelevant. Die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam lernt man erst aus der Perspektive ihrer Schriftkulturen in ihren Lebenskulturen verstehen.

Eine "unmögliche Tugend" hat der englische Philosoph Bernard Williams die Toleranz genannt. Das zu ertragen, was man nicht annehmen kann, scheint in der Tat über das Menschenmögliche hinauszuweisen. Genau das ist die Pointe der Toleranz aus Glauben. Sie nimmt den Anderen mit den Augen des Glaubens wahr, deren Sichtweise nicht auf das Menschenmögliche beschränkt ist, sondern den Anderen wie sich selbst aus der Perspektive der Gnade und Wahrheit Gottes wahrzunehmen lernt. Entfaltet das evangelische Christentum so die Wurzeln der Toleranz, kann es eine Anregung an die anderen Religionen sein, in ihren Traditionen die religiösen Wurzeln der Toleranz neu zu entdecken - und es kann umgekehrt von ihren Entdeckungen lernen. Solche Formen der Toleranzbegründung und Toleranzpraxis brauchen pluralistische Gesellschaften, damit ihre Mitglieder wollen können, dass der Andere Teil ihrer eigenen Zukunft ist.

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Christoph Schwöbel

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