Starke Worte

Rehabilitierung der Religion
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"Die Verteidigung des Menschen" ist kein theologisches Buch. Gleichwohl beansprucht Jan Roß einen anderen, unverstellten Blick auf theologische Themen und Inhalte.

Als "provozierende Zeitdiagnose" und "bewegendes Plädoyer für einen neuen religiösen Humanismus" beschreibt der Klappentext die Intention des Buches. Der "Zeit"-Redakteur Jan Roß will die Religion aus ihrer "kulturellen Marginalisierung" herausführen und ihr wieder die ihr seit jeher gebührende zentrale Rolle für die Humanität und die großen Fragen des Menschseins zuweisen. Entgegen der vorherrschenden Abneigung und Verkennung sind Glaube und Religion "nicht Beschränktheit, sondern Weite".

Ebenso anspruchsvoll wie der Titel kommen auch die Überschriften und Themen der elf Kapitel daher. Für "die Verteidigung des Menschen" erinnert die ihm vom Schöpfer zugeeignete Gottebenbildlichkeit an seine Einzigartigkeit und Heiligkeit. "Die neue Gottesfurcht" richtet sich jedoch gegen die "Perversion" der Religion, etwa durch islamistischen Terror oder reaktionäre Evangelikale. Trotz einer Versuchung zum politisch Totalitären und der daraus resultierenden Angst vor dem Absoluten darf der Glaube aber nicht auf ewige Wahrheiten und Gewissheiten verzichten.

Im Kapitel "Verrat am Kreuz" beschreibt der Autor das Kernstück der neuen religiösen Humanität: Nicht als "abendländisches Kultursymbol" in Klassenzimmern oder Gerichtssälen ist das Kreuz anstößig, sondern als Symbol für einen ethischen Alternativentwurf gegenüber der menschlichen Hybris. Weil es alle gängigen Werte auf den Kopf stellt, weil es zur "Solidarität mit dem Underdog" aufruft, wird es zum Zeichen des Widerspruchs, auch gegen die der Religion fälschlich attestierte Ideologie einer heilen Welt. Man merkt: Hier schlägt das Herz des Autors, und es tut gut, diese nicht gänzlich neuen Gedanken wieder in dieser Dichte und Deutlichkeit zu lesen.

Welche Konsequenzen solch religiös begründeter Humanismus für die Wahrnehmung der Demokratie, die Ethik oder die Sexualität hat und wie aktuell und notwendig der Begriff der Sünde in einer gottlosen Gesellschaft ist, führt Roß im Folgenden aus. Der Monotheismus schließlich ist es, der die Schicksalshaftigkeit des Daseins zerbricht und das "Prinzip Hoffnung" in Kraft setzt. Dadurch wird auch der "freie Himmel" wieder als Differenz zum Irdischen sichtbar, befreit den Menschen aus seiner Eindimensionalität und stärkt sein Verlangen nach absoluter Wahrheit, Seligkeit und Gerechtigkeit.

"Die Verteidigung des Menschen" ist kein theologisches Buch. Gleichwohl beansprucht Jan Roß einen anderen, unverstellten Blick auf theologische Themen und Inhalte. Trotz vieler Bibelbezüge und profunder Kenntnis philosophischer Schriften bleibt er an manchen Stellen aber an der Oberfläche, etwa wenn es um die Christologie oder die Heilsbedeutung des Kreuzes geht, das nach theologischer Auffassung nicht ohne die Auferstehung und vice versa zu verstehen ist. Befremdlich wirkt - bei vordergründiger Distanzierung - seine unverhohlene Sympathie für den Katholizismus und die beiden letzten Päpste, die er jeweils zu Freiheitshelden und Anti-Moralisierern hochstilisiert. Für die Vertreter der protestantischen Kirche hat er dagegen kaum mehr als Häme übrig.

So lobenswert ein solcher Vorstoß zur Rehabilitierung der Religion ist und so engagiert er auch vorgetragen wird: Ihren Charakter als zutiefst humane, freiheitliche und sinnstiftende Realität wird Religion vermutlich weniger durch starke Worte als vielmehr durch authentische Lebenszeugnisse und offene Begegnungen zurückgewinnen.

Jan Roß: Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird. Rowohlt Verlag, Berlin 2012, 224 Seiten, Euro 19,95.

Matthias Hoof

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