Balance suchen

Erste Ethik im 21. Jahrhundert
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Insgesamt bietet Wilfried Härle ein gut lesbares und präzises Kompendium aktueller ethischer Positionen der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Nach seiner Dogmatik legt Wilfried Härle als erster evangelischer Theologe im 21. Jahrhundert auch eine Ethik vor. In zwei Hauptteilen beschreibt der emeritierte Heidelberger Systematiker die "Grundlegung" und "Konkretisierungen der Ethik". Ein schmaler dritter Teil gibt einen "Überblick über die evangelische Sozialethik". Wilfried Härle sucht die Balance zwischen einer Ethik des Subjekts mit ihrem Fundament im christlichen Menschenbild auf der einen Seite und einer Ethik der biblischen Geschichte Gottes mit den Menschen auf der anderen.

Dieser Kraftakt gelingt Härles "christlicher Leitbildethik" mal besser und mal weniger gut. Der Knackpunkt liegt darin, zu formulieren, wie sich die widerstreitenden Orientierungen zueinander verhalten: "Das Gebot und die dem Menschen zugemutete und abverlangte Verantwortung drängen und schieben ihn gewissermaßen von außen und setzen damit seinen Widerstand nicht nur voraus, sondern verstärken ihn sogar in der Regel noch. Demgegenüber lockt und zieht die Bestimmung im Sinne der erkannten Verheißung."

Spannend ist Wilfried Härles Ethik in den Abschnitten über Gebot und Recht im Alten Testament sowie über den Dekalog. Überzeugen kann auch die Argumentation für die Verankerung der Sexualität im christlichen Menschenbild, die er mit reichlich biblischen Zitaten unterfüttert. Andere Reflexionen über die Handlungen des ethischen Subjekts anhand der Kriterien von "Gut" und "Böse", "Richtig" oder "Falsch" geraten gelegentlich etwas langatmig. Die Kapitel über Menschenwürde, Gesundheit und Krankheit, Sexualität und Lebensformen, Gerechtigkeit oder Frieden lesen sich über weite Strecken wie ein Kompendium der jüngsten EKD-Denkschriften. Der Heidelberger Systematiker war von 1997 bis 2010 Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung. Nun möchte er Studierende und kirchliche Mitarbeiter in die Früchte dieser Arbeit einführen.

Der gesuchte Ausgleich gelingt nicht immer. Das Kapitel über "Gesundheit und Krankheit" lässt die Perspektive auf Heil und Heilung vermissen. "Begleiten und beistehen" gelten Wilfried Härle als Aufgaben der Krankenseelsorge. Dabei erwähnt er nicht, dass in einigen Krankenhäusern Pfarrpersonen längst als Teil des therapeutischen Teams institutionell in Heilungsprozesse eingebunden arbeiten. Auf dieser Schiene dürfte die Ethik mehr wagen.

Gelegentlich wünscht man sich mutigere, kreativere und auch kritischere Positionierungen des Theologen. Das ethische Zentralthema "Gerechtigkeit" erschöpft sich in der Darstellung philosophischer und theologischer Konzepte. Der Autor benennt zwar die hohen Erwartungen an das Thema, wird aber nicht konkret. Zudem kaserniert er die Sozialethik in einen eigenen, zu kurzen Überblick am Ende. Die formulierten Erwartungen bleiben somit unerfüllt.

Einen Maßstab setzt sich Härle selbst mit Friedrich Schleiermachers Frage: "Was muss werden, weil es christlichen Glauben gibt?" Diesem hohen Anspruch wird er nicht gerecht, wenn die prophetische Vision auch dort ausbleibt, wo sie unvermeidlich erscheint - etwa im Abschnitt über "Das rechte Wort zur rechten Zeit".

Insgesamt bietet Wilfried Härle ein gut lesbares und präzises Kompendium aktueller ethischer Positionen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er besticht durch die Leidenschaft für lexikalische Systematisierung. Das Nachschlagen erleichtern ein ausführliches Begriffsregister sowie kürzere Bibelstellen- und Personenregister. Fraglich bleibt, ob die balancierte, lexikalische Darstellung in der Ethik ein "Wachsen gegen den Trend" zu fördern vermag.

Wilfried Härle: Ethik. De Gruyter Verlag, Berlin/New York 2011, 538 Seiten, Euro 39,95.

Gunther Barth

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