Lust am Kreativen

Wie es Pfarrerinnen in Deutschland ergeht: Drei Erfahrungsberichte
An der RTL-Quizshow „Deutschland klügste Geistliche“ nahmen 2002 zwölf Frauen und zwölf Männer teil. Foto: epd/Herbert Sachs
An der RTL-Quizshow „Deutschland klügste Geistliche“ nahmen 2002 zwölf Frauen und zwölf Männer teil. Foto: epd/Herbert Sachs
Ein Drittel der Geistlichen im Bereich der EKD ist weiblich. Die Journalistin Barbara Schneider hat drei Pfarrerinnen in drei Landeskirchen besucht und mit ihnen über ihr Leben und ihre Arbeit gesprochen.

In dem kleinen Besprechungsraum in Frankfurt-Ginnheim reihen sich die Bücher: Paul Tillich steht neben Eberhard Jüngel, Friedrich Schleiermacher und Karl Barths Kirchlicher Dogmatik. Aber auch der Koran, Horst-Eberhard Richters "Gotteskomplex" und ein Buch über Schwule und Lesben in der Kirche findet sich in dem Bücherregal. Die Bücher gehören Christine Harmert: kurze rotgefärbte Haare, im Ohr drei Ohrringe. Die 57-Jährige ist seit acht Jahren Pfarrerin der Bethlehem-Gemeinde. Harmert versteht sich als feministische Theologin. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich im Leitungskreis des Theologinnenkonvents ihrer Landeskirche, der hessen-nassauischen. "Ich habe das Anliegen, von Gott nicht nur in männlicher Form zu sprechen", betont sie. So verwendet sie in Gottesdiensten immer wieder geschlechtsneutrale Formulierungen, spricht von Gott zum Beispiel als "Quelle des Lebens".

Etliche Bibelstellen hat die Pfarrerin parat, die die herkömmliche Bibelauslegung hinterfragen und den weiblichen Blick schärfen. Beispiel Psalm 22: "Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen." "Was heißt es, von Gott als Hebamme zu sprechen?", fragt Hammert. Mit ihrer Theologie eckt sie mitunter an. Bewusst. Harmert will irritieren und bürstet gerne gegen den Strich. Gerade wenn es um die Stellung von Frauen in der Kirche geht.

In ihrer Landeskirche werden Frauen seit 62 Jahren ordiniert. Als Harmert 1973 anfängt, in Bielefeld-Bethel Theologie zu studieren, ist die Zahl der Frauen an der dortigen Kirchlichen Hochschule noch überschaubar. Ähnliches gilt im Fachbereich Mathematik, wo sie bis zum vierten Semester zusätzlich eingeschrieben ist.

Kränkende Ablehnung

In den Anfangsjahren erlebt die Gemeindepfarrerin, wie sie anders als ihre männlichen Kollegen beurteilt wird. Und zwei- oder dreimal, erinnert sie sich, wollte man sich von ihr nicht trauen lassen, weil sie eine Frau ist. Diese Ablehnung war kränkend, erinnert sich Hammert. Nach Erstem Examen und Vikariat zieht sie mit ihrem Mann, der ebenfalls Pfarrer ist, nach Weilmünster im Taunus. Zehn Jahre leben und arbeiten sie zusammen in dem Marktflecken. Dann stirbt der Ehemann plötzlich, Herzinfarkt, eine Woche vor dem 39. Geburtstag. Christine Harmert muss nun alleine klarkommen. "Ich habe ja nicht nur meinen Ehemann verloren, sondern auch meinen Kollegen", erzählt sie. Und: "Nach dem Tod habe ich eine ganze Weile gebraucht, um mich aus dem Loch wieder herauszuarbeiten."

Fünf Jahre bleibt sie noch, macht weiter, verarbeitet den Verlust. Dann zieht sie nach Frankfurt am Main und steigt für ein Jahr ganz aus dem Beruf aus. Es ist eine Zeit, in der sie viel liest, spazieren geht, Freunde besucht oder einfach nur in den Tag trödelt. "Das hat mir sehr gut getan", sagt Harmert.

Zurück im Beruf arbeitet die Pfarrerin vier Jahre lang in der Evangelischen Frauenhilfe. Doch dann zieht es sie in die Gemeinde zurück. Und seit ein paar Jahren fotografiert Harmert. Sie hat eine eigene Homepage, macht Fotoreisen nach Afrika, gestaltet Flyer und Broschüren. Ab August, so ihr Plan, will sie auf eine halbe Pfarrstelle wechseln, um sich in der frei gewordenen Zeit intensiver der Fotographie zu widmen.

Keine Berühungsängste

Rund 550 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt, in Berlin, arbeitet Susanne Dannenmann. Die 48-Jährige wurde in Heidelberg geboren, aber ihre Familie zog nach West-Berlin, als sie dreizehn Jahren alt war. Hier wächst sie in eine politisch aktive Kirche hinein. Während des Studiums demonstriert sie gegen die Nato-Nachrüstung und engagiert sich in der kirchlichen Friedensarbeit. Und zugleich macht sie sich auf die Suche nach einer christlichen Spiritualität, in der sie sich wiederfindet.

Dannenmann wagt immer wieder den Blick über den Tellerrand hinaus. Während des Studiums schreibt sie eine Hausarbeit über "Mythos und Erfahrung in der New-Age-Bewegung". Darin will die Theologin klären, was aus der Esoterikszene für die Kirche fruchtbar gemacht werden kann und wo die Grenze gezogen werden muss. "Berührungsängste habe ich keine, weil ich mir meines Glaubens sehr sicher bin", betont Dannenmann. Im Rahmen des Vikariats, das im Jahr des Mauerfalls beginnt, macht sie ein Praktikum in einem esoterischen Buchladen und arbeitet im Meditationszentrum "Haus der Stille" am Wannsee.

Die Feministische Theologie ist der Pfarrerin nicht fern. Bis heute verwendet sie in Gottesdiensten die Formel "Gott, der uns Vater und Mutter ist". Gerade bei älteren Frauen komme das gut an, hat sie beobachtet. Insgesamt habe sich die Situation verändert, und das Frausein spiele im Pfarrberuf immer weniger eine Rolle. Aber "mit Frauen zusammenzuarbeiten fällt mir leichter, man kommt schneller zu einem Ergebnis", hat Dannenmann festgestellt.

Karriereknick durch Kinder

Den unständigen Pfarrdienst nach dem Vikariat in Kreuz- berg, wo Obdachlosenarbeit, Sozialarbeit, aber auch der Kontakt zu den Muslimen in der Nachbarschaft Schwerpunkte waren, tritt sie im Berliner Kirchenkreis Reinickendorf an. In der Gemeinde ruft sie einen Gottesdienst "Von Frauen für alle" ins Leben. Zugleich lernt sie eine Kirchengemeinde in Finanznot kennen. Sie erlebt, wie schwierig es ist, angesichts der angespannten Situation neue Konzepte zu entwickeln.

Nach zwei Jahren beschließt Dannenmann, das Gemeindepfarramt an den Nagel zu hängen. "Der Ausstieg war ein wichtiger Punkt", sagt sie heute, denn "man verwächst sehr schnell mit der Rolle eines Pfarrers. Zunehmend habe ich mich über sie identifiziert." Schließlich wird Dannenmann Schulpfarrerin. "Mein Herz schlägt darin, Menschen mündig zu machen", bekennt sie. Die Theologin mag den kreativen Umgang mit der Bibel - narrative Bibelauslegung und Bibliodrama. "Ich habe ein Händchen für Sprache."Theaterarbeit ist ein Steckenpferd. Sie schreibt Stücke für die Schüler und führt sie mit ihnen auf. Und etliche ihrer Krippenspiele sind inzwischen sogar als Buch erschienen.

1998 kommen ihre beiden Kinder zur Welt, Zwillinge. Dadurch gerät die Familie finanziell in eine schwierige Situation. Einige Zeit leben sie von Sozialhilfe. Denn Dannenmann bleibt wegen der Kinder eineinhalb Jahre zu Hause, und ihr Mann bekommt nach dem Vikariat nicht gleich eine Stelle. "Der Karriereknick durch die Kinder war deutlich", erinnert sie sich.

Seit Februar 2009 arbeitet Susanne Dannenmann, die inzwischen geschieden ist, als Gemeindepfarrerin in der Friedensgemeinde unweit des Olympiastadions. Privatleben und Beruf trennt sie, so gut möglich. Seelsorge ist ihr wichtig, aber auch das Kreative. Immer wieder kommen in den Gottesdiensten kleine selbst geschriebene Anspiele zur Aufführung. Und sie kann es sich auch vorstellen, irgendwann wieder in der Schule zu unterrichten.

Dienstleisterin der Gemeinde

In Regensburg schiebt Ingrid Erichsen den Kinderwagen um den Block. Die 36-Jährige hat eine vier Monate alte Tochter und ist gerade in Elternzeit. In ihrer Gemeinde, etwa zehn Kilometer von Regensburg entfernt, wird die Pfarrerin zur Zeit von einem Kollegen vertreten. Für Erichsen stehen statt Gottesdiensten, Seniorenbesuchen und Taufen Babysitting und Kangatraining auf dem Programm.

Nach dem Vikariat in Ingolstadt verschlug es sie als unständige Geistliche nach Mittelfranken in ein kleines Dorf. Hier erlebte Erichsen, was es heißt, als alleinstehende Pfarrerin auf dem Land zu sein. Sie wohnte in einem 140 Quadratmeter großen Pfarrhaus mit einem noch größeren Garten. In ihrem Beruf hatte die Pfarrerin zwar viel mit Menschen zu tun, aber Freundschaften zu schließen war schwierig: "Es gab einfach kaum Leute in meinem Alter", erinnert sie sich. "Und diejenigen, die es gab, hatten Kinder und waren zu beschäftigt." Erichsen stürzte sich in die Arbeit. Die Freizeit verbrachte sie häufig im Fitnessstudio. Doch nach drei Jahren wechselte sie nach Nürnberg ins Amt für Jugendarbeit.

"Es ist mir ein Anliegen, den Menschen den Glauben nahezubringen", sagt die Pfarrerin, die als Jugendliche lange Zeit in der evangelischen Jugend aktiv war und viele Freizeiten mitorganisierte. "Meine Aufgabe ist es zu zeigen, wo im Leben der Menschen Gott heute noch ein relevanter Faktor ist - ohne dabei die Bekehrungskeule 'rauszuholen." Im Amt für Jugendarbeit ist Erichsen als Multiplikatorin für Jugendevangelisation tätig, empfiehlt Glaubenskurse weiter und arbeitet an einer Kampagne zum Thema Gerechtigkeit. "Meine Aufgabe war es, Impulse zu liefern, wie man Jugendlichen das Evangelium nahebringen kann."

Wohin mit dem Kind?

Fragt man Erichsen nach der Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Pfarrdienst, meint sie: "Ich glaube schon, dass wir es immer noch schwerer haben." Gerade jetzt, wo ihre Tochter auf der Welt ist. "In dem Beruf ist es nicht so leicht, Kind und Arbeit in Einklang zu bringen." Denn, wohin mit dem Kind, wenn plötzlich eine Beerdigung ansteht? Trotzdem sieht sie für Frauen in der Kirche Karrierechancen, zum Beispiel als Dekanin. Aber sie kann sich nicht vorstellen, ein Kind aufziehen und gleichzeitig eine große Gemeinde zu leiten.

In Sinzing bei Regensburg, die Bürgergemeinde umfasst etwa achttausend Einwohner, verstreut auf mehrere Teilorte, hat Erichsen eine halbe Stelle inne. Vor dem Eintritt in die Elternzeit standen zunächst ganz handfeste Probleme an. Das Gemeindehaus war baufällig geworden, und kurzerhand mussten neue Räume gesucht werden. Auch besitzt die Diasporagemeinde in der tiefkatholischen Gegend keine eigene Kirche. Gottesdienste feiert sie daher in der alten katholischen Kirche, einem Barockbau mit Tabernakel und ewigem Licht.

"Ich habe den großen Ehrgeiz, innerhalb der nächsten drei Jahre alle Gemeindemitglieder einmal zu besuchen", sagt Erichsen. Und für die Zeit nach der Elternzeit hat sie noch größere Pläne: Mehr Familiengottesdienste, aber auch Babyfrühstücke und Gottesdienste auf dem Spielplatz kann sie sich vorstellen. "Ich verstehe mich als Dienstleister der Gemeinde", sagt sie, " als jemand, der theologische Impulse gibt, für die Gemeinde da ist." Bis August bleibt Ingrid Erichsen noch zu Hause. Dann übernimmt ihr Mann, Physiker bei Continental, die Kinderbetreuung. Und ein Krippenplatz ist schon organisiert.

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Barbara Schneider

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