Glück des Glaubens

Wie der Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke die Bibel entdeckte und las
Helmuth James Graf von Moltke 1945 vor dem "Volksgerichtshof". Foto: epd/Keystone
Helmuth James Graf von Moltke 1945 vor dem "Volksgerichtshof". Foto: epd/Keystone
In den Abschiedsbriefen des 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfers Helmuth James von Moltke und seiner Frau Freya, die vor einiger Zeit wieder aufgelegt wurden, spielt die Bibel eine wichtige Rolle. Wie der Jurist von Moltke die Bibel liest und auslegt, ist nicht nur berührend, sondern auch theologisch anregend, hat der Hamburger Propst Johann Hinrich Claussen festgestellt.

Selten wurde ein neues Buch von so vielen Kritikern, Fachleuten und Lesern so einhellig begrüßt. Es gab nicht nur lobende, sondern geradezu dankbare Rezensionen in allen führenden Medien. Und in weniger als einem halben Jahr wurden drei Auflagen verkauft und vielfach auch gelesen. Kein Zweifel, die Veröffentlichung der Abschiedsbriefe, die sich Freya und Helmuth James von Moltke in den letzten fünf Monaten vor seiner Ermordung 1945 geschrieben haben und die der evangelische Gefängnispfarrer Harald Poelchau in das Gefängnis Berlin-Tegel hinein- und wieder hinausgeschmuggelt hatte, ist ein historisches und publizistisches Ereignis.

Dass sie aber auch theologisch von erheblicher Bedeutung ist, haben die meisten Rezensionen nicht erwähnt. Dabei müsste es jedem unbefangenen Leser sofort ins Auge springen, mit welch verblüffender Ausführlichkeit und Intensität die Eheleute von ihren Bibellektüren berichten. Ob den Journalisten dieser Aspekt zu fremd war, um ihn wahrzunehmen? Oder ob er ihnen gar ein wenig peinlich gewesen ist? Wie auch immer, die meisten Besprechungen haben sich der eigentlichen theologischen Herausforderung, die in diesen Briefen steckt, nicht gestellt. In den langen Passagen, in denen vor allem Helmuth James von Moltke von seinem Bibelstudium im Gefängnis berichtet, spricht sich eine evangelische Frömmigkeit aus, die von solch einem gedanklichen und existenziellen Niveau ist, dass sie selbst für den religiös weniger musikalischen Leser hochinteressant sein dürfte, aber auch für den Fachtheologen manche Überraschung bereithält. Grund genug, diesem bisher vernachlässigten Aspekt der Moltke'schen Abschiedsbriefe gesondert nachzugehen.

Intellektuell hellwach

Moltkes sehr eigene Form der Bibellektüre entwickelte sich langsam. Am 19. Januar 1944 war er inhaftiert und im Februar ins KZ Ravensbrück verschleppt worden. Dort hatte er noch einem breiten Lektüreplan folgen können. Die Bibel gehörte dazu, stand aber neben vielem anderen: Literarischem von Goethe oder Stifter, Historischem von Ranke oder Gibbons, Kirchenvätern wie Augustin oder Luther, aktuell Theologischem von Troeltsch oder Künneth, praktisch Beruflichem wie landwirtschaftlichen Fachbüchern. Am 28. September wurde Moltke in das Gefängnis Tegel verlegt. Nun sollten ihm nur noch fünf Monate bleiben.

Seine Lage muss auf paradoxe Weise unerträglich gewesen sein: Das Ende stand unmittelbar bevor, zugleich aber dehnte sich die Zeit auf quälende Weise. Die Todesgewissheit bei gleichzeitiger Unsicherheit, wann man ihn ermorden würde, führte zu einer radikalen Konzentration und Fokussierung seiner Lektüre. Moltke las jetzt nur noch die Bibel (natürlich in Luthers Übersetzung) und das Gesangbuch. Alles andere - bloße Unterhaltungsliteratur etwa, aber auch höhere Literatur - hätte für ihn nicht die Kraft gehabt, dieser verzweifelt angespannten Lage standzuhalten und ihm Standfestigkeit zu verleihen. So liest der Häftling nur noch Gesangbuch und Bibel, um seine Tage zu füllen, um sich selbst zu stabilisieren, zu orientieren und sich die Glaubenskraft der Bibel anzueignen. Er tut dies diszipliniert, intellektuell wach und als Frömmigkeitsübung.

Dabei war Helmuth James von Moltke vor seiner Inhaftierung keineswegs durch besondere Kirchlichkeit oder Frömmigkeit aufgefallen. Er war konventionell evangelisch erzogen worden, obwohl die religiöse Biographie seines Vaters, des Gründungsapostels des deutschen Zweiges der amerikanischen "Kirche Christi Wissenschaftler", durchaus unkonventionell war. Dass sich sein Sohn in der Haft mit solcher Hingabe mit der Bibel befassen würde, war - anders als bei Dietrich Bonhoeffer - überhaupt nicht zu erwarten gewesen.

Austausch über biblische Texte

So seltsam es klingen mag, im Gefängnis holte Helmuth James von Moltke etwas nach, was ihm zuvor verwehrt geblieben war. Vorher war er ein extrem beschäftigter Mann gewesen. Neben der politischen Arbeit hatte der Jurist beruflich erhebliche Belastungen zu tragen. Nun hatte er plötzlich Zeit zum Lesen. Und er nutzte die erzwungene Muße, um endlich die geistigen und geistlichen Bildungsgüter zu erwerben, an denen er bisher vorbeigelebt hatte. Die Notizen zu seinen Bibellektüren zeigen, wie innerlich vital und selbstbestimmt er in dieser schrecklichen Zeit des Wartens auf den Tod geblieben ist.

Nicht zu übersehen ist auch, wie wichtig das Bibellesen für das Gespräch der beiden Eheleute war. Es gehört ja zur Tragik ihrer Briefe, dass sie sehr bald eine unfreiwillige Redundanz aufweisen. Schon im ersten Brief ist eigentlich alles gesagt: die beiden versichern sich ihrer Liebe, sagen einander Dank, spenden einander Trost, um voneinander Abschied nehmen zu können. Da er sich aber ins Ungewisse hinzieht und kaum neue gemeinsame Erlebnisse hinzukommen, werden in den folgenden Briefen diese Motive immer wieder wiederholt und variiert. So ist es die Bibellektüre, die für Abwechslung sorgt und Neues bringt, über das sie sich austauschen können.

Zunächst und vor allem sind es einzelne Worte des Trostes und der Bestärkung, mit denen Moltke sich beschäftigt. Allen voran das Pauluswort aus dem Römerbrief: "Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn." Es bildet das Leitmotiv der letzten Monate. Wie ein Mantra der Glaubensgewissheit spricht Moltke es sich und seiner Frau immer wieder zu. Es ist ebenso wie der 31. Psalm ("Sei mir ein starker Fels") "ein ständiger Gefährte meines Tages, und ich lese ihn sicher 2 oder 3 Mal täglich."

Diszipliniertes Privatstudium

Von einzelnen Worten aus erarbeitet sich Moltke ganze Bücher. Er durchläuft ein regelrechtes Privatstudium. Mit hoher Disziplin folgt er sich selbst auferlegten Leseplänen. Wenn der Gefangene in der Nacht aufwacht - das Licht wurde in den Zellen nicht gelöscht -, liest er laut Gesangbuchlieder, "meist irgendeine Gruppe hintereinander", bis er wieder schlafen kann. In der Frühe, nach dem Aufstehen folgen Morgenlieder. Nach Waschen und Gymnastik verbringt Moltke "den ganzen Morgen von 10:00 - 11:45 mit Aufsagen von Bibelstellen, zu dem jetzt noch die Psalmen 111, 118, 139 und das Aufsagen von Römer 8 gekommen ist". Und: "An anderen Tagen lese ich systematisch das Gesangbuch, mache mir Verweisungen in Bibel und Gesangbuch. Übrigens lese ich zuerst, wenn ich sitze, auf alle Fälle einige Kapitel aus dem AT." Und vor dem Schlafengehen nimmt er sich dann Abendlieder und Psalmen vor, bis er endlich schlafen kann.

Moltke folgt der Methode, "die ganze Bibel Wort für Wort immer wieder von vorne bis hinten zu lesen. Dass man Lieblingsstellen hat und die immer wieder außerdem liest, ist klar, aber die Grundlage muss eine ganz systematische Lektüre sein". Hier äußert sich die leise Kritik seines Seelsorgers Harald Poelchau, dass Moltke dazu neige "das, was ihm in die Bibel nicht passt, zu eliminieren". Daher schreibt der Pfarrer an Moltke: "Wenn Du ein Mal die Bibel wirklich ernsthaft zu lesen beginnst, dann darfst Du Dich nicht auf das beschränken, was Dir passt, sondern Du musst Dich auch und gerade mit dem rumschlagen, was Dir nicht passt. Nur keine bequeme Auswahl!"

Fasziniert von Jesaja, Johannes und Paulus

Bequem war Moltkes Bibellektüre gewiss nicht, denn sie verband ernstes Studium mit täglichem Exerzitium. Das Auswendiglernen und Aufsagen waren Teil einer rituellen Frömmigkeitspraxis, mit der er sich die biblischen Texte aneignete, auch die sperrigen. Dabei blieb Moltke aber stets ein neugieriger Intellektueller. Auch wenn er an akademischer Vorbildung wenig mitbrachte, besaß er ein erstaunliches Urteilsvermögen, einen feinen Sinn für den literarischen Wert und die theologische Qualität der verschiedenen biblischen Autoren. Das zeigen eine Reihe von erfrischenden Urteilen, die sich Universitätsexegeten niemals erlauben würden.

Auch wenn Moltke alles las, sogar die Abstammungsverzeichnisse der Bibel, setzte er doch Schwerpunkte. Vor allem faszinierten ihn Jesaja, Johannes und Paulus. An Jesaja, bei dem er nicht zwischen dem ersten und dem zweiten unterschied, beeindruckte ihn die Unmittelbarkeit der Gottesbegegnung: "Ich meine überhaupt, dass Jesaja der größte Prophet ist, in der Tat ein Mann von einem Format, wie wir es uns nicht vorstellen können, ein Mann, der eben Gott wahrlich von Angesicht zu Angesicht sah." Moltke nimmt Jesaja als paradoxen Seelsorger wahr, der gerade dadurch Trost spendet, dass er nicht direkt auf die Nöte der Menschen eingeht, sondern ihnen dadurch Entlastung verschafft, dass er sie mit der Gegenwelt Gottes konfrontiert: "Jesaja hat nichts Menschliches ausgesprochen, hat keine Lösung für menschliche Nöte gefunden. Jesaja redet von ganz etwas Anderem, nämlich von Gottes Willen mit der Welt. Jesaja interessiert sich für die Nöte der Menschen nicht, denn er berichtet von Gott." Gerade diese schroffe religiöse Konzentration macht den Glauben gewiss und die Seele getrost.

Moltke liebt das Alte Testament sehr, liest es aber strikt christologisch, von Christus her. So geht er von Jesaja zu den Evangelien über, von denen ihn vor allem Johannes beeindruckt: "Der Drehpunkt liegt in den 4 Evangelien, für mich im Johannes-Evangelium, weil m. E. abgesehen von seiner für mein Gefühl überlegenen Schönheit das Johannes-Evangelium das einzige Buch ist, aus dem man Sinn, Bedeutung, Stellung und Kraft des Heiligen Geistes zu verstehen vermag." Erst von Johannes, dem unmittelbaren Visionär und Geistträger, kommt er zu Paulus, der ihm viel mehr als Theologe erscheint.

Er kann natürlich nicht umhin, die biblischen Texte mit seiner persönlichen Lage zu verknüpfen. Gerade in der Auseinandersetzung mit den großen Propheten kommt es zu einer intimen Annäherung. Aber die ist keineswegs anmaßend. Denn wie Jeremia, Paulus und Jesus ist Moltke ein verfolgter Gerechter, der viel leiden muss. Und die Begegnung mit ihnen hilft ihm aus Einsamkeit und Verzweiflung: "Wenn ich nicht den Kampf in Gethsemane kennte, so würde ich mich täglich in die Hölle verdammen. Aber dann sage ich mir, wenn Jesus getrauert und gezagt hat, darfst Du es ja wohl auch noch. Welche ungeheure Realität alle diese Worte bekommen haben. Jeden Abend, wenn ich einschlafe, steht er ganz sichtbar vor mir."

Jesus-Frömmigkeit als Jesus-Förmigkeit - dies lässt sich auch in Moltkes Selbstcharakterisierung als glücklichen Sämann finden: "Der Samen aber, den ich gesät habe, der wird nicht umkommen, sondern wird eines Tages seine Frucht bringen, ohne dass irgendjemand wissen wird, woher der Samen kommt und wer ihn gesät hat." Natürlich sah sich Moltke nicht als zweiten Messias. Aber er schöpfte Kraft und Selbstgewissheit daraus, sein Wirken und Sterben - bewusst oder unbewusst - in größte Nähe zu Jesus zu rücken. So kann er rückblickend resümierend schreiben: "Wenn ich ehrlich bin, so muss ich sagen, dass ich diese 11 Monate in meinem Leben nicht missen möchte. Ich habe die Bibel kennengelernt, wie es mir sonst wohl nie möglich gewesen wäre, ich habe Tiefen und Höhen erlebt, bin gedemütigt und wieder aufgerichtet worden."

Eheliches Glück

Moltkes biblische Notizen sind freilich nicht nur erbaulich, sondern auch theologisch interessant. Und sie sind Dokumente ehelichen Glücks. Wie alle Liebhaber scheinen Helmuth James und Freya von Moltke das Bedürfnis gehabt zu haben, einander etwas zu schenken. Da sie einander sonst nichts geben können, verweisen sie einander auf schöne Verse, tröstende Sprüche und große Einsichten. So schenkt sie ihm einmal diesen Weisheitsspruch: "Aber der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an. Ob sie wohl von den Menschen viel Leidens haben, so sind sie doch gewisser Hoffnung, dass sie nimmermehr sterben." Und er macht ihr die schönste biblische Liebeserklärung, die sich überhaupt denken lässt: "Du bist mein 13tes Kapitel des ersten Korintherbriefes. Ohne dieses Kapitel ist kein Mensch ein Mensch. Ohne Dich, mein Herz, hätte ich 'der Liebe nicht'."

Für all das ist das Wort "lesen" viel zu schwach. Man fühlt sich an Luther erinnert, der die Bibel nicht "las", sondern bei ihr "anpochte", ja gegen sie "anstürmte”. Man kann auch an Klaus Bonhoeffer denken, Dietrichs Bruder, der seinen Kindern in einem Abschiedsbrief als Vermächtnis mitgab: "Dringt in die Bibel ein." Moltke hat die Bibel nicht nur durchgelesen, sondern ist in sie eingedrungen. Es ist nicht beim Anpochen und Anstürmen geblieben. Ihm ist aufgetan worden. Aus dem Lesen der Bibel erwuchs ihm - mitten im Harren auf den Tod - das Glück des Glaubens. Um das zu begreifen, brauchte Moltke keine theologische Theorie vom Wert und Nutzen der Heiligen Schrift. Es genügte ihm, dass die Bibel an ihm ihre Kraft erwies.

Natürlich wäre es unfair, Moltkes Bibellektüren direkt mit dem akademischen Exegesebetrieb von heute zu vergleichen. Dieser kann eine vergleichbare existenzielle Dringlichkeit natürlich nicht besitzen. Er muss wissenschaftliche Philologie betreiben und historische Fragen traktieren. Doch hat man Moltkes Abschiedsbriefe zu Ende gelesen, verspürt man nicht unbedingt den Drang, einen neueren Bibelkommentar zur Hand zu nehmen. Das ist schade. So wäre doch die Frage an die Alt- und Neutestamentler zu stellen, wie sie trotz aller Professionalität auch einen existenziellen Zugang zu biblischen Texten finden können, der geistig erfrischend und geistlich erbauend wirkt. Aber auch als Prediger fühlt man sich fast beschämt, wenn man auf die eige-ne Praxis sonntäglicher Bibelauslegung blickt. Natürlich soll man froh und dankbar sein, dass man einen vergleichbaren Leidensdruck nicht kennt. Auch ist es in Ordnung, wenn man die Bibel nicht immer so liest, als ginge es um Tod und Leben. Es entspricht schließlich schlicht der eigenen Situation, dass man sie abgelenkter, fahriger und oberflächlicher liest. Aber dadurch entgeht einem eben auch viel. Nun sollte man zwar nicht versuchen, die Moltkes nachzuahmen. Denn das wäre unmöglich, ja peinlich. Aber zu einem ernsteren Eindringen in die Bibel kann man sich von ihnen anregen lassen. Deshalb sollte man als Prediger diese Abschiedsbriefe nach der Lektüre nicht in ein Regal räumen, sondern immer wieder darin blättern.

Literatur:

Helmuth James von Moltke, Freya von Moltke u. a.: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel: September 1944 - Januar 1945. C. H. Beck Verlag, München 2011, 608 Seiten, Euro 29,95.

Johann Hinrich Claussen

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