Job mit Jo-Jo-Effekt

Leiharbeiter sind die Tagelöhner der Moderne. Sie leben in permanenter Unsicherheit
Gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern auch die Mitarbeiter der Leiharbeitsfirma Autovision, die für VW arbeiten. Foto: dapd/Stefan Simonsen
Gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordern auch die Mitarbeiter der Leiharbeitsfirma Autovision, die für VW arbeiten. Foto: dapd/Stefan Simonsen
Leiharbeiter werden den Arbeitsmarkt der Zukunft mitprägen: Schon jetzt boomt die Branche, doch die Betroffenen spüren davon wenig. Für gleiche Arbeit bekommen sie häufig nur den halben Lohn. Die Journalistin Beatrice Blank hat zwei von ihnen getroffen.

Jan Prüm hat sich als Festangestellter verkleidet. Er trägt die zweiteilige mausgraue Arbeitskluft mit dem gelben Schriftzug der Firma auf dem Rücken. Dabei steht die ihm gar nicht zu, die bekommen nur die Angestellten beim Gabelstapler-Hersteller Jungheinrich. Prüm hingegen ist "Leiher" - und die tragen im Betrieb den Blaumann der Leiharbeitsfirma Randstad. Daran und weil sie kein Namensschild tragen, erkennt man sie. Aber Prüm hat die graue Montur über einen ergattert, den er noch von früher kennt. Hochwertiger sei die. Angenehmer zu tragen. Und mit ihr sieht es aus, als gehöre er dazu.

Seit fast zehn Jahren montiert der gelernte Industriemechaniker Gabelstapler für Jungheinrich in Norderstedt bei Hamburg. Mit vielen Unterbrechungen: Prüm war in den vergangenen Jahren immer wieder arbeitslos, mal eine Woche, mal zwei Monate, einmal auch länger als ein Jahr. Weil der 32-Jährige nicht Angestellter bei Jungheinrich, sondern der Leiharbeitsfirma Randstad ist, wird er weggeschickt, wenn er nicht unbedingt gebraucht wird. Ob er wiederkommen darf, ist nie sicher. "Das wird einem schon klar gemacht, wie austauschbar man ist", sagt Prüm. Wer nicht "pariert", wer wechselnde Schicht- und Wochenendarbeit nicht akzeptiert, oder "sonst wie aufmuckt", sei schnell ersetzt. Wer darauf besteht, in die Ferien zu fahren, zieht gegen seine Urlaubsvertretung später vielleicht den Kürzeren - oder verpasst gar den Moment, in dem Festverträge verteilt werden.

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Der nächste Facharbeiter im Blaumann steht immer schon bereit. In Branchen wie dem Autobau, der Metallverarbeitung, aber auch im Pflegebereich, können Unternehmen jederzeit auf qualifiziertes Personal zurückgreifen. Davon wird in Deutschland reichlich Gebrauch gemacht. 806.100 Leiharbeiter registrierte die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Sommer 2010. Vermittelt werden sie von mehr als 16.000 Leiharbeitsfirmen.

"Für die Wirtschaft ist Leiharbeit ideal, um flexibel arbeiten zu lassen", sagt Wolfram Linkel, Sprecher der Interessengemeinschaft Zeitarbeit (IGZ), einem Dachverband deutscher Leiharbeitsfirmen. Doch das sei nicht der einzige Vorteil: Würde im Unternehmen jemand erkranken, könnten Leiharbeitsfirmen kurzfristig die dringend nötige Vertretung schicken. Und: "Für Berufsanfänger erfreut sich Leiharbeit stetig steigender Beliebtheit", so Linkel. "Nach der Ausbildung können unterschiedliche Bereiche ausprobiert und praktische Erfahrungen gesammelt werden." Linkel spricht von Leiharbeit als einer "doppelten Chance". Da hätten Menschen, deren reguläre Bewerbungen scheitern, die Möglichkeit zum beruflichen Wiedereinstieg - und dann die Aussicht, ins Stammpersonal aufgenommen zu werden.

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Laut Arbeitsagentur waren rund zwei Drittel der Leiharbeiter zuvor arbeitslos. Und das können sie auch schnell wieder werden: Die Hälfte der Leiharbeitsverhältnisse endet nach drei Monaten oder früher. Längst ist es üblich, dass Leiharbeitsfirmen ihrerseits Verträge mit Arbeitern nur dann abschließen, wenn diese sofort in einem Unternehmen eingesetzt werden.

Walter Pahl ist gelernter Kfz-Mechaniker. Nach seiner Ausbildung bei einer Speditionsfirma in Heilbronn in Baden-Württemberg wurde er nicht übernommen. Der damals 21-Jährige musste seine schwangere Frau und ihren gemeinsamen kleinen Sohn versorgen. Sich arbeitslos zu melden, kam für ihn nicht in Frage, doch eine feste Arbeitsstelle war auch nicht in Sicht. Der junge Mann entschied sich, es bei einer Verleihfirma zu probieren - und hatte gleich Erfolg. "Am Vormittag hatte ich das Vorstellungsgespräch in der Leihfirma, nachmittags habe ich mich beim ersten Betrieb gemeldet." Seit fünf Jahren geht für Pahl eine Beschäftigung nahtlos in die andere über, für vier Leiharbeitsfirmen war er in etlichen Betrieben - immer froh, überhaupt Arbeit zu haben, aber auch ständig ängstlich, bald ohne dazustehen: "Wenn ich Ende der Woche meinen Stundenzettel bei der Leihfirma eingereicht habe, wusste ich oft nicht, wo ich am Montag sein würde."

Als Jan Prüm sich 2002 bei der Verleihfirma Randstad als Industriemechaniker vorstellte, unterschrieb er zwei Tage später einen Sechs-Monats-Vertrag und trat noch am selben Tag seine erste Schicht bei Jungheinrich an. Für sechs Monate hatten die einen Facharbeiter angefordert. Als das Unternehmen den Bedarf abmeldete, "hatte ich sofort die Kündigung von Randstad und war vier Wochen später arbeitslos".

Das unternehmerische Risiko trägt der Arbeiter

Leiharbeiter werden nach Bedarf rangeholt oder abgewiesen, aber stets an einer nicht zu langen Leine gehalten. Es ist so etwas wie das Spiel mit einem Jo-Jo, das Verleihfirmen und Entleiher oftmals treiben. Das unternehmerische Risiko trägt in so einem Fall kein Unternehmen, weder die Firma, die Arbeiter ausleiht, noch die, die welche verleiht - sondern der Arbeiter. Nicht zuletzt belastet es den Staat, der die Kosten für die Arbeitslosigkeit trägt.

Die Solidargemeinschaft springt auch ein, wenn Leiharbeiter trotz Vollzeitjob zu wenig Lohn bekommen, um davon leben zu können. Denn eins der drängendsten Themen des Systems Leiharbeit, so Wilhelm Adamy, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), ist die Entlohnung: "Leiharbeit wird nicht mehr nur zur Abdeckung von Auftragsspitzen genutzt, sondern um unterschiedliche Löhne zahlen zu können und so Lohndumping zu betreiben."

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Leiharbeit gilt, unabhängig von der Tätigkeit, die einer tatsächlich ausübt, als eigene Branche mit eigenem Tarifgefüge. Laut DGB-Studie "Niedriglohn und Lohndumping im Verleihgewerbe" verdienen Leiharbeitskräfte bei Vollerwerbstätigkeit nur die Hälfte. Ihr Durchschnittseinkommen beträgt demnach rund 1400 Euro, das aller anderen Arbeitnehmer rund 2800 Euro. Mitte 2010 bezog laut DGB jeder achte Leiharbeiter ergänzende Leistungen vom Amt. Das heißt: Obwohl sie (sozialversicherungspflichtig, aber nicht alle in Vollzeit) arbeiten, reicht ihr Lohn zum Leben nicht. Weil der Anteil der "Aufstocker" unter den Zeitarbeitern mit 13,1 Prozent viel höher ist als bei allen Arbeitnehmern insgesamt (2,7 Prozent), spricht der DGB von einem "vier bis fünfmal höheren Verarmungsrisiko".

Die Gewerkschaften wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Das ist unter der englischen Bezeichnung "Equal Pay" theoretisch seit 2004 im deutschen Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verankert. Doch zur Anwendung kommt es praktisch nicht. Ironischerweise deswegen, weil das Gesetz von Tarifverträgen verdrängt wird, die Gewerkschaften und Vertreter von Leiharbeitsfirmen vor 2004 miteinander ausgehandelt haben. "Equal Pay kam überraschend für uns", erklärt Wilhelm Adamy vom DGB. Die Gewerkschaften hätten auf tarifliche Regelungen gesetzt, um die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung von Leiharbeitern zu verbessern. Als das Equal-Pay-Gesetz kam, waren Gewerkschaften und damit Leiharbeiter an diese Tarifverträge gebunden. Nun will etwa die IG Metall die Verträge mit so genannten Besservereinbarungen direkt mit den Betrieben aufwerten.

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Jüngst hat die Bundesregierung einen Mindestlohn für Leiharbeit festgelegt. IGZ-Sprecher Linkel sieht die neue Regelung als Zeichen, dass "die Missbrauchsmöglichkeiten in der Branche eingeschränkt" werden: "Wir brauchen diese Mindestlöhne, um Lohndumping auszuschließen." Sein Verband dürfte auch im Hinblick auf die seit dem 1. Mai wirksame Arbeitnehmerfreizügigkeit für alle EU-Bürger an Mindestlöhnen interessiert sein. Denn nur so kann verhindert werden, "dass Arbeitskräfte von Firmen aus Ost-Europa nach Deutschland geschickt werden und die gleiche Arbeit für noch weniger Geld machen, die", so Linkel, "für einen Bruchteil des deutschen Lohns arbeiten, für Stundenlöhne von 1,72 Euro". Die Befürchtungen auf Seiten der Zeitarbeitsunternehmen, so massiv unterboten zu werden und nicht wettbewerbsfähig zu bleiben, seien groß gewesen. "Durch die Lohnuntergrenze herrscht jetzt große Erleichterung bei Zeitarbeitsunternehmen."

DGB-Experte Adamy mag das nicht als Erfolg verbuchen: "Wir sind mit der jetzigen Mindestlohnregelung unzufrieden. Lohndumping kann nur verhindert werden, wenn gleiche Löhne gezahlt werden. Sonst wird oberhalb dieser Grenze weiter Lohndumping betrieben." Wo Lohndumping herkomme, sagt er, aus dem eigenen Land oder aus Ost-Europa, spiele letztlich keine Rolle für die Betroffenen.

Doch Leiharbeiter leiden nicht nur unter schlechter Bezahlung. Arbeitspsychologen beklagen die häufig so kurze Dauer von Arbeitsverhältnissen. Das bedeute für die Beschäftigten, dass sie sich an ständig wechselnden Arbeitsplätzen immer wieder unterschiedlichen Anforderungen und anderen Abläufen anpassen müssten. Eine enorme Belastung. Zudem: Wer sich in kurzen Abständen immer wieder arbeitend, arbeitssuchend und arbeitslos melden muss, an dem bleibt ein gewaltiger bürokratischer Aufwand hängen. "Es ist nicht gerade angenehm, so oft zum Amt zu laufen und die Formulare auszufüllen. Und die wollen einen ständig zum Bewerbungstraining schicken", sagt Leiharbeiter Jan Prüm.

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Dass sich Leiharbeitnehmer meist in unsicheren Arbeitsverhältnissen und damit auch in unsicheren Lebensverhältnissen befinden, kommt hinzu. Das bleibt, so Arbeitspsychologen, nicht ohne Einfluss auf Seele und Körper: Überforderung, Übermüdung, Nervosität, Hektik, Aufmerksamkeitsdefizite, Angst oder Bluthochdruck können die Folgen sein. Schwierig ist es auch, freundschaftliche Verhältnisse zu Kollegen aufzubauen. Oft leiden Leiharbeiter unter Ausgrenzung. "Mit den anderen Leihern kommst du schnell ins Gespräch - wir kämpfen ja alle gegen die selben Windmühlen", sagt Jan Prüm. Doch mancher Festangestellter würde ihn und seine geliehenen Kollegen "richtig doof angucken". Und im Pausenraum bilden sich stets zwei Lager: "Da die festen, in einer anderen Ecke die Leiher." Die Grauen und die Blauen.

Jan Prüm erzählt, in seiner Anfangszeit als "Leiher" habe er sich mehrmals von Versprechungen, demnächst würden Festverträge vergeben, locken lassen. "Ich habe wochenlang die Spät- und die Samstagsschicht übernommen." Um positiv aufzufallen, habe er sein Privatleben, alle Aktivitäten neben dem Job eingestellt. Eine feste Freundin hat er nicht. Überhaupt hat Prüm seine früheren Träume von einer Familie und vielleicht einem kleinen Häuschen hinten angestellt. "Andere zögern, Pläne zu machen, weil sie nicht wissen, was in zwei Jahren ist", sagt Prüm. "Ich weiß nicht mal, was nächste Woche ist."

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Jan Prüm will nichts anderes tun, als Gabelstapler bei Jungheinrich bauen, sagt er. Trotzdem hat er sich auch bei anderen Firmen nach einer möglichen Festeinstellung erkundigt. Erfolg hatte er nicht: "Überall, wo sie Industriemechaniker brauchen, wirst du direkt an die Leiharbeitsfirma verwiesen, mit der sie zusammenarbeiten." Als Prüm wieder arbeitslos war, hat er auch einmal etwas anderes probiert: Er ließ sich zur Sicherheitskraft weiterbilden. Er wollte bei Jungheinrich am Werkstor Wache schieben. "Dann hätte ich als erster mitbekommen, wenn sie wieder Industriemechaniker suchen." Geklappt hat das nicht.

Stattdessen schickte ihn sein Verleiher Randstad tage- oder wochenweise, um Teelichter einzupacken, Äste in einer Baumschule einzusammeln oder Hemden aufzubügeln. Für Prüm nur mit der Aussicht auszuhalten, dass Jungheinrich wieder nach ihm rufen würde. Sie rufen seit beinahe zehn Jahren nach ihm. Jan Prüm ist optimistisch, dass er irgendwann auch bleiben darf. "Mein Teamleiter hat schon gesagt, ich bin an der Reihe, wenn es wieder Verträge gibt - ich als einer der Dienstältesten."

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Tatsächlich ist die Übernahme von Leiharbeitern ins Stammpersonal eher die Ausnahme als die Regel. Laut Forschungsbericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Nürnberg) wurden 2008 sieben Prozent der Leiharbeiter in ein festes betriebliches Arbeitsverhältnis übernommen. Walter Pahl ist - nach Jahren als Leiharbeiter - so ein Glückspilz. Der 26-jährige Kfz-Mechaniker ist seit September 2010 beim Autobauer Audi in Neckarsulm bei Heilbronn in der Fertigung des neuen A6 beschäftigt. Bei Audi zu arbeiten - das ist in Heilbronn an sich schon so etwas wie ein Sechser im Lotto. "Ich hab mich damals schon sehr gefreut", sagt Pahl. Er schwärmt von der Sauberkeit und der Ordnung im Betrieb, von den netten Kollegen und den verständnisvollen Vorgesetzten. Seit März haben er und 99 andere Leiharbeiter im Audi-Werk Neckarsulm einen festen Arbeitsvertrag, unbefristet. Sein Lohn wird sich erhöhen, vor allem aber kann er für sich und seine junge Familie die Zukunft planen.

Jan Prüm plant für diesen Sommer nach vielen Jahren endlich wieder einen Urlaub. Zwei Wochen Dänemark vielleicht, "Hauptsache mal raus". Er hofft, dass nicht ein anderer in seinem grauen Arbeitsanzug stecken wird, wenn er zurückkommt.

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Beatrice Blank

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