Neue Unsicherheiten

Über die Krise der Arbeit
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Der Soziologe Robert Castel sieht den sozialpolitischen Konsens in Westeuropa zunehmend in Frage gestellt. Eine Gesellschaft der Gleichen könnte bald als überholtes Ideal gelten, warnt Castel. Doch an den "sozio-anthropologischen Fundamenten" dürfe nicht gerüttelt werden.

Seinen Roman Abschaffel ließ der Schriftsteller Wilhelm Genazino 1977 mit dem Satz beginnen: "Weil seine Lage unabänderlich war, musste Abschaffel arbeiten." Das dürfte noch heute vielfach verstanden werden, auch wenn man jetzt oft fragt, ob uns die (Lohn-)Arbeit nicht ausgeht und die rechtlichen Absicherungen, die den Verlust des Arbeitsplatzes und Einkommens kompensieren sollen, nicht zu teuer seien. Auch der renommierte französische Soziologe Robert Castel notiert in seinem Buch Die Krise der Arbeit, der sozialpolitische Konsens werde in Westeuropa zunehmend infrage gestellt, indem man kritisiere, der Sozialstaat setze zu wenig Anreiz für eigene Initiative.

Um "neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums" geht es dem ehemaligen Mitarbeiter Pierre Bourdieus, und so lautet auch der Untertitel des Buchs. Castel ist überzeugt: wer das moderne Leitbild der Autonomie gerade in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht betone, müsse bedenken, ob es nicht viele überfordere. Eine Vielzahl prekärer Arbeitsverhältnisse und die wachsende Gefahr von Altersarmut nennt der Soziologe als Beleg dafür, dass dies häufig übersehen werde. Das sei aber gerade nicht im Sinne der Erfinder des Liberalismus. Schon der englische Philosoph John Locke habe seine politische Theorie unter der Voraussetzung eines Staates entworfen, der die Rechte des Einzelnen - zunächst und vor allem dasjenige auf Eigentum - sichert. Und erst die moderne Sozialversicherung sowie damit verbundene Rechte für Arbeitnehmer seien die Voraussetzung dafür gewesen, dass diese als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gelten könnten.

Die Pessimisten Europas

Wie der auch von Castel als notwendig erkannte Umbau des Sozialstaats näher aussehen könnte, weiß freilich auch er noch nicht. Sicher ist sich der Soziologe indessen, dass an seinen "sozio-anthropologischen Fundamenten", die eine "Kultur des Sozialen" auszuprägen halfen, nicht gerüttelt werden dürfe. Heute gebe es "Individuen im Übermaß", die aufgrund ihrer Ausstattung mit eigentlichem oder Bildungskapital auf soziale Zusammenhänge kaum angewiesen seien, und "bloße Individuen", die ein soziales Netz benötigten und durch dessen Beschneidung auf einen Status zurückgestuft zu werden drohten, wie er historisch demjenigen von Wanderarbeitern entspricht. Eine Gesellschaft der Gleichen könnte bald als überholtes Ideal gelten, warnt Castel.

Klare soziologische Analysen sind diese das Leitthema variierenden Essays eher nicht, liefert der Autor doch (zu) wenig Datenmaterial. Ideengeschichtlich relevante Standpunkte referiert er aber durchaus und spart dabei jedenfalls andeutungsweise auch die Theorien von Max Weber und Ernst Troeltsch über die Bedeutung des Protestantismus zur Ausprägung einer kapitalistischen Moderne nicht aus. Für Castel, wie für viele andere, spricht die Lage der Dinge wohl für sich. Im Übrigen verweist er oft auf frühere Publikationen - und scheint die Diskussion alternativer Entlohnungs- und Arbeitskonzepte nicht als bereichernd zu empfinden. Auszulegen gibt es hier nicht viel, zu appellieren umso mehr. Zwar geht Castel meistens von französischen Verhältnissen aus und meint, Franzosen seien die größten Pessimisten Europas. Die hier behandelten Fragen deshalb aber als buchstäblich unbedenklich abzutun, wäre dennoch kaum angemessen.

Robert Castel: Die Krise der Arbeit. Hamburger Edition, Hamburg 2011, 383 Seiten, Euro 32,-.

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Thomas Groß

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