Selbstverständnis

Der Jesus des Papstes
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Vier Jahre nach dem ersten Band spannt Papst Benedikt XVI. nun den Bogen "vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung". Wie der erste ist auch dieser Band ein lesbares und auch lesenswertes Buch, das an das Neue Testament heranführt.

Seit Jahrzehnten ist durch Umfragen belegt, dass ein hoher Prozentsatz der Christen mit "Auferstehung" nur wenig anfangen kann. Dabei geht es um den eigentlichen Kern christlichen Glaubens, wie Paulus der Gemeinde in Korinth schreibt. Ohne Auferstehung sei der Glaube sinnlos. Man könne sie nicht begreifen, sagt schon im 12. Jahrhundert der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux, sondern sich davon nur ergreifen lassen.

Immerhin müsse man den Versuch wagen, das Geheimnis in Worte zu fassen, meint Martin Luther. "Vielleicht dürfen wir uns einer analogen Sprache bedienen, die in vieler Hinsicht unangemessen bleibt, aber doch einen Zugang zum Verstehen öffnen kann", schreibt Papst Benedikt xvi.

Diese Annäherung an das Oster-Mysterium findet sich im zweiten Band des Jesusbuches von Joseph Ratzinger/ Benedikt xvi. Vier Jahre nach dem ersten Band spannt er nun den Bogen "vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung". Wie der erste ist auch dieser Band ein lesbares und auch lesenswertes Buch, das an das Neue Testament heranführt. Allerdings könnte es sein, dass der pastorale Stil die Tücken dieser Schriftauslegung überdeckt.

Kritiker des ersten Versuchs eines Papstes, ein theologisches Werk vorzulegen und damit der wissenschaftlichen Auseinandersetzung freizugeben, setzten sich vor allem mit der exegetischen Methode dieser Jesusdarstellung auseinander. Katholische Exegeten äußern ihre Vorbehalte freilich nur verhalten, müssen sie doch ansonsten bischöfliche oder vatikanische Sanktionen gegen ihre wissenschaftliche Arbeit befürchten.

Versuch, das Geheimnis in Worte zu fassen

Erneut orientiert Benedikt xvi. sich vor allem am Johannes-Evangelium. Ungeachtet der seinerzeit vorgebrachten Einwände hält er an seiner "kanonischen" Schriftauslegung fest, ja er bekräftigt sie noch. Sein Anspruch: Er will "den historischen Jesus" und den "Christus des Glaubens" wieder in eins bringen. Die auch für ihn unverzichtbare "historisch-kritische Methode" müsse vom Glauben her überformt werden, wenn sie "sich nicht in immer neuen Hypothesen erschöpfen und theologisch belanglos werden soll"; das ist allerdings ein Vorwurf, der die Entwicklung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Neuen Testament längst nicht mehr trifft, wenn er denn je gestimmt hat.

Die "kanonische" Exegese nimmt die Bibel als Ganze, als kirchlich autorisierte Einheit in den Blick und befasst sich von dieser Gesamtheit her mit den einzelnen Schriften oder Textteilen, während die historisch-kritische Auslegung den umgekehrten Weg verfolgt. Die Bibel wird kanonisch, als Bekenntnisurkunde der - jüdischen, christlichen - Glaubensgemeinschaft gelesen, deren Abgrenzung gegenüber anderen Überlieferungen im historischen Prozess eben durch die Autorisierung Bedeutung bekommt.

Mit diesem kirchlichen Bezugspunkt wird Benedikts Weise der geistlichen Schriftdeutung immer wieder zu einer Art Legitimierung der nachfolgenden dogmatischen Entwicklung der Glaubensinhalte, ja sogar der institutionell gewachsenen Strukturen; damit verliert die Bibel jedoch ihren Prüfcharakter für das Dogma und die Gestalt der Kirche.

Sein Schicksal vorausgesehen

Besonders problematisch wird dieser hermeneutische Standort beim Selbstverständnis Jesu, wie Ratzinger es darstellt. Für ihn sind die Evangelien nicht erst nachösterliche, theologisch durchdrungene Erfahrungen mit Jesus als dem auferstandenen Christus. Wo immer die Autoren der Evangelien ausdrücklich auf das Erste Testament Bezug nehmen, um Jesus als den Messias zu erweisen, liest Benedikt xvi. dies als Äußerung des "wirklichen" Jesus; er habe die alttestamentlichen Anspielungen auf den Messias auf sich selbst bezogen; auch wenn er sich nie als Sohn Gottes bezeichne, habe er sich doch selbst so verstanden und daher sein Schicksal als Mensch vorausgesehen.

In den christologischen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte haben die Konzilien sich dem Glaubensgeheimnis seit Nicäa 325 mit dem Begriff der "hypostatischen Union" sprachlich zu nähern versucht, dass Jesus Christus zugleich wirklicher Mensch und wahrer Gott und doch einer sei. In seinem Buch trennt Ratzinger indes nicht deutlich: In den Evangelien dargelegte Voraussagen Jesu auf seinen Tod und seine Auferstehung nimmt der Autor als authentisch an. Wenn aber Jesus als Mensch mit seiner göttlichen Natur von seiner Auferstehung zuvor gewusst haben soll, wird damit der Karfreitag entwertet und der theologische Begriff der "Erlösung" fragwürdig. Die Auferstehung Jesu Christi hat dann als Durchgang durch den Tod für den Menschen keine Bedeutung mehr. Leserinnen und Leser müssen sich dieser problematischen Konsequenz bewusst bleiben, wenn sie sich mit der Jesusdarstellung des Papstes beschäftigen wollen.

Joseph Ratzinger - Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstheung. Herder Verlag, Freiburg 2011, 366 Seiten, Euro 22,-.

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Hajo Goertz

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