Zeichen der Reife

Gewissensbisse und Bestrafungsängste
Schuldfähig oder nicht? Oft müssen Psychologen dazu vor Gericht Stellung beziehen. (Foto: dpa/David Ebener)
Schuldfähig oder nicht? Oft müssen Psychologen dazu vor Gericht Stellung beziehen. (Foto: dpa/David Ebener)
Psychologen interessieren sich meist eher für Schuldgefühle als für die Schuld. Das hilft - aber nicht immer.

Schuld ist nur selten ein Thema der Psychologie. Das ist das erste, das auffällt, wenn man sich über dieses Thema kundig macht. Und das verwundert zunächst. Denn in Medien, Politik, Kultur wie im Alltagsleben der Menschen erfährt Schuld eine hohe Aufmerksamkeit.

Personen werden schuldig, immer wieder. Manche fühlen sich schuldig, an­dere nicht. Und nicht jeder, der sich schuldig fühlt, ist es auch. Wer ist schuld? Die Frage folgt fast zwangläufig jeder Nachricht über gescheiterte Projekte, drohende wirtschaftliche Verluste, folgenreiche Unfälle.

Auch in den privaten Le­bensbereichen, in Partnerschaft und bei Erziehungsproblemen, ist die Frage, in welcher Form auch immer, ständig präsent: Wer ist schuld? Ich, wir, die Anderen?

Psychologen sind hier zurückhaltend. Das hat Gründe. Der Psychologie geht es um genaue Beobachtung und Wahrnehmung menschlichen Verhaltens, um Emotionen und Mo­tivationen von Individuen und Gruppen. Psychologie ist kei­ne normative Wissenschaft. Es geht ihr weder um ethische Handlungsoptionen noch um moralische Bewertungen.

Wer ist schuld? Ich?

Das Schuldthema wird deshalb in die Zuständigkeit von Philosophie, Rechtswissenschaft und Ethik verwiesen. Aber es spielt wohl auch das Bedürfnis mit hinein, sich gegenüber reli­giösen Deutungen von Schuld deutlich abzugrenzen. Denn mit Schuld werden Begriffe wie Sünde, Beichte und Verdammnis verbunden.

Nach Sigmund Freud liegen der Religion Schuldgefühle zu Grunde, gerade der christlichen, besonders in ihrer abendländischen Prägung. Und davon hat sich die neuzeitliche wissenschaftliche Psychologie emanzipiert, damit möchten Psychologen gemeinhin nicht viel zu tun haben.

In der Entwicklungspsychologie geht es zwar auch um die Entwicklung ethischen Urteilsvermögens und dass ein Mensch lernt, Verantwortung für den Schaden zu übernehmen, den er an­gerichtet hat. Doch "Schuld" klingt moralisierend, richtend und setzt für viele eine höhere Autorität voraus, vor der man sich zu rechtfertigen hat und deren Strafgericht man stets gewärtig sein soll.

Aus diesem Grund begegnen viele Psychotherapeuten der christlichen Seelsorge mit Skepsis. Diese fokussiert sich ihrer Meinung nach viel zu schnell auf das Schuldthema. Und das kann zur Verstärkung von Symptomen seelischen Leidens führen. In Einzelfällen ist diese Sorge sicher nicht unbegründet, gibt es doch eine auf Schuld und Sünde fixierte Seelsorge.

Aber sie ist nicht nur psychologisch hoch problematisch, sondern auch theologisch. In jeder soliden, pastoralpsychologisch fundierten Seelsorgeausbildung muss auf die Befähigung zu sachgemäßem, psychologisch verantwortlichem Um­gang mit Schuld geachtet werden. Aber das kann nicht bedeuten, dass das Schulderleben als Aspekt der Realität ausgeblendet wird.

Gewissensbisse und Bestrafungsängste

Bei genauerem Hinsehen findet sich in einschlägigen Zusammenhängen durchaus Psychologisches zum Thema Schuld. Mehr als über Schuld wird allerdings über Schuldgefühle gehandelt. Das legt sich schon vom primären Gegenstand psychologischer Wissenschaft nahe.

Schuldgefühle sind es ja auch, die Menschen oft bis an die Grenze des Er­träglichen belasten und bedrücken. Wichtig ist aber auch, ob und inwiefern Schuldgefühle mit einer schuldhaften Tat zu tun haben.

Einen wichtigen Beitrag zu diesem Thema leistet die Psychoanalyse. Von Anbeginn an wurde hier der Entstehung von Schuldgefühlen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Freud ging es dabei weniger um ein objektives Schuldproblem, als vielmehr um die innerpsychische Dynamik der sich entwickelnden menschlichen Persönlichkeit.

Schuldgefühle sind dementsprechend zunächst Reaktionen auf die Forderungen einer mächtigen Instanz unseres seelischen Apparats, des Über-Ich, das wir auch "Gewissen" nennen. In ihm sind im Laufe der Sozialisation erlernte und tradierte Normen und Moralvorstellungen verinnerlicht worden. Auf de­ren Übertretung - und sei es auch nur in Gedanken - reagiert unsere Psyche mit Gewissensbissen und Bestrafungsängsten.

Dabei können Menschen Schuldgefühle entwickeln, oh­ne dass sie mit diesen eine konkrete Schuld verbinden. Schuld wird dann völlig überwertig erlebt, obwohl keine oder nur eine geringfügige Schuld vorliegt. Die tatsächliche Herkunft der Schuldgefühle bleibt oft unbewusst. Aber deren Wirkung ist quälend und kann in die Depression führen.

Die Übergänge zu neurotischer Symptomatik sind dabei fließend. In der Seelsorge sollte es zur Grundkompetenz gehören, gegebenenfalls die Behandlungsbedürftigkeit eines Ratsuchenden zu erkennen. Unangemessene Schuldgefühle bedürfen in vielen Fällen psychotherapeutischer Hilfe.

Schuld - ein neurotisches Etikett?

Zu beachten ist freilich, dass die Popularisierung psychoanalytischer Kenntnisse leicht ein allzu laienhaftes Therapieren fördert. Schnell werden dann bei sensibel veranlagten Mitmenschen "Schuldgefühle" diagnostiziert und diese als "neurotisch" etikettiert. Das ist genauso wenig hilfreich wie die flotte Zuschreibung eines Helfersyndroms, einer Phobie oder eines Minderwertigkeitskomplexes bei irgendwie auffälligen Verhaltensweisen.

Für den therapeutischen Laien ist es manchmal gar nicht möglich, neurotische von adäquaten Schuldgefühlen zu un­terscheiden. Eine präzise begriffliche Differenzierung zwischen neurotischen Schuldgefühlen und adäquatem Schuldbewusstsein, wie sie der Psychoanalytiker Matthias Hirsch empfiehlt, leuchtet zwar ein, wird sich in der Fachwelt aber kaum durchsetzen lassen, im allgemeinen Sprachgebrauch schon gar nicht.

Es kommt darauf an, in jedem konkreten Fall, vorhandene Schuldgefühle zu verstehen und richtig zuzuordnen. Psychologische Sachkenntnis kann hier sehr wichtig sein.Schuldgefühle sind dann angemessen, wenn es auf die Frage nach der Schuld einen konkreten Hinweis gibt. Das muss in Gesprächen unbedingt geklärt werden.

Trauerprozesse können oft nicht zu einem Abschluss kommen, weil unbewusste Schuldgefühle lähmen. Der Trauernde hat dann vielleicht das recht unbestimmte Gefühl, schuldhaft am Sterben des geliebten Menschen beteiligt gewesen zu sein. Je konkreter die Schuld benannt werden kann, umso deutlicher wird, wo tatsächlich Schuld vorhanden ist und wo nicht.

Und umso präziser kann an der Bewältigung etwaiger Schuld und der durch sie ausgelösten Gefühle gearbeitet werden. Für die Universitätspsychologie gehören Schuld und Schuldgefühle in den Fachbereich der Emotionen und Motivationen. Doch bei der Wahrnehmung und Gewichtung der Schuldgefühle differieren die Anschauungen.

Für die Evolutionspsychologin Caroll E. Izard sind Schuldgefühle eine "fundamentale Emotion", primär nicht erlernt, sondern "durch evolutionär-biologische Prozesse entstanden". Dabei werden sie, anders als in der psychoanalytischen Tradition, als Antwort auf reale Schuld verstanden, also als seelische Reaktion auf eine Verletzung allgemein anerkannter Normen und Regeln oder auf ein Vergehen gegen die Integrität anderer Personen.

Ohne Empathie keine Schuld

Der Einzelne, der Schuld empfindet, fühlt sich für sein Tun verantwortlich - und leidet darunter. Schuldgefühle setzen eine empathische Fähigkeit der Person voraus und werden positiv als "prosoziale" Emotion verstanden.

Der Sozialpsychologe Hans-Werner Bierhoff ordnet im "Handbuch der Allgemeinen Psychologie" die Schuldgefühle "prosozialem" Verhalten zu. Schuldgefühle würden "typischerweise dann ausgelöst, wenn Personen das Leiden anderer als ihr eigenes Verschulden ansehen, und sei es auch nur, weil sie unbedacht und nachlässig gehandelt haben."

Jeder, der einmal einen Unfall verursacht hat, kann das, auch wenn er selbst keine Schuld hatte, nachempfinden. Es gehört nun einmal zu den Grundlagen menschlichen Zu­sammenlebens, dass die Einzelnen persönliche Verantwortung übernehmen für das, was sie getan oder zu tun unterlassen haben.

Und es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre: "Ei­ne Gesellschaft, in der niemand ein Gefühl für Schuld hat, wäre in der Tat ein jämmerlicher und gefährlicher Ort zum Leben", stellt Izard fest. Die Fähigkeit, schuldig zu werden und sich dementsprechend zu fühlen, ist darum Zeichen einer reifen und erwachsenen Persönlichkeit.

Zweifellos gibt es aber Menschen, für die das nicht gilt. Das ist dann auch der Punkt, wo für die Öffentlichkeit Psychologen besonders häufig in Erscheinung treten, wenn es nämlich in Gerichtsprozessen darum geht, die "Schuldfähigkeit" eines Angeklagten festzustellen.

Im juristischen Zu­sammenhang geht es vor allem darum festzustellen, ob der Betreffende für seine Vergehen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Das ist freilich ein sehr eingegrenzter Begriff von Schuldfähigkeit. Er bezieht sich ausschließlich auf die Frage der Justiziabilität.

Tatsächlich ist die Schuldfähigkeit eines Individuums aber viel umfassender. Sie ist ein Aspekt seiner Fähigkeit zum Menschsein und seiner Sozialität. Es ist einfach menschlich, schuldig werden und dafür auch einstehen zu können.

Schuld und Scham

Phänomenologisch sind Schuldgefühl und Schamempfinden eng miteinander verwandt. Und für den Laien sind diese manchmal nur schwer voneinander zu trennen. Jemand fühlt sich in einer Sache schuldig und zugleich schämt er sich dafür. Ja, die Scham hält ihn möglicherweise davon ab, sich zu seiner Schuld zu bekennen.

Gerade bei sexuellen Vergehen kann sich die Verquickung von Schuld und Scham verhängnisvoll auswirken. Missbrauch ist nicht nur ein schweres Vergehen gegenüber anderen. Es ist ja auch außerordentlich beschämend, dieses vor anderen eingestehen zu müssen. Schuld und Scham können also durchaus in einem Zusammenhang erlebt werden. Gleichwohl lehrt uns die Emotionspsychologie zu Recht, auf die Unterschiede zu achten.

Schuldgefühle entstehen aus Handlungen, bei denen eine Norm verletzt wurde. Und sie bestehen auch dann fort, wenn keiner davon erfährt. Scham erleben wir dagegen, wenn etwas an den Tag kommt, das wir lieber im Verborgen gehalten hätten. Das muss kein normverletzendes Tun sein. Es kann sich auch um die Eigenschaft eines Menschen handeln, um einen zufällig offenbar gewordenen Gedanken, ein verratenes Gefühl.

Scham lässt erröten, Schuldgefühl ist dagegen nicht so eindeutig mit körperlichen Symptomen verbunden. Scham kann uns für den Moment überfluten. Aber wenn die Öffentlichkeit, die es ausgelöst hat, verschwindet, wird sie gegenstandslos.

Das Schuldgefühl ist dagegen dauerhaft, es vergeht so wenig wie die Schuld, die nicht ausgeglichen, nachgesehen oder gesühnt wurde. Es besteht, anders als die Scham, auch unabhängig von der Beurteilung anderer.

Wenn wir noch einmal die Spur der psychoanalytischen Theorieentwicklung aufnehmen, zeigt sich ein wichtiger Aspekt des Zusammenhangs zwischen Schuld und Scham. Hat die ältere Psychoanalyse Schuld vor allem an den Übertretungen der Normen des Über-Ich und deren Auswirkungen auf die unbewussten intrapsychischen Prozesse beschrieben, so wird in der neueren, besonders durch die Narzissmustheorie geprägten Theorie stärker der Blick auf die Persönlichkeit als ganzes gerichtet.

Die neuere Narzissmustheorie

Schuld wird jetzt viel eher als Verletzung der dem Selbst eigenen Ideale interpretiert. Und unter diesem Aspekt wird sie hauptsächlich als Selbstverfehlung erlebt. Das macht die Schulderfahrung nicht leichter, im Gegenteil. Sie berührt in höherem Maß das Selbstbewusstsein und das Ehrgefühl des Individuums.

Und es liegt ein Moment der Scham darin, wenn man sich bewusst wird, die eigenen Ideale verraten zu haben und dem eigenen Selbstbild nicht mehr gerecht zu werden. So geschieht es, dass Menschen, denen andere längst verziehen haben, von ihrer Schuld nicht loskommen, weil sie sich selbst nicht verzeihen können.

Dieser Bezug des Schulderlebens zum Selbst der Per­sönlichkeit führt uns noch einen Schritt weiter. Es gibt offensichtlich neben der neurotischen und der realen Schuld noch eine spezifische Form von Schulderleben, die als "existenzielle Schuld" beschrieben werden muss.

"Man kann schuldig werden an der Verletzung seiner selbst", schreibt Irvin Yalom, inzwischen als Romanautor sehr bekannt (Und Nietzsche weinte). Dabei geht es gar nicht mehr um einzelne Handlungen, sondern um eine Gesamtsicht der eigenen Existenz.

Yalom beruft sich dazu auf den Philosophen Martin Heidegger, nach dem der existierende Einzelne "dauernd hinter seinen Möglichkeiten zurück" bleibe. Wir werden schuldig "wegen des ungenutzten Lebens, des ungelebten Lebens in uns". Die unerhörte Diskrepanz zwischen den gegebenen und den verwirklichten Möglichkeiten erleben viele - bewusst oder unbewusst - als Versagen, Selbstenttäuschung, Schuld. Man kann dafür natürlich andere Begriffe finden, man kann auch von Nichtidentität, Entfremdung oder Sünde sprechen.

Das ändert aber nur wenig an dem Grundgefühl, um das es geht. So gibt es genügend Ansatzpunkte für konstruktive interdisziplinäre Dialoge über den Umgang mit menschlicher Schuld, bei denen der Psychologie eine Hauptrolle zufiele.

Jürgen Ziemer lehrte an der Universität Leipzig Praktische Theologie.

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Jürgen Ziemer

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