Instruktiv

PID: Keine Letztbegründungen
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Daniela Reitz hat ein kluges Buch zur Debatte um die Diagnostik bei Embryonen aus der Petri-Schale geschrieben.

Die Aufmerksamkeit der akademischen Ethik für bestimmte Themen bemisst sich weniger an internen Massstäben der ethischen Dringlichkeit als vielmehr daran, was gerade im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht. Mit dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juni 2010, wonach die PID vereinbar mit dem deutschen Strafrecht ist, hat die ethische Debatte über die PID neuen Auftrieb erhalten. Insofern kommt dieses Buch gerade zur rechten Zeit.

In methodischer Hinsicht geht die Verfasserin in der Weise vor, dass zwei medizinethische Ansätze daraufhin untersucht werden, welche Schlussfolgerungen sich hieraus für die PID ergeben. Das ist zum einen der Ansatz von Tom Beauchamp und James Childress, der in der Medizinethik breit rezipiert worden ist. Und es ist zum anderen der feministisch-ethische Ansatz von Susan Sherwin. Im ersten Teil ihres Buches bietet die Verfasserin eine kluge und sorgfältige Darstellung dieser beiden Ansätze. Allein schon deshalb ist dieses Buch für jeden empfehlenswert, der sich in der medizinethischen Debatte kundig machen will. Beide Ansätze verzichten auf ethische Letztbegründungen und rekurrieren in letzter Instanz auf die "Common Morality", das heißt auf "breit geteilte moralische Überzeugungen". Diskutiert werden auch die Schwächen dieser beiden Ansätze. Bei Beauchamp und Childress ist es die normative Unbestimmtheit ihres Ansatzes sowie die eklektische und unsystematische Zusammenstellung ihrer vier Prinzipien, nämlich des Prinzips der Autonomie, des Nichtschadens, des Wohltuns und der Gerechtigkeit. Ein gravierender Mangel im Blick auf das Problem der PID liegt in der Ausklammerung der Frage nach dem ontologischen oder moralischen Status des Embryos.

Feminstischer Ansatz

Der feministische Ansatz Susan Sherwins setzt bei einem eher politischen Prinzip an, nämlich dem Kampf gegen strukturelle Unterdrückung, deren Opfer vor allem Frauen seien. Dieses Prinzip fungiert als ein kritischer Maßstab für die ethische Reflexion, da diese nur zu sehr in der Gefahr steht, bei der Auswahl der Fragen, die als ethisch wesentlich gelten, solche strukturellen Zusammenhänge auszublenden und dadurch hinterrücks durch diese bestimmt zu werden. In ethischer Hinsicht sind für Sherwin vor allem zwei Prinzipien zentral, nämlich das der Autonomie und das der Gerechtigkeit. Auch hier werden die Schwächen dieses Ansatzes diskutiert, zu denen insbesondere die Beschränkung auf die Unterdrückung von Frauen zählt, womit andere Gruppen, die Opfer struktureller Unterdrückung sind, tendenziell aus dem Blickfeld geraten.

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den Schlussfolgerungen, die sich aus diesen beiden ethischen Ansätzen für die PID ergeben. Beim Ansatz von Beauchamp und Childress geht es vor allem um die Abwägung zwischen dem Respekt vor der Autonomie der potenziellen Eltern und dem Nichtschadensgebot in Bezug auf menschliche Embryonen. Die Verfasserin kommt zu dem Ergebnis, dass auf der Linie dieses Ansatzes die Zulassung der PID konsequent sei. Die Prüfung der PID im Lichte des feministischen Ansatzes von Susan Sherwin führt demgegenüber zu einem zwiespältigen Ergebnis. Einerseits würden durch die PID bestehende Strukturen von Dominanz und Unterdrückung im Gesundheitswesen verstärkt. Andererseits jedoch sei deren Legalisierung unter dem Gesichtspunkt der Fürsorge für konkret betroffene Frauen, die eine PID wünschen, ethisch vertretbar.

Da beide Ansätze sich in letzter Instanz auf die Common Morality beziehen, interessiert sich die Verfasserin auch für das empirische Meinungsspektrum, wie es Umfragen innerhalb der deutschen Bevölkerung zeichnen. Danach ist eine deutliche Mehrheit für die Zulassung der PID, und das gilt quer durch die Berufsgruppen, die von dieser Frage betroffen sind, wie Pflegende und Ärzte. Natürlich ist sich die Verfasserin dessen bewusst, dass man aus solchen empirischen Umfragen kein ethisches Urteil für die Zulassung der PID ableiten kann. Aber sie geben doch zu denken.

Wenn es etwas Kritisches anzumerken gibt, dann betrifft dies aus Sicht des Rezensenten die Methode: Besteht ethisches Denken aus der Anwendung von ethischen "Ansätzen" oder "Theorien" auf gegebene moralische Fragen? Oder fängt ethisches Denken bei jeder moralischen Frage gewissermassen von Neuem an, indem es zu verstehen sucht, was hier auf dem Spiel steht? Diesbezüglich sind die Meinungen innerhalb der heutigen Ethik geteilt, und diese Rückfrage ändert nichts an dem Urteil, dass es sich um ein kluges und instruktives Buch handelt.

Daniela Reitz: Wunschkinder. Edition Ruprecht, Göttingen 2011, 227 Seiten, Euro 34,90.

Johannes Fischer

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Johannes Fischer

Johannes Fischer (Jahrgang 1947) war von 1993 bis 1997 Professor für Systematische Theologie in Basel und von 1998 bis zu seiner Emeritierung 2012 Professor für theologische Ethik an der Universität Zürich und Leiter des dortigen Instituts für Sozialethik.


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