Auf Krawall

Zwiespältige Kirchenkritik
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Wie jede Polemik ist auch Grafs erfrischend und maßlos und unfair, mit­unter hämisch und verletzend.

"Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren, das für Außenstehende unverständlich bleibt." Dieser Satz macht schon zu Beginn des Buches deutlich: Sein Autor ist auf Krawall frisiert. So bekommen bei Friedrich Wilhelm Graf alle ihr Fett ab, Protestanten, Katholiken und Orthodoxe, Altbischöfin Margot Käßmann und Papst Benedikt XVI., Studierende und Professoren der Theologie, Diakonie und Sozialstaat, und so weiter und so fort.

Wie jede Polemik ist auch Grafs erfrischend und maßlos und unfair, mitunter hämisch und verletzend. Der Münchner Theologe hätte besser die Kardinaltugend der Mäßigung beherzigt, die er den Kirchen empfiehlt. Dann kämen die positiven Seiten seines Buches zur Geltung. Denn es ist ja auch ein Plädoyer für die "Volkskirche", eine Kirche, die die Vielfalt des Volkes spiegelt und die Freiheit des Einzelnen respektiert, seine Weise zu leben und zu denken, zu glauben und zu beten.

Nicht auf der Höhe der Zeit

Graf, der 1999 als erster Theologe den Leibnitzpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft bekam, ist ein kluger Kopf. Aber er ist nicht immer auf der Höhe der Zeit. So behauptet Graf, es werde "immer wieder die Hoffnung geäußert, die Kirche werde sich gesundschrumpfen". Wer vertritt dies denn heute noch? Und genauso wenig gibt es den von Graf beschworenen "Linksprotestantismus", der - durch den "Linksbarthianismus" beeinflusst - die Volkskirche durch eine Art Bekennende Kirche ersetzen will.

Dem Rheinischen Kapitalismus stellt Graf nach FDP-Manier einen "sehr viel freiheitlicheren, durch nur wenige Regelungen geprägten britischen und nordamerikanischen Konkurrenzkapitalismus" gegenüber. Nur seltsam, dass die Bundesrepublik viel besser durch die Bankenkrise gekommen ist, als das von Neoliberalen gerühmte Vereinigte Königreich. Und den "Hire and fire"-Kapitalismus der USA kann man als unkündbarer Professor natürlich leicht loben. Graf sollte einfach einmal den liberalen Theologen und Politiker Friedrich Naumann lesen. Dieser wusste, "das nur der frei sein kann, der weiß, wovon er die nächsten vier Wochen lebt" und - man könnte hinzufügen - einen Kündigungsschutz besitzt.

Überraschende Wertschätzung

Natürlich würde man gerne fragen: "Wo bleibt das Positive, Herr Graf?" Im "Epilog" gibt der darauf eine Antwort und kommt zu einer überraschenden Wertschätzung der Kirche. So ist "der hoch individualisierte Glaube" nach Graf "langfristig nur tradierbar", wenn es "ein kirchlich organisiertes Christentum gibt". Der Rezensent teilt auch Grafs Vision einer Kirche, die "sich im politischen Diskurs auf wenige, aber argumentativ prägnante Interventionen beschränkt und auf eine unfanatische, intellektuell redliche, deshalb auch für Kritik und Skepsis offene Kommunikation des Evangeliums setzt". Und zu Recht mahnt Graf, der des Klerikalismus unverdächtig ist, die Kirche, "das Amt des Pfarrers und vor allem des Gemeindepfarrers aufzuwerten".

Das vorliegende Buch enthält Beiträge, die so oder ähnlich schon in Zeitungen und Zeitschriften zu lesen waren. Nun sollte sich Graf einmal Zeit nehmen und in einem größeren Werk unaufgeregt, sine ira et studio, darstellen, welche Richtung die evangelische Kirche einschlagen soll. Denn er hat etwas, ja viel zu sagen. Und er spricht Probleme an, statt sie unter den Teppich zu kehren, wie das in der Kirche leider verbreitet ist.

Friedrich ­Wilhelm Graf: Kirchen­dämmerung. Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen. Verlag C. H. Beck, München 2011, 192 Seiten, Euro 10,95.

Jürgen Wandel

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