Anarchie der Liebe

Geschwistergeschichten durchziehen die Bibel
Bartolomeo Manfredi:"Kain erschlägt Abel", um 1610. (Foto: akg/Erich Lessing)
Bartolomeo Manfredi:"Kain erschlägt Abel", um 1610. (Foto: akg/Erich Lessing)
Liebe, Mord, Streit ums Erbe oder die Anerkennung des Vaters, Neid und Missgunst, all das prägt die Geschwisterbeziehungen in der Bibel. Und immer wieder sind sie es, die das Drama der Menschheit vorantreiben.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel stellt die ganze Menschheit als eine Familie vor. Alle Menschen sind miteinander verwandt. Alle sind Brüder und Schwestern, Verwandte in unterschiedlichen Entfernungsgraden. Die Völkergemeinschaft wird als eine Art Familienaufstellung gedacht, als Schicksalsgemeinschaft, die trotz aller Verwerfungen eng verbunden bleibt.

Und es sind die Geschwister, die das Drama der Menschheit im Alten Testament, im ersten Mosebuch vorantreiben: Die Geschichte der Menschheit beginnt mit einem Brudermord aus Eifersucht. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, der Ackersmann den Schäfer, und das Alte Testament bemüht sich gleich zu Beginn festzuhalten, dass Gott den heimtückischen Mörder bestraft - nicht mit dem Tod, aber mit Heimatlosigkeit. "Unstet und flüchtig" soll der Brudermörder fortan leben. Die Strafe ist jedoch kombiniert mit dem Kainsmal, einem Zeichen, dass der Mörder unter Gottes Schutz steht. Kain wird der Urvater der Nomaden, Musiker und Schmiede, ja, der verschonte Brudermörder wird der Stammvater aller Menschen.

Wettbewerb um die Gunst des Vaters

"Soll ich meines Bruder Hüter sein?", beantwortet Kain mit einer Gegenfrage die Frage Gottes: "Wo ist Dein Bruder Abel?" Der Anfang der Bibel erzählt von einem Geschwisterpaar, das schon zu Beginn der Menschheit einen klassischen Konflikt durchspielt, wie ihn fast jeder kennt, der einen Bruder oder eine Schwester hat, den Wettbewerb um die Gunst des Vaters. Kain glaubt, dass Gott Abel vorzieht, er fühlt sich zurückgesetzt, weniger akzeptiert, schlecht behandelt.

Kain und Abel sind zwei Brüder, die ganz unterschiedliche Lebensstile pflegen, die sorgfältig auf Distanz achten und den Vergleich nicht unbedingt provozieren. Aber beim Gottesdienst lässt sich der Vergleich nicht umgehen: Jeder der beiden opfert Gott ein Stück von dem, was sein Leben ausmacht - und Gott trifft seine Wahl. Er betrachtet das Opfer des Abel "gnädig", wie Martin Luther übersetzt, das Opfer Kains sieht Gott dagegen nicht gnädig an.

Geschwisterkonflikte sind deshalb so hart, weil da Menschen mit scheinbar gleichen Voraussetzungen im Laufe des Lebens ganz unterschiedliche Erfolge zeitigen. Gleiche Eltern, gleiche Kinderstube, gleiche Bedingungen, doch wie Mutter und Vater die jeweiligen Kinder ansehen und einschätzen, begleitet sie ein ganzes Leben: mit Distanz oder Stolz, mit Liebe oder leiser Abneigung. Familie heißt auch: man ist eingeordnet in eine bestimmte Schublade. Menschen erzählen von der blinden Ablehnung des Vaters oder der Mutter, bei der ein Kind leisten kann, was es will, die Zuneigung der Eltern ist unerreichbar. Und ebenso gibt es die blinde Liebe, die einem Kind erlaubt, anzustellen, was es mag, und es bleibt unantastbar und unkritisierbar.

Unberechenbare Liebe

Die Unbekannte in dem Drama aller Geschwister der Menschheit ist die Liebe der Eltern. Sie ist unberechenbar, willkürlich, unverdient und unverdienbar. Ebenso wie Gottes Liebe. Denn die andere Unbekannte im Leben von Geschwistern ist das Lebensglück, das der eine im Laufe seiner Biographie hat und das dem anderen verweigert wird. Die unverfügbare Gnade Gottes, der den einen freundlich ansieht und sich vom anderen abwendet.

Geschwister werden verglichen - immer. Dieses Motiv des Wettbewerbs von Geschwistern um die Liebe der Eltern, der Partner, der Kinder oder auch die Zuneigung Gottes zieht sich durch die Bibel ebenso wie durch die Mythen und Märchen anderer Kulturen.

Kain geht nicht verloren, er trägt Gottes Schutzzeichen für den Rest seines Lebens. Die Tat zeichnet ihn, aber beendet nicht sein Leben. Kain wird nicht mit der Tat identifiziert, sondern mit der Zukunft für die er steht. Mit Gottes Hilfe tritt er aus der Verliererrolle heraus. Die Geschwistergeschichten der Bibel beginnen und enden alle bei der verzweifelten und zugleich entlastenden Erkenntnis, dass ein Mensch Glück und Liebe nicht verdienen kann, nicht bei den Menschen und nicht bei Gott.

Drama einer Patchworkfamilie

Eine ähnliche Konstellation der Ungerechtigkeit von Geburt an findet sich im Drama rund um die Kinderlosigkeit der Familie Abraham und Sara - das Drama einer Patchworkfamilie, würden wir heute sagen. Er werde der Stammvater eines ganzen Volkes sein, ist Abraham von Gott verheißen, allein seine Gattin wird älter und älter und bekommt kein Kind. Abraham zeugt daher einen Sohn mit einem so­genannten "Kebsweib". Das ist in den Zeiten der biblischen Nomaden die Ersatzfrau, für den Fall, dass die Ehefrau un­fruchtbar ist. Die Magd Hagar gebiert Abrahams Verlegenheitssohn Ismael und spottet über die Unfruchtbarkeit der Ehefrau. Als Sarah dann doch selbst schwanger wird und einen Sohn bekommt, Isaak, schafft sie sich Hagar und deren Sohn aus den Augen. Sie werden - im wahrsten Sinn des Wortes - in die Wüste geschickt.

In dieser abrahamitischen Patchworkfamilie ist ein Bruderkonflikt angelegt, dessen mythische Wurzeln heute noch den Kampf zwischen Palästinensern und Israelis speist. Die Araber sehen in ihrem Stammvater den verstoßenen Ismael, den wilden Wüstenbewohner, den Gott unter seinen besonderen Schutz genommen hat. Der Ort in der Wüste, an dem die verstoßene Hagar und ihr Sohn Gott begegnen, heißt heute Mekka und ist der heiligste Ort der Muslime.

Die Söhne Israels fühlen sich dagegen als die wahren Erben Abrahams, auf denen die Verheißung Gottes liegt. Die beiden Brüder sind einander - nach der Bibel - nur einmal, am Grab des Vaters, begegnet. Wie diese Begegnung verlief, bleibt das Geheimnis der Erzähler. Das Drama aber zwischen dem ehelichen und dem unehelichen Sohn Abrahams schreibt je­denfalls im ungelösten Bruderkrieg zwischen den Arabern und den Juden bis heute Weltgeschichte.

Besonders abgründig geht es zwischen den Zwillingen in der Familie der Stammeltern Rebecca und Isaak zu. Hier geht es um blinde Liebe und den Wettbewerb von zwei Brüdern um die Liebe der Eltern und um das Erbe. Das Ehepaar betet lange Jahre um Kinder, bis Rebecca endlich mit Zwillingen schwanger wird. Die streiten sich schon im Bauch. Bei der Geburt hält sich der um Minuten Jüngere an der Verse des Älteren fest, so als wolle er sich noch im letzten Augenblick den Vortritt erkämpfen oder sich irgendwie die Arbeit der Geburt erleichtern, indem er beim Älteren per Huckepack mitgeht.

Muttersöhnchen

Ähnlich sehen sich die Brüder auch nicht: Der eine ist kräftig, haarig, mit rauer Haut, robust, ein Haudegen, geradeheraus, schlicht und ohne Winkel. Der andere ist glatt und zart, geschmeidig, intelligent bis zur Verschlagenheit. Der ältere Bruder heißt Esau, der jüngere Jakob. Der ältere ist der Liebling des Vaters, der jüngere ist Liebling der Mutter. Und damit sind die Familienrollen gestellt. Esau, der Liebling des Vaters, nimmt in diesem Spiel lange Zeit die Rolle des Verlierers ein. Denn um das Recht des Ältesten und den Segen des Vaters betrügt ihn Jakob mit handfester Unterstützung der Mutter. So wurde dieser der Gesegnete, der Stammvater Israels, während für den anderen nur ein dürrer Fluch und ein betrogenes Leben übrig blieben.

Die Geschichte der Familie Rebecca, Isaak, Jakob und Esau geht am Ende überraschend gut aus. Das verhätschelte Muttersöhnchen Jakob muss im Exil arbeiten wie ein Pferd, wird selbst mehrfach betrogen und kehrt nach vielen Jahren zurück. Er bibbert vor Angst, seinem Bruder zu begegnen. Und weiß nicht, dass der, als der Jüngere eine zeitlang weg ist, sein Leben als erwachsener Mann in die Hand nimmt, den Fluch von damals überwindet und den Zorn gelassen begräbt.

Auch Esau gehört zu den großartigen Figuren der Bibel, die selbstständig werden und sich aus den im Familienverbund vorgegebenen Rollen lösen. Esau lässt sich nicht von der Vergangenheit definieren. Er ist eine tröstliche Figur, der seinem verschlagenen und gezeichneten Bruder eine großartige Versöhnung hinlegt. Jakob hatte ihm nämlich alle möglichen Geschenke geschickt, um ihn bei der ersten Begegnung nach dem großen Erbschwindel freundlich zu stimmen: "Ich brauche all Deine Geschenke nicht Bruder", sagt Esau, "ich habe selbst genug." Er hat sich herausgearbeitet aus der blinden Willkür der mütterlichen Liebe, sein Leben selbst in die Hand genommen und Frieden geschlossen mit Betrug und Verrat.

Doch das Familienmuster der geliebten und ungeliebten Kinder und der willkürlichen unwillkürlichen Liebe der Eltern setzt sich über Generationen hin fort. Die Rivalität von Brüdern wird abgelöst von der Rivalität unter Schwestern. Der Stammvater Jakob, so erzählt das Erste Buch Mose, ist mit zwei Schwestern verheiratet. Lea, die Ältere, ist unhübsch, aber gebärfreudig. Sie ist sozusagen die Zugabe, als Jakob um die wunderschöne Rahel wirbt. Lea bringt zehn Söhne zur Welt, aber weder sie noch die Söhne können Jakobs Herz berühren. Rahel, die schöne Geliebte, gebiert nur zwei Söhne, Joseph und Benjamin.

Ohne moralische Appelle

Und die haben es dem Vater angetan. Joseph wird verwöhnt. Flausen im Kopf, Arroganz und das selbstverständliche Empfinden, durch die unverdiente Liebe des Vaters etwas Besseres zu sein, lassen ihn für seine Brüder zum roten Tuch werden. Er provoziert seine älteren Geschwister so lange mit seinen Träumen, in denen sich die älteren Brüder vor dem Jüngeren verneigen, bis sie versuchen sich seiner zu entledigen. Ein Brudermord kann gerade noch verhindert werden, aber Joseph wird von seinen Brüdern in eine tiefe Grube geworfen.

Die Bibel erzählt das Drama der Ungerechtigkeit zwischen den Geschwistern ungerührt, lakonisch und völlig ohne moralische Appelle. Ja, die hochfliegenden Träume des Joseph werden auch noch wahr. Der arrogante Liebling des Vaters wird mit einer Karriere belohnt. Er wird Herrscher über Ägypten, nachdem er sich mühsam erarbeitet, was der Vater ihm umsonst geschenkt hatte: das Ansehen der anderen. Am Ende rettet Joseph seine Familie und versöhnt sich mit seinen Brüdern. Weisheit und Liebe siegen über die Willkür.

Um einen Wettbewerb der Lebensstile und um einen Vergleich der Biographien geht es auch in Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn. In dem Drama treten drei Figuren auf, ein Vater und zwei Söhne. Der ältere Bruder ist gehorsam, angepasst, eifrig und nützlich, der jüngere aufmüpfig, widerspenstig, freiheitsliebend, rundum unbequem. Der eine bemüht sich um die Gunst des Vaters, der andere pfeift darauf. Er lässt sich sein Erbteil auszahlen und verprasst in kürzester Zeit alles mit Wein, Weib und Gesang. Der ältere ist dagegen rechtschaffen und solide, er mehrt das Vermögen des Vaters, arbeitet zuhause hart und bringt sich in die Familie ein.

Das Leben ist ungerecht, findet der ältere Bruder, als der Vater den zurückgekehrten verarmten Tunichtgut in die Arme nimmt und sich benimmt, als kehre sein verloren gegangenes Lebensglück wieder. Alle Kränkung, alle Enttäuschung, alle Sorgen werden mit einer Umarmung ungeschehen gemacht, und ohne zu zögern setzt ihn der Vater wieder als Sohn und Erbe ein. Es wird ein großes Fest gefeiert, und man kann sagen, die Freude ist ganz einseitig beim Vater und dem verlorenen Sohn. Der Daheimgebliebene fühlt sich dagegen zurückgesetzt, nicht wertgeschätzt, ja be­trogen.

Sand im Getrieb der Welt

Jesus sagt mit dieser Geschichte nicht mehr und nicht weniger als: So ist Gott. Er funktioniert niemals nach unserer Vorstellung von Gerechtigkeit. Gott ist vielmehr Liebe, er liebt gerade die Verlorengegangenen. Denn seine Zuneigung ist nicht leistungsorientiert. Er liebt die, die Sand im Getriebe der Welt sind: die Verlierer und die Versager, die Nichtstuer und die Schelme, die Angeber und die Schlitzohre, die Luftikusse und die Faulpelze.

Ja, die Geschwistergeschichten der Bibel illustrieren Martin Luthers Heilsformel vom Menschen, der ohne Leistung vor Gott gerecht ist, der geliebt wird, ohne sich darum bemühen zu müssen oder zu können, die Anarchie der Liebe, die das Geheimnis der Welt ist.

Johanna Haberer ist Professorin für christliche Publizistik an der Universität Erlangen.

Johanna Haberer

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Johanna Haberer

Johanna Haberer ist Professorin für christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.


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