Kirche light?

Nachdenken über Gewichtsvielfalt
Foto: privat

Ein Umzug steht ins Haus, und dazu gehören – wohl unweigerlich – eheliche Debatten bezüglich der zu entsorgenden Möbelstücke. Eines davon ist mein alter abgeschabter Armlehnstuhl, den ich vor Jahrzehnten aus dem Berliner Sperrmüll gezogen habe. „Der muss weg.“, sagt mein Lieblingsmensch. Ich widerspreche: „Aber er ist cool – Vintage!“ – „Nix Vintage. Der Stuhl ist dickenfeindlich.“

Ich bin verblüfft. Tatsächlich begrenzt die geländerförmige Armlehne den möglichen Po-Umfang. Ich hatte bisher nicht darüber nachgedacht und trage meine Gedanken zu ausgrenzendem Sitzmobiliar in meinen Freundeskreis. Die Reaktionen sind heftig. „Da hatte ich extra reserviert, und in Frankfurt steigt diese dicke Frau ein und setzt sich neben mich. Ich war total eingequetscht! Fünf Stunden!“ – „Das ist ja gar nichts! Ich saß im Flieger nach Buenos Aires zwölf Stunden neben einem sehr übergewichtigen Mann – die Hölle!“ – „Ich finde, jeder muss schon auf sein Gewicht achten. Bei Übergewicht gibt es doch jede Menge Möglichkeiten – diese Magenbänder zu Beispiel.“

Zu anderen Zeiten wollte Shakespeares Julius Caesar wohlbeleibte Männer um sich haben, Rubens malte endlos dicke Frauen. Noch im letzten Jahrhundert wurden dicke Männer als „stattlich“ bezeichnet, heute sind sie einfach nur krank. Schon Kinder müssen vor solchen „Kranken“ geschützt werden: Die Biene Maja darf nicht mehr so rund sein wie ursprünglich, und auch Bob der Baumeister wurde zwangsverschlankt.

Der medizinische Diskurs hat die Körperfülle fest im Griff, klassifiziert über Body Maß Index und beschwört die nationale Katastrophe namens Adipositas I, II und III. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat herausgefunden, dass die Behandlung von Übergewicht teuer ist und sich negativ auf die Wirtschaftsleistung auswirkt: Jede*r Deutsche zahlt 431 Euro Steuern zusätzlich im Jahr.

Dicksein gilt nicht nur als ein Zeichen von Krankheit, sondern zeugt vorgeblich auch von einem charakterlichen Mangel, nämlich Willensschwäche. Anstatt sich am Riemen zu reißen, stopfen sich Dicke unkontrolliert voll. Kontrolle ist alles, versichert mein – natürlich gertenschlanker – New Yorker Freund Neal: „If you can’t control your body, you can’t control a company.“ Wie ist das in Deutschland? Können hier Dicke Führungskräfte sein – zum Beispiel in der evangelischen Kirche?

Ich lasse im Geiste unsere Bischöf*innen Revue passieren und ja – keine*r von ihnen ist dick, noch nicht einmal pummelig. Ist also Schlanksein implizit Voraussetzung für ein Führungsamt in der evangelischen Kirche? Könnte vielleicht mein abgeschabter Stuhl als eine Art Body-Check für angehende evangelische Führungskräfte genutzt werden? Es kommt noch besser: Das kirchliche Beamtenrecht verspricht meinem Stuhl eine steile Karriere, denn es geht schon beim einfachen Pfarramt los. Wer zu dick ist, kommt nicht rein: keine Verbeamtung bei einem BMI über 35, da eine vorzeitige dauerhafte Dienstunfähigkeit zu erwarten ist. (Keine Hindernisse für die Verbeamtung sind regelmäßiges Fallschirmspringen, Kettenrauchen und übermäßiger Alkoholkonsum.) 

Ich wünschte, wir würden uns weniger über die Präsenz von Dicken aufregen und mehr über die Normen, die sie behindern. Ich wünschte, wir könnten das Dicksein dem medizinischen Diskurs entreißen und beginnen, theologisch über Dicksein, Dünnsein und Gewichtsvielfalt als christlicher Wert zu reden. Was nicht ganz leicht wäre. Ich kann mir Jesus in allen geschlechtlichen Varianten und Hautfarben vorstellen, aber als ein*e Dicke*r? Bei allen Herausforderungen, die noch zu meistern sind, haben wir doch zumindest eine Verbündete in unserer Kirche, die sich die Dickenfreundlichkeit auf die Fahne geschrieben hat: die gute alte Kirchenbank. One size fits all.

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