Kann denn Rettung Sünde sein?

Die EKD schickt ein Schiff ins Mittelmeer – und das ist gut so

Die Evangelische Kirche in Deutschland wird ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot ins Mittelmeer schicken. Ist das richtig? Ja – auch ohne Verweis auf Sandra Bils Predigt zum Abschluss des Kirchentages in Dortmund („Man lässt keine Menschen ertrinken! Punkt!“). Es gibt ja Menschen, die so etwas als moralischen Rigorismus ablehnen. Aber natürlich ist angesichts von Sea Eye, Sea Watch und den anderen Hilfsorganisationen im Mittelmeer die Frage zu stellen: Muss die Kirche da mitmachen?

Ja, denn ein großer Teil ihrer Mitglieder will das. Am Anfang stand eine Resolution des Kirchentages in Dortmund, die ein kirchliches Schiff forderte, und es ist gut, wenn die obersten Leitungsgremien der EKD solche Impulse von der politisch engagierten Basis aufnehmen. Zweitens haben die Staaten der Europäischen Union ihre Rettungsmission „Sophia“ ersatzlos gestrichen. Es ist gute kirchliche Tradition dort diakonisch zu handeln, wo es keine staatlichen Strukturen gibt. Vor langer Zeit war das etwa bei der Pflege der Kranken und Alten so, jetzt gibt es ein riesiges Defizit an humanitärer Hilfe im Mittelmeer. Auch ein Schiff unter kirchlicher Beteiligung wird die Lage nicht grundlegend ändern, aber vielleicht zusätzlich zu den schon im Einsatz befindlichen Schiffen Tausende von Menschenleben retten. Diakonie first...

…politics second. Denn natürlich hinterfragt ein solches Schiff die Abschottungspolitik der EU-Staaten und diejenigen, die die Schiffbrüchigen gleich wieder ins Bürgerkriegsland Libyen zurückschicken wollen. Ein solches Schiff wird große Aufmerksamkeit und Solidarität erregen, wenn ihm die Einfahrt in einen Hafen der EU verweigert werden sollte. Gerade weil es von einem Verein getragen werden soll, in dem neben der EKD möglichst viele andere zivilgesellschaftliche Gruppen engagiert sein sollen, hoffentlich auch katholische. Das verbreitert nicht nur die finanzielle Basis für den Kauf und Betrieb des Schiffes, sondern erhöht auch den politischen Druck auf eine Europäische Union, die sich seit Jahren nicht auf einen Mechanismus zur Verteilung der Flüchtlinge einigen kann.

Dabei stehen allein in Deutschland neunzig Kommunen, die sich zu „Sicheren Häfen“ erklärt haben, für die Aufnahme von Flüchtlingen über die staatliche Verteilungsquote hinaus bereit. Es gibt zahlreiche kirchliche und andere Gruppen, die seit Jahren professionell oder ehrenamtlich Flüchtlinge betreuen und zu ihrer Integration beitragen. Es existiert ein starkes Netz von Menschen, die „das“ schaffen können und wollen. Es ist die Politik, die bei diesem Thema immer wieder versagt, nicht die Zivilgesellschaft.

Bleibt die Frage, was dieser Beschluss innerkirchlich auslöst. In ersten Kommentaren wurde schon darüber gemutmaßt, ob die Rettungsaktion nicht im Schiffbruch für die Kirche und den EKD-Ratsvorsitzenden enden wird. Denn sie befeuert den Streit darum, ob die evangelische Kirche nicht zu politisch agiert und sich, auch angesichts sinkender Mitgliederzahlen, zu wenig um die Verkündigung des Evangeliums kümmert. Die Befürworter des Schiffs brauchen diese Diskussion nicht zu scheuen, sie haben viele Argumente auf ihrer Seite. Auf die der Gegner darf man gespannt sein.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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