Dies ist ein sehr persönliches Buch. Deshalb soll es erlaubt sein, diese Rezension persönlicher zu halten, als es sonst schicklich ist. Navid Kermani hat seinem Vater auf dessen Sterbebett das Versprechen gegeben, seiner Tochter den Islam näherzubringen, seinen Islam. So schreibt der Autor tagsüber, wenn die Zwölfjährige in der Schule ist, in kurzen, leicht lesbaren Kapiteln das auf, was für ihn das Wesentliche am Islam – ja bei allen Religionen – ist. Abends liest er es ihr vor, und sie diskutieren darüber. Mit ihren Fragen und Einwänden im Kopf macht sich der schreibende Vater am nächsten Tag erneut ans Werk.

Das Ergebnis liest sich flüssig und sympathisch. Mir fiel vor allem auf, wie nahe Kermanis Islam der Tradition des aufgeklärten Protestantismus steht. Es gibt zahllose Übereinstimmungen: die kritisch-konstruktive Frage nach dem Wesen der Religion, das Staunen als Anfang des Glaubens, Religion als Grenz- und Unendlichkeitsbewusstsein, der Vorrang des religiösen Lebens vor der theologischen Lehre, des Glaubens vor dem Gesetz, das Ideal der Toleranz sowie der Einfachheit, die Ablehnung der Erbsündenlehre oder einer metaphysischen Christologie, der Sinn für den Zusammenhang von Religion und Poesie und manches mehr. Dazu passt, dass Kermani den Glauben nicht als überweltliche Macht oder Teil eines autoritären Systems präsentiert, sondern als Element des inneren Lebens eines Individuums und einer Familie. So fügt es sich, dass Kermanis Jugendbuch auf meinem Schreibtisch friedlich neben der soeben erschienen Glaubenslehre meines akademischen Lehrers Ulrich Barth liegt, die ich parallel lese. Gern würde ich beide Autoren in ein Gespräch verwickeln. Vielleicht würde Kermani dann seine kulturmuslimisch-aufgeklärtprotestantischen Wahlverwandtschaften bewusster wahrnehmen.

Aber ich habe ein Problem mit diesem Buch. Es ist nicht inhaltlicher Art. Auch nicht formaler Art, obwohl mir sein jugendnaher Ton nicht durchgehend behagt. Mein Problem besteht darin, dass ich mir diese Gesprächskonstellation nicht vorstellen kann.

Bei mir hörte das vertraute abendliche Vorlesen im Kinderzimmer auf, als die dort Wohnenden keine Kinder mehr waren oder sein wollten, also mit ungefähr zehn Jahren. Das Bedürfnis nach Nähe verwandelte sich in ein Bedürfnis nach Distanz: „Gute Nacht, raus, mach die Tür zu!“ Vor allem jedoch zeigten unsere Kinder so gar keine Neigung, von mir verfasste theologische Texte zu lesen, zu kommentieren oder auch nur zur Kenntnis nehmen. Wenn ich meiner Familie stolz ein neues Buch vorstellen wollte, drehte mir der Nachwuchs instinktiv den Rücken zu. Muss ich noch erwähnen, dass die Bereitschaft, eine meiner Predigten zu hören oder darüber ins Gespräch zu kommen, gegen „minus unendlich“ ging?

Was habe ich da bloß falsch gemacht? Und warum läuft es bei Familie Kermani so viel besser? Aber vielleicht ist es auch so, dass die Gesprächsanordnung dieses Buches einfach nicht stimmt. Es bleibt am Ende eben doch beim väterlichen Monologisieren. Die Tochter bekommt keine eigene Stimme. Ein echter Dialog bleibt aus. Gern würde ich Kermani einmal mit unserem ältesten Sohn zusammenbringen. Er ist in die Physik gegangen, und nichts ist ihm so zuwider wie jemand, der – wie leider auch Kermani – die religiöse Unendlichkeits- und Schöpfungsgedanken mit Quantenphysik, Infinitesimal-Begriff oder Relativitätstheorie in Verbindung bringen möchten. Das klingt zwar avanciert, ist aus seiner fachlichen Sicht aber blanker Unfug. Das könnte ein richtiger Dialog werden.

Ist dies also mehr als nur ein begrüßenswertes, sondern auch gelungenes Buch? Um das zu beurteilen, bin ich zu alt. Entscheiden müssen es die – christlich, muslimisch oder säkular geprägten – Teenager, die es hoffentlich lesen.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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