Faszinierend

Neue Praktische Theologie

Diese Summe einer Praktischen Theologie ist in der Tat ein zeit- und sachadäquates „Lehrwerk Evangelischer Theologie“. So informiert die für diskussionsstarke Positionierung bekannte Bochumer Theologin Isolde Karle in der für ein Lehrwerk nötigen fairen wie kritischen Selbstdistanz umfassend darüber, was in Fragen Praktischer Theologie behauptet, gedacht, diskutiert und auch in historischer Dimension gewusst werden sollte.

Dieses Buch ist aber deutlich mehr als ein Lehrwerk. Karle ist ein origineller und Maßstäbe setzender Wurf gelungen. So bietet sie in allen Teilen zugleich einen faszinierenden, insbesondere kybernetisch und soziologisch, systemtheoretisch versierten Zugriff auf Fragen der Praktischen Theologie – und das ebenso interdisziplinär wie intradisziplinär wie international durchlüftet, den neueren Entwicklungen der praktischen Theologie entsprechend. Zugleich wird Praktische Theologie in ihrer „Ausbildungsfunktion“ und ihrem „Professionsbezug“ ernst genommen.

Im Einzelnen: Gleich zu Beginn macht das zweite Kapitel („Religion in der Moderne“) Lust auf eine vitale religiöse Praxis. Karle schärft mit beherztem religionstheoretischen Zugriff ein, ohne im Blick auf den unlösbaren Streit um ein angemessenes Verständnis von Religion umständlich zu werden: Kommunikation sei immer dann religiös, wenn sie Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachte. Nur wer religiös angesprochen werde, antworte religiös. Nur ja nicht „vermeintlich authentische Religion der Innerlichkeit“ gegen eine historisch gewachsene „Religion der Äußerlichkeit“ ausspielen. In der religiösen Kommunikation werden individuelle Erlebnisse mit spezifischem Sinn ausgestattet und für andere kommunikativ zugänglich gemacht, die gefeiert und gelebt werden, erkennbar, fühlbar und begreifbar – und das mit Sensibilität für die Kontingenz von Glaube, mit Sinn für unlösbare Fragen und einem Werben der Beobachtbarkeit des Unbeobachtbaren.

So bearbeitet Religion das, was andere gesellschaftliche Funktionssysteme nicht leisten: „Erfahrungen der Kontingenz, des Ausgeliefertseins an die Immanenz der Welt und ihre unberechenbaren Dynamiken“. Hier appelliert Karle an den Kirchenentwicklungsverstand, Religiöses mit Kirchlichem nicht zu verwechseln und sich für außerkirchliche Formen des Religiösen dringend zu interessieren, die nur eine „schwach institutionalisierte Form“ haben. Bei aller Entkirchlichung, bleibt die Bedeutsamkeit des Religiösen stark. Es werde darauf ankommen, „soziale Stützpunkte“ für eine vage Spiritualität anzubieten.

Im dritten Kapitel wird als dringende Anregung für Fragen der Kirchenreform entwickelt, wie Kirche in der Moderne ihre Stärke darin entdecken kann, als Hybrid zwischen Institution und Organisationsform zu changieren. Die Aufgabe ist dann, als „Non-Profit-Organisation […] widersprüchliche […] religiöse […], interaktionale […] und organisatorische […] Erwartungen“ auszubalancieren und einen guten Rahmen für das bereitzustellen, was sich eben nicht einfach organisieren lässt: das Religiöse. Für unabdingbar hält Karle direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, macht eine parochiale Struktur der Kirche mit ihrem „konkurrenzlos gut organisierten ‚Kleinverteilungsapparat‘“ stark und ruft erstaunlicherweise nicht die Diskussion um kirchliche Orte (Uta Pohl-Patalong) bis in die sonst stets die einschlägigen Titel berücksichtigenden Abschnitte zur „weiterführenden Literatur“ auf. Konsequent bewährt sich, um das vierte Kapitel aufzurufen, der Pfarrberuf in der Moderne als „Schlüsselrolle“ und „Brückenfunktion“ im „Hinblick auf die unterschiedlichen Kirchenmitgliedschaftstypen“ in der „Interaktion“. Die aktuellen Problemlagen des Pfarrberufs vor allem im Spannungsfeld von Individualisierung und Professionalisierung werden übersichtlich aufgeblättert und die Vielfalt der kirchlichen Dienste wird mit sehr wenigen Zeilen leider nur kurz erwähnt.

Auf der gleichen Linie zu lesen ist der früh im fünften der Homiletik gewidmeten Kapitel gegebene Wink, in der deutschen Predigtpraxis das docere nicht zu stark dominieren zu lassen. Ausgesprochen hilfreich ist, auf nicht einmal zehn Seiten die aktuellen Herausforderungen der Predigttheologie urteilsstark vorgeführt zu bekommen. In der Überzeugung, dass der Gottesdienst erstens „Schlüsselereignis des kirchlichen Handelns“ sei, weil „Christentum unhintergehbar sozial verfasst“ und „Ort der Bewährung christlicher Einheit“ sei, und zweitens – schöne protestantische Pointe: Dienst Gottes am Menschen (und nicht umgekehrt) – räumt dieses Lehrbuch der Liturgik das schöne Gewicht von fast hundert Seiten ein, macht den Gottesdienst als „Verlebendigung des kulturellen Gedächtnisses der Kirche“ stark, weshalb ein „Einstimmen in einen überindividuellen Glauben, den schon viele Menschen vor uns geteilt haben“, auch in Zukunft zentral bleiben sollte.

Im siebten Kapitel werden in guter Proportion über sechzig Seiten die Historie der Seelsorge in ihrer Relevanz für die Gegenwart und im selben Umfang aktuelle Diskurse und Fragestellungen besprochen. Karle macht eindringlich deutlich, dass „regelrecht in Umkehrung des psychoanalytischen Paradigmas“ sich Probleme nicht unmittelbar in gesellschaftlichen Strukturen niederschlagen, sondern die „Struktur der funktional differenzierten Gesellschaft zu psychischen Folgeproblemen“ führt, die „weitgehend individuell zu lösen sind“.

Kapitel acht entfaltet eine Theorie der Kasualien. Kasualien, so wird soziologisch wie individualbiografisch unterlegt, sind für die Volkskirche hochrelevant und deshalb „als eigene Form religiösen Lebens und Interesses zu würdigen und nicht als defizitäre Form des Christseins abzuqualifizieren“. Sie verlangen hohe Professionalität im Blick auf Ritualkompetenz und Sensibilität auf die Erwartungen der „Kasualbegehrenden“. Am Ende der kritischen Taufphänomenologie schärft Karle richtungsweisend ein: Taufe ist deutlich mehr als formales „Kriterium der Kirchenmitgliedschaft“ und „besondere Verpflichtung der Kirche gegenüber getauften Konfessionslosen“.

Diakonie aber auf eben einmal 25 Seiten abzuhandeln, kann verständlicherweise nur eine Verlegenheitslösung sein, so sehr hier zeitadäquate Schneisen geschlagen werden. Ähnliches gilt für den knappen Ausblick zur Medienkommunikation. Er sondiert besonnen die Chancen präsentischer, interaktiver und massenmedialer religiöser Kommunikation in Vor-Corona-Zeiten und erfasst hellsichtig Chancen und Probleme elektronischer Kommunikation auch in der erst nach Abschluss der Publikation ausbrechenden Corona-Krise.

Am Ende hat die Autorin auf faszinierende Weise eine These ihres Buches widerlegt. „Praktische Theologie“, so Karle, „bringt die Praxis, die den Gegenstand der Reflexion bildet, nicht hervor, sondern findet sie vor.“ Dieses Opus hat jedoch das Zeug, stilbildend auf die Praxis zu wirken. Es wäre viel erreicht, wenn es diesen berechtigten Einfluss nehmen kann. Es gehört zwingend in die Regale praktizierender Theologinnen und Theologen, Kirchenleitungen und der Wissenschaft, vor allem aber auch auf die Schreibtische von Studierenden zur Erarbeitung und Repetition des bunten Panoramas Praktischer Theologie.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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