Von Göttern

Sloterdijks Theopoetik

Peter Sloterdijk gilt unter den deutschen Philosophen als glänzender Stilist mit packender Rhetorik, aber auch mit dem Hang, die eigene Vielbelesenheit mehr als demonstrativ herauszustellen. Das allein provoziert bei nicht Wenigen Abwehrreaktionen.

Gewiss, es gäbe vieles über seine über die Jahrzehnte vorgetragenen Provokationen zu berichten. Zumal über so manche Absurdität, die nur im Überschwang der gekonnt genutzten medialen Aufmerksamkeitsmaschinerie eine Zeit lang die öffentliche Debatte bestimmten. Gleichwohl sollte darüber nicht vergessen werden, dass der Autor sich von Beginn seines Schreibens auch mit der Religion oder dem Religiösen beschäftigt hat. In immer neuen Versuchen, mal stärker literaturtheoretisch, dann eher zeitdiagnostisch und in den vergangenen Jahren stärker anthropologisch galt es, ihr auf die Spur zu kommen.

Stand in „Gottes Eifer“ (2007) noch der Wille zur Radikalisierung der Assmann-Thesen über die Gefährlichkeit der Monotheismen im Vordergrund, so sind die im vergangenen Jahr erschienenen Überlegungen zur Theopoesie deutlich stärker vom Wunsch geprägt, sich über die religiöse Seite des „homo poeta“ zu verständigen. Im Vordergrund steht, wie schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät, zum einen, den Gestaltwerdungen religiöser Diskurse, Inszenierungen und Rhetoriken nachzugehen. Was im antiken Theater mittels des theologeion begann, einem Gerät, von dem aus die Götter in der Inszenierung sprachen, führt den Philosophen bis hin zu Karl Barths expressionistischem Römerbrief und Heinrich Denzingers wunderlich gelehrtem Kompendium kirchlicher Dogmen und Lehrverlautbarungen.

Immer wieder wird dabei die Lust des Querdenkers Sloterdijk offenkundig, auf Anhieb wenig plausible Querverbindungen in teils aphoristische, teils rhapsodische Gedankenassoziationen zu packen. Durchaus anregend für die Lektüre. Zum anderen verfolgt der Philosoph mit diesem Band seine Überlegungen zu einer zeitgemäßen Anthropologie weiter. Denn auch hier wird der Mensch als ein Wesen geschildert, das schon mangels Instinktsicherheit Luxus benötigt und sich in Form von kulturellen Immunstrategien Behausungen seiner Beheimatung in der Welt schaffen muss. Weniger an Nietzsche denn an Heidegger anknüpfend, werden auch historische Religionen als poetische Weisen verstanden, den „Himmel“ als Symbol des Umfassenden zum Sprechen zu bringen. Oder sagen wir besser: Sie waren einmal solche Weisen.

Denn obgleich dem Autor destruktive Religionskritik fernliegt und ein weiterer Beweis für Säkularisierung müßig erscheint, so gilt doch für unsere eigene Gegenwart ein Doppeltes: Die Religion ist von all ihren sozialen und politischen Funktionen freizuhalten, jedenfalls dann, wenn man mit Religionsfreiheit ernst macht. Und zum anderen bleibt da die Freiheit, die Religion gleichsam als Luxusprodukt wählen zu können, zumindest da und dort, wo man meint, Kunst und Philosophie genügten nicht. Dabei wird die Aura des Religiösen nicht verleugnet, sind doch „konkrete Religionen“ immer auch „Stile des Unheimlichen“. Vor allem aber sind sie, wie Musik, Kunst, Literatur allesamt Luxusphänomene, um das eigene Dasein im Angesicht von Endlichkeit, Zufälligkeit, Anhänglichkeit auslegen zu können. Sie helfen uns, mit der „Verlegenheit unserer eigenen Existenz“ umzugehen. Damit scheint im Grunde nur das alte Anliegen einer funktionalen Religionstheorie wieder aufgegriffen. Doch das würde verkennen, dass ja niemand Religion braucht, so wie letztlich auch Musik überflüssig ist.

Allerdings gilt zumindest für den Autor: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Könnte dies auch für die Religion zutreffen? Es sind solche Provokationen, von denen man sich gerne zum Nachdenken bei der Lektüre bringen lässt; selbst dann, wenn man sich, wie bei diesem Autor immer noch üblich, über viele Einseitigkeiten, auch Fehlerhaftigkeiten und Pauschalurteile ärgern mag.

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