Journalisten müssen Hexen sein

Deutschlands erste und einzige Professorin für Christliche Publizistik, Johanna Haberer, fordert einen radikalen Kurswechsel in der evangelischen Medienarbeit
Johanna Haberer
Foto: Boris Rostami-Rabet
Johanna Haberer, geboren 1956 in München, studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Theologie. Sie war unter anderem Chefredakteurin des „Sonntagsblattes – Evangelische Wochenzeitung für Bayern“ und danach von 1997 bis 2001 Rundfunkbeauftragte des Rates der EKD und von 2002 bis 2006 Sprecherin des „Wortes zum Sonntag“ in der ARD. Seit 2001 ist Johanna Haberer Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, dem einzigen Lehrstuhl dieser Art in Deutschland.

zeitzeichen: Frau Professorin Haberer, wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Zustand der evangelischen Publizistik in Deutschland?

JOHANNA HABERER: Die evangelische Publizistik befindet sich in einer tiefen Krise. Sie ist konzeptions- und kopflos in der Defensive und das schon seit längerer Zeit.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

JOHANNA HABERER: Die evangelische Publizistik ist in ihrer Gesamtheit von den Herausforderungen der  Digitalisierung überfordert. Man versucht seit fast zwanzig Jahren die kirchliche Medienarbeit der Digitalisierung  anzupassen, aber hat immer nur pragmatisch vor sich hin gekleckert. Ein Internetbeauftragter da, mal ein Online-Projekt  dort, aber nichts von dem hat bisher nachhaltigen Erfolg gehabt, alles ist Flickwerk geblieben. Eigentlich wäre aber eine umfassende Expertendiskussion in der Kirche, eine Art „Medienkonzil“, nötig gewesen. Wir haben 2015 so etwas auf landeskirchlicher Ebene in Bayern versucht. Aber die Anregungen von damals sind genauso verhallt wie die guten Ideen, die zumindest in den Schriften rund um die EKD-Synode in Dresden 2014 mit dem Schwerpunktthema „Digitalisierung“ entfaltet worden waren. Höchstens in ein paar Projekten, die dann nur für eine Zeit unterstützt werden. Das alles ersetzt aber kein Konzept.

Was müsste sich denn grundsätzlich ändern?

JOHANNA HABERER: Die evangelische Medienarbeit muss ihre Regionalisierung überwinden – über die Landeskirchen, die Dekanate, die Gemeinden hinweg, also über die „Friedhöfe“, auf denen sie sitzt, um bald begraben zu werden. Wir müssen uns gegenseitig eine ganz neue Struktur geben, die nicht an den Grenzen der Landeskirche endet. Diese Neuaufstellung der evangelischen Publizistik heißt nicht, dass es neue Zentralorganisationen geben muss und die EKD das Sagen hat. Sondern wir brauchen eine andere Form der Organisation, in der wir uns alle gegenseitig helfen. Sonst rasseln die kirchlichen Medien in der Aufmerksamkeitsökonomie unserer Tage, in der Welt von Google & Co, runter und werden nach unten durchgereicht.

Mit Google verhandeln

Was bedeutet das für die unterschiedlichen Medienformate, also Print, Rundfunk, TV und Internet?

JOHANNA HABERER: Seit Ende der 1990er-Jahre wachsen die medialen Plattformen zusammen. Das bedeutet, und das wurde auch eigentlich früh erkannt, dass wir anders denken müssten, nämlich Content-bezogen und in Ausspielkanälen. Es kann nicht mehr sein, dass alle einen eigenen Vertriebsapparat vorhalten, sondern wir brauchen kleine, flexible Einheiten, für die eine Art Überbau oder Unterbau – je nachdem – für das Marketing und für die öffentliche Sichtbarkeit der Inhalte verantwortlich ist.

Wie soll man das machen?

JOHANNA HABERER: Das bedeutet zum Beispiel, dass man mit Google verhandeln muss, und das kostet richtig Geld. Aber wenn man in diese Art der kommerziellen Verbreitung von Content nicht investiert, ist zu befürchten, dass die Themen und Anliegen der Kirchen, der NGOs und all jener, die etwas für den kulturellen Zusammenhalt in unserer  Gesellschaft tun, nicht mehr wahrgenommen werden, weil das Geld für die heutzutage übliche kommerzielle Verbreitung von Inhalten im Internet nicht vorhanden ist. Diesen völlig veränderten Kommunikationsbedingungen kann man nur durch Zusammenarbeit auf breiter Ebene begegnen.

Was müsste als Erstes geschehen?

JOHANNA HABERER: Kluge Köpfe müssten sich zusammenfinden und für die evangelischen Kirchen und Gemeinden ein neues Konzept mit Handlungsmaximen, klaren Prozessen und Budgets entwerfen, um die gesamte evangelische  Medienlandschaft radikal umzubauen. Daneben wäre es gut, es gäbe eine neue Mediendenkschrift. Die letzte wurde 1997  veröffentlicht. Seither hat sich die Welt der Kommunikation völlig verändert und ist Kommunikation nicht das eigentliche Charisma der Kirche?

Und was sollte in einem solchen Konzept enthalten sein?

JOHANNA HABERER: Alle Doppellungen müssten klar identifiziert und auf Sicht fusioniert und verschlankt werden. So kommen wir zu verschiedenen Ebenen und Funktionen der medialen Kommunikation. Natürlich braucht es weiterhin  die evangelischen Nachrichtenagenturen, die müssen als eine Art Rückgrat der Nachrichtengenerierung erhalten bleiben.  Daneben aber gibt es ganz unterschiedliche kommunikative Funktionen, die in Foren organisiert sind, zum Beispiel  Diskursforen, Kritikforen, Seelsorge- und Verkündigungsforen, die dann gemeinsam betrieben werden können.

Gäbe es denn in einem solchen Konzept noch Raum für die ganz klassischen Formen der evangelischen Publizistik, zum
Beispiel die Kirchengebietspresse?

JOHANNA HABERER: Die Kirchengebietspresse sorgt dafür, dass der Diskurs in einer größeren kirchlichen Region  aufrechterhalten wird, dass die Meinung der Kirchenleitung, der Synodalen, der Erzieherinnen und Erzieher in kirchlichen Kitas, der Diakoniechefs sowie anderer professioneller und natürlich auch ehrenamtlicher kirchlicher Akteure und ganz  normaler Gemeinglieder gehört wird. Und ganz wichtig: Dieser Diskurs muss ein kritischer Diskurs sein. Das  aufrechtzuerhalten ist eine wichtige Funktion der Sonntagszeitungen, die dann das Ganze mit intelligenter  Hintergrundinformation und Deutung versehen. Das ist eine klassische journalistische Funktion, ohne die kann eine evangelische Kirche gar nicht leben! Aber die kirchlichen Medienleute müssen nicht in einzelnen Institutionen organisiert sein, sondern in ihren Funktionen auf Plattformen versammelt sein. Wenn ein solcher Prozess in den nächsten fünf Jahren nicht angestoßen wird, dann wird die mediale Präsenz der Kirche in den Keller rauschen.

Möglicherweise eine Medienstiftung

Von den Institutionen zur Plattform? Was ist genau die Neuerung, die Sie vorschlagen? Welchen institutionellen „Körper“ muss man sich vorstellen?

JOHANNA HABERER: Wir brauchen eine neue Form der Vergesellschaftung, möglicherweise eine Medienstiftung, an der alle Landeskirchen beteiligt sind. Diese Medienstiftung hat dann verschiedene Abteilungen. Entscheidend ist, dass wir durch ein neues, schlagkräftiges Konstrukt Medienmarktmacht gewinnen, denn das wäre heute im Sinne Robert Geisendörfers.

Der bayerische Pfarrer Robert Geisendörfer (1910 – 1976), Begründer der modernen evangelischen Publizistik nach 1945, prägte den Grundsatz, evangelische Publizistik solle „Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen“. Inwiefern wäre ihm heute an „Medienmarktmacht“ gelegen?

JOHANNA HABERER: Der Leitsatz Geisendörfers von der „Stimme leihen für die Sprachlosen“ hat eine ganz neue  Dimension gewonnen. Große Bevölkerungsteile würden doch heute „stimmlos“ sein, wenn es nicht Qualitätsmedien und  den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gäbe. Gäbe es dies alles nicht, dann hätten wir schon jetzt eine viel größere Schieflage  – Stichwort Fox News. In den USA herrscht eine informationelle Schieflage, die die ganze Nation ins Unglück stürzt.  Geisendörfer wollte immer die Balance der Stimmen aufrechterhalten, und dazu könnte die Kirche beitragen, das könnte  eine uneigennützige kirchliche Aufgabe im Dienst des Gemeinwohls sein.

Worin könnte diese Uneigennützigkeit bestehen?

JOHANNA HABERER: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“, schreibt Paulus im Galaterbrief. Das muss doch für uns heute heißen, dass wir den Schulterschluss mit anderen medialen Playern suchen, die unabhängig sind und um ihre  Unabhängigkeit ringen, zum Beispiel das Onlinelexikon Wikipedia oder der unabhängige Browser Mozilla. Dazu gehören  natürlich die Kooperation mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die sich seit 75 Jahren bewährt hat, und das Bemühen um einen gemeinsamen europäischen Internetanbieter jenseits der Marktmacht von Google und Co. Wenn die Kirchen sich  hier nicht medienpolitisch engagieren, wird der Verfall der unabhängigen Qualitätsmedien mit ihrer freien   Berichterstattung voranschreiten, und dann leben wir bald in einer von bezahlten Lobbyisten beherrschten  Informationsgesellschaft.

Nun will und soll kirchliche Publizistik ja auch oft und möglichst kritisch über die berichten, die sie zu großen Teilen  bezahlen. Wie unabhängig können Kirchenjournalistinnen und -journalisten sein? Würde Ihr Stiftungsmodell helfen, dieses Problem zu lindern?

JOHANNA HABERER: Das Geld der Kirchen kommt ja nicht von den Kirchenleitungen, sondern von allen  Kirchenmitgliedern. Insofern muss das Geld dahin gehen, wo der Diskurs abgebildet wird. Allerdings müssen wir uns  verabschieden von den institutionellen Trennungen: Hier die institutionalisierte Kirche mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit,  dort die unabhängigen Presseverbände. Früher ging das, da trugen sich die Presseverbände selbst und hatten ein  Selbstbewusstsein wie große Diakonievereine. Doch dieses Modell kann „innerkirchliche Pressefreiheit“ nicht mehr  garantieren, da lügen wir uns in die Tasche, das gibt der Markt nicht mehr her. Die Freiheit der Kirchenmedien muss  konzeptionell anders bestimmt werden, eben durch Einrichtungen, die funktional nur von Journalisten betrieben werden und die funktional die Aufgabe haben, den Diskurs festzuhalten und in evangelischer Freiheit zu präsentieren.

Publizistik kommt in den Leitsätzen nicht vor

Wenn man Ihre Vorstellungen und Forderungen bedenkt, dann kommt eine Menge an Reformen auf die kirchliche Medienarbeit zu …

JOHANNA HABERER: Natürlich. Aber was ist die Alternative? Zu resignieren angesichts einer Komplexität, die wir selbst kaum durchschauen? Das kann es doch nicht sein! Und das gilt ja längst nicht nur für die kirchliche Medienarbeit, sondern für alle kirchlichen Arbeitsbereiche: Angesichts der allgemeinen Lage und der aufgrund von Corona rasant  einbrechenden Kirchensteuereinnahmen müssen wir alle Erbhöfe infrage stellen. Dazu müssten aber alle Landeskirchen zusammen-arbeiten. Wir werden sehen, wohin die Diskussion über die „Elf Leitsätze“ der EKD in den nächsten Monaten führt, wobei: In diesem neuen EKD-Papier kommen die kirchliche Publizistik und die Medienarbeit gar nicht vor …

Früher war die evangelische Publizistik in der Ausbildung von Journalistinnen und Journalisten sehr aktiv. Wie beurteilen
Sie die Entwicklung?

JOHANNA HABERER: Die Debatte, ob wir lieber kompetenten, ethisch wachen und kritischen Journalismus fördern  oder verstärkt in die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit investieren wollen, erleben wir ja gerade in der Diskussion um die  Evangelische Journalistenschule. Meine Haltung pro Journalistenschule ist klar (vergleiche zz 5/2020), denn es gibt eine  Maxime, von der ich nicht lassen will: Medienarbeit bedeutet immer Investition in Menschen. Strukturen sind natürlich  nicht unwichtig, letztlich aber brauchen wir einfallsreiche, kreative, lustvolle und zuweilen auch ungehorsame Menschen. Menschen, die im guten Sinne Hexen sind!

Wie bitte, Hexen?

JOHANNA HABERER: Hexen von althochdeutsch „hagzissa“ sind Wesen, die sich auf Zäunen oder in Hecken aufhalten und die Grenzen bewachen. Journalisten sind Hexen in dem Sinne, dass sie sich an der Grenze zwischen Kirche und  Gesellschaft aufhalten, in beide Räume schauen und zwischen ihnen vermitteln. Dazu braucht man freie Menschen, die  nicht zur Anpassung gezwungen werden oder die sich überdies noch als kirchlich systemrelevant erklären oder erweisen  müssen. Es sollten Menschen sein, die am System interessiert sind, aber ihre eigene Relevanz haben. Kurz gesagt, die kritisch-loyal sind.

Nun gibt es Leute, die sagen, man solle das mit Medien und dem Digitalen auch nicht überbewerten, das wahre kirchliche  Leben finde ja woanders statt, in den Gemeinden, und die Kirche sollte verstärkt auch die Gefahren der Digitalisierung
im Blick haben.

JOHANNA HABERER: Es ist wichtig und befreiend, wenn die Kirche Raum bietet für ein Kinder-Sommerlager ganz  ohne Smartphones. Aber eine verantwortliche Medienpädagogik und Medienbildung, technisch versiert und kritisch in  einem, sind angesichts der digitalen Revolution die größeren Desiderate im kirchlichen Raum. Ein wichtiger Teil der Wirklichkeit findet digital vermittelt statt, und die Bedeutung digitaler Kommunikation und Informationsvermittlung wird stetig zunehmen – anhand der Erfahrungen der Corona-Pande-mie können wir das gerade in Echtzeit miterleben. Anfang der 1990er-Jahre prägte Niklas Luhmann den Satz „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir  leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, und bereits Jahrzehnte vorher, 1964, erschien Marshall McLuhans  Werk, dessen Titel sprichwörtlich geworden ist: The Medium is the message, nachdem er kurz zuvor den Begriff vom globalen Dorf in die Welt gebracht hatte. Ich denke, jeder und jede kann heute sehen, dass diese prophetisch-visionären Sätze zu sich selbst gekommen sind. Insofern mein Appell an die evangelischen Kirchen: Handelt bitte, bevor unsere  Botschaft unsichtbar wird!

Die Fragen stellten Stephan  Kosch (per zoom) und Reinhard Mawick in Großensee bei Hamburg am 20. August.

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