Künstlerin vor 400 Jahren

Artemisia Gentileschi (1593 – 1653) malte barocke Meisterwerke
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Ihre Bilder hängen in Florenz, Neapel und Rom, in New York, Mexiko-Stadt und Columbus. Alle großen und renommierten Museen und Galerien dieser Welt zeigen die eindrucksvollen Gemälde, die Artemisia Gentileschi (1593 – 1653) vor vier Jahrhunderten schuf.

Die Römerin gilt als Ausnahmegestalt im barocken Kunstbetrieb, war sie doch die erste Künstlerin, die von ihrem Schaffen auch ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte und eine eigene Werkstatt mit männlichen Angestellten führte. Ihr Handwerk hatte sie bei ihrem Vater Orazio Gentileschi (1563 – 1639) gelernt, einem zu seiner Zeit berühmten Maler, dem die Tochter als Werkstattgehilfin zur Seite stand. Sie war 17 Jahre alt, als Caravaggio starb, das Malergenie, das zuvor in Rom vom mittellosen Künstler zum bevorzugten Maler der römischen Kardinäle aufgestiegen war.

Wie ihr Vater war Artemisia stark beeinflusst von dem italienischen Meister. Gentileschi bannte außergewöhnliche, mutige Frauen auf ihre Bilder. Märtyrerinnen, Opfer und Büßerinnen ließ sie lebensecht in dramatischen Szenen mit leuchtenden Farben erstrahlen.

Zwei der Bilder fügte der preußische König Friedrich II. in die Wanddekoration des Neuen Palais in Potsdam ein. Wahrscheinlich ohne zu wissen, dass sie von einer Frau gemalt waren. Im Vorzimmer der Gästewohnung finden sich in der oberen Galerie unter den italienischen Meistern des 17. Jahrhunderts „Lukretia und Sextus Tarquinius“ (um 1645 – 1650) und „Bathseba im Bade“ (um 1645 – 50) von Artemisia Gentileschi.

Beide Gemälde vervollkommenen derzeit die Ausstellung „Wege des Barock“ im Potsdamer Museum Barberini um die weibliche Perspektive. Im letzten Raum der Ausstellung, im so genannten Kopfsaal, dominieren die beiden großformatigen Bilder. Zu erkennen sind grausame Geschichten: In der von David und Bathseba geht es um Machtmissbrauch, um Ehebruch, Verrat und sexuelle Begierde. Artemisia Gentileschi bleibt ganz in den zeittypischen Mustern der barocken Malerei mit ihren biblischen, mythologischen und antiken Motiven: Prächtige Kleider, entblößte Schönheiten komponiert in mediterranen Sehnsuchtslandschaften. Und doch überwirft sie sich mit den gängigen Traditionen. Frauen malten im 17. Jahrhundert keine Akte, allenfalls ihre Familienmitglieder und reich gekleidete Würdenträger, Blumenstillleben oder Landschaften. Anders Artemisia Gentileschi.

Das zweite, erstmals außerhalb des Schlosses gezeigte Gemälde ist „Lukretia und Sextus Tarquinius“. Während der farbige junge Mann am Bildrand den rot-samtenen Vorhang wie zum Schauspiel aufhält, bedroht Sextus Tarquinius die nackte Lukretia mit einem Dolch. Eine zupackende Hand am Oberschenkel deutet die Vergewaltigung an. Eine Situation, die Gentileschi aus eigener Erfahrung kannte. Sie wurde von einem Lehrer und Arteliergenossen ihres Vaters, Agostino Tassi, vergewaltigt und musste in dem folgenden Prozess unvorstellbare Demütigungen über sich ergehen lassen.

Und doch entwickelte sie sich zur bedeutendsten Malerin des Barock, arbeitete für die Medici in Florenz, für den Kardinal Francesco Barberini in Rom und den englischen König Charles I. Das alles erfährt der Besucher und die Besucherin im Museum Barberini anschaulich vom Audio Guide.

Nach ihrem Tod (1653) geriet die erfolgreiche Künstlerin in Vergessenheit. Erst seit jüngster Zeit besinnt man sich ihrer wieder. Wie außerordentlich, expressiv und aufsehenerregend ihr Schaffen war, lässt sich jetzt in Potsdam erleben.


 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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