Zerbrechlich

Eine existenzielle Krise

Besonders ist dieses Buch schon, weil das Genre verschwimmt: altphilologischer Essay, Krankheitstagebuch, Vater-Sohn-Geschichte? Ganz besonders reich aber wird es durch die Ehrlichkeit seines Verfassers, die Offenheit im Angesicht der existentiellen Krise.

In die akademische Überfliegerlaufbahn – mit 27 Jahren habilitiert – platzt die Diagnose Blasenkrebs: 17 Prozent Überlebenschance. Jonas Grethlein deutet sein Schicksal auf der Folie seiner Profession, im Helden Achill der altgriechischen Ilias. Auch diesen erwischt der Tod kalt inmitten jugendlicher Stärke.

Fragilität ist der zentrale Begriff. Als brüchig erweist sich nicht nur der selbstbewusste Lebensentwurf des Akademikers. Die Persönlichkeit bekommt Risse, Konflikte mit Freunden geraten im fahlen Schein des Todes in eine gefräßig nihilistische Dimension. Der Autor legt unsympathische Seiten an sich offen.

In der Ilias strahlt ewiger Heldenruhm über die Fragilität des ausgezeichneten Menschen hinaus. Zu postheroischen Zeiten freilich kann das keinen Halt mehr bieten. In die Spiegelung seines persönlichen Schicksals an Achill hinein erzählt Jonas Grethlein seine Sohnesbiografie: Als Pfarrer und Hochschultheologe hat der Vater bei ihm vordergründig nichts erreicht. Trost im Gottvertrauen gibt es für Jonas Grethlein ausdrücklich nicht. Die theologische Lehrweisheit, dass Glaube nichts „Gemachtes“, nicht „verfügbar“ ist, bestätigt sich – und das tut weh, wäre verfügbarer Trost doch so willkommen. Lange war das Verhältnis zum Vater schwierig. Die vom Sohn fordernd und urteilend empfundene Erziehung erscheint allenthalben als Dementi des lehrhaften evangelischen Verständnisses vom Menschen.

Just hier erschafft die tödliche Erkrankung jedoch Neues. Was der Theologe professionell nicht leistete, gelingt dem Menschen schüchtern und fragmentarisch, dort, wo alle Pläne und Urteile zerbrechen. Wo Freundschaften und Ehe scheitern – auch an ängstlicher Befangenheit –, ist dem aushaltenden Vater geschenkt, seinem Kind nahezukommen.

Dass Vaterliebe die Fragilität bedrohten Lebens überwindet, wäre zu viel gesagt, erheischte verlogene Gewissheit und beutete die Situation pfäffisch aus, wie Bonhoeffer es formulierte. Gleichwohl ist es der Vater – vor dem der Sohn einst Angst hatte –, der jetzt als Einziger im Umfeld Jonas Grethleins seine eigene Angst ausspricht und so dem existenziell Bedrohten einen bergenden Ort geben kann. Glückende Beziehung ist, wo sie ist, kontingentes Geschenk. In ihrem flackernden Licht sieht die Vorzeit der Vater-Sohn-Beziehung freundlicher aus; plötzlich entstehen emotional reiche Erinnerungen, sogar an gemeinsame Wege zur Bibliothek. Selbst die Abneigung des deutschen Universitätsgelehrten gegen den amerikanischen Collegebetrieb bestätigt sich menschlich subtil.

Jonas Grethlein ist biblisch bewandert, greift auf Hiob und die Beziehung zwischen David und Jonathan zurück. Nicht vorkommen darf der den Tod selbst ertragende Gottvater des Neuen Testaments. Das wäre ein zu lautes Hoffnungslied – wenngleich es eben der Vater des Autors allein ist, mit dem der verzweifelt Leidende über den Tod, auch die Möglichkeit der Selbsttötung, sprechen kann. Der als offizieller Theologe fruchtlose Vater tritt bescheiden an die Stelle der Freunde Hiobs und meidet deren theologisch großsprecherische Fehler, indem er einfach zuhört, die Zerbrechlichkeit seines Kindes mit aushält.

Ein sehr kluges, sehr nüchternes, sehr dialektisches Buch. Dass professionelle Seelsorge keinen methodischen Schlüssel zum Erfolg besitzt, „weiß“ sowieso jeder. Hier wird die Theorie erfahrungssatt. Menschliche Treue, wo sie denn gelingen darf, bleibt alles, was über die Brüchigkeit des Lebens scheu hinausweist. Da muss ein Theologe durch. Und ein Crashkurs in homerischer Anthropologie schadet ihm auch nicht.

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