Makellos

„100“ – Pure Desmonds neue CD

Rauchen verträgt sich nicht gut mit Saxophon spielen, denkt man so, mit Lungen oft indes noch weniger. Altsaxophonist Paul Desmond, mit böhmisch-jüdischen Ahnen 1924 in San Francisco als Paul Emil Breitenfeld geboren, starb jedenfalls an Lungenkrebs. Die Tantiemen des Welthits „Take Five“, den er für das Dave Brubeck Quartet schrieb, in dem er lange spielte, vermachte er dem Roten Kreuz – und kommentierte die Diagnose für ihn ganz typisch mit einem Witz, indem er den Akzent verschob: „Makellos, perfekt! Eine der großartigsten Lebern unserer Zeit; obwohl von Whisky geflutet strotzt sie doch vor Gesundheit!“ Der eifrige Womanizer las Beat Poets, Timothy Leary und T. S. Eliot, liebte Lester Young und Charlie Parker und wollte klingen „wie trockener Martini“ – melodisch und leicht, was auf der Dave-Brubeck-Quartett-Platte „Time Out“ von 1959 ikonisch gelang. Sie enthält neben „Take Five“ im 5/4-Takt auch „Blue Rondo à la Turk“ im 9/8-Takt. Ungerade Erkundungen, die vorderhand simpel wirken, jedoch im Mix von Cool Jazz, Polytonalität und klassischen Kompositionsmustern tiefes Hinterland haben, was die Intensität erklärt.

Funkelnd stehen beide jetzt unter den 13 Stücken von „100“, das zu Desmonds 100. Geburtstag erscheint – den er selbst genussstur wie lebensfreudig von vornherein zu verpassen in Kauf nahm. Eine echte Liebesgabe, eingespielt von dem Quartett „Pure Desmond“ (Lorenz Hargassner/Altsaxophon, Johann Weiß/Gitarre, Christian Flohr/Bass, Sebastian Deufel/Drums), das unter diesem Programmnamen bereits seit über 20 Jahren Desmonds Sound, Stil und subversiven Geist hoch- und gekonnt lebendig hält. Markant ist die Besetzung mit Gitarre statt Piano wie bei Brubeck. Das ist eine Referenz an den epochalen Gitarristen Jim Hall, mit dem Paul Desmond gern arbeitete. Hinzu kommen die luziden Arrangements, die sie sich und ihren verschiedenen Einflüssen auf den Leib schreiben, und nicht zuletzt die versiert liebevolle Auswahl der Stücke: Alle auf „100“ sind eng mit seinem Werk und Leben verknüpft, darunter knackige Bossas und Flottes wie der punkige Stomp „Camptown Races“ oder „Mrs. Robinson“ von Simon & Garfunkel sowie ganz hinreißende Balladen: „Moon River“ erinnert an Desmonds Audrey-Hepburn-Faszination, während Brubecks „Strange Meadow Lark“ fast an Kammermusik gemahnt.

Das Album ist so leichthändig wie gehaltvoll, hat Seele und bewegt, es ist begeistert und begeisternd, obwohl man erst stutzt, weil es unmittelbar gefällt und an Glätte zu grenzen scheint. Darauf gilt es, sich – ähnlich wie bei Free Jazz – einzulassen. Dann setzt die Wirkung ein, so kompakt und intensiv, dass „Take Five“, obwohl bloß fünf Minuten lang, nie zu enden scheint. Musik, wie wir sie in diesen Hamas-Pogrom- und Taurus-Zögern-Zeiten dringend brauchen. Und wer bislang Jazz-Angst hatte, wird sie mit diesem herrlichen Album verlieren.

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