Unsere wichtigste Hoffnung

Versöhnung und Frieden mit Gott im Neuen Testament
Lasset euch versöhnen mit Gott“: Bibelvers 2. Korinther 5,20 in der Apsis des Berliner Doms
Foto: Berliner Dom
"Lasset euch versöhnen mit Gott“: Bibelvers 2. Korinther 5,20 in der Apsis des Berliner Doms.

Der Begriff Versöhnung kommt im Neuen Testament nicht sehr häufig, aber wenn, dann sehr differenziert vor. Und für das Verhältnis von Gott und Mensch ist es eine zentrale Kategorie des Heils. Insofern hat der Begriff viel Potenzial für heute, wie die Erlanger Neutestamentlerin Christina Eschner zeigt.

Versöhnung und Frieden – Sehnsüchte, die angesichts der wachsenden Zahl von Kriegen zurzeit besonders drängend und aktuell sind – standen auch im Zentrum der Hoffnung der ersten Christinnen und Christen. In den neutestamentlichen Schriften ist zwar nur selten ausdrücklich von Versöhnung die Rede. Diese Begrifflichkeit begegnet jedoch an besonders zentralen Stellen.

Im Einzelnen betrifft Versöhnung unterschiedliche Beziehungen. Zum einen handelt es sich um die Versöhnung von Menschen untereinander, beispielsweise von zerstrittenen Brüdern (Matthäus 5,24) oder zerrütteten Eheleuten (1. Korinther 7,11). Versöhnung bedeutet hier das Ende von Streit, Zorn und Zwietracht. Daneben spricht der Apostel Paulus mehrfach von der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Damit stellt sich die Frage: Was ist mit der Versöhnung zwischen Gott und Mensch genau gemeint? Wie hat diese Versöhnung stattgefunden? Paulus verbindet sie jeweils eng mit dem Tod Jesu Christi. Dieser steht im Zentrum seiner Verkündigung, denn Paulus kann seine gesamte Verkündigung als „Wort vom Kreuz“ zusammenfassen (1. Korinther 1,18.23).

Wie ist der Tod Jesu überhaupt zu verstehen? Häufig wurden in der Theologie für die Deutung des Todes Jesu Kategorien wie Opfer und Sühne herangezogen. Dabei wurde auch Versöhnung oft vor einem solchen kultischen Hintergrund verstanden. Besonders deutlich zeigt sich dies, wenn bisweilen gar von der „Versöhnung (Versühnung) Gottes mit der Welt durch den Sühn(opfer-)tod Jesu“ gesprochen wurde. Gerade die Sühnevorstellung hat in jüngerer Zeit vielfach kritische Stimmen gegen die Deutung des Todes Jesu Christi hervorgerufen. Aber ist Versöhnung überhaupt dasselbe wie Sühne?

Eine genaue Betrachtung der neutestamentlichen Schriften zeigt, dass die ersten Christen den Tod Jesu nur sehr selten als Opfer verstanden haben. Bei Paulus findet sich diese Vorstellung höchstens an einer Stelle (Römer 3,25). Viel häufiger spricht er davon, dass Christus „für uns“ gestorben ist. Dies ist jedoch nicht im Sinne von Sühne zu verstehen. So sind in der griechischen Literatur sehr viele Texte überliefert, in denen davon die Rede ist, dass ein Mensch zum Schutz des Vaterlandes oder für andere Personen stirbt und dadurch Unheil von einer Gemeinschaft oder einem geliebten Menschen wie dem eigenen Kind oder dem Ehepartner abwendet. Diese Vorstellung war zur Zeit des Paulus in Sprichwörtern und Inschriften und damit im ganz alltäglichen Leben der Menschen verbreitet. Auch Paulus knüpft an diese Vorstellung des so genannten Unheil abwendenden Sterbens an. Diese Deutung hat sich nach detaillierten Untersuchungen zu diesen Formulierungen in der neutestamentlichen Wissenschaft in den vergangenen Jahren weitgehend durchgesetzt.

Dem Tod anheimfallen

Paulus deutet den Tod Jesu somit als einen Tod, der in jedem Fall die Rettung der Menschen herbeiführt. Dabei setzt er, fest in der jüdischen Tradition stehend, wie alle neutestamentlichen Autoren voraus, dass die Menschen dem Gericht Gottes ausgeliefert sind, in dem ihnen als Sündern Unheil droht, sie also der Rettung bedürftig sind. Insgesamt hat Paulus ein recht radikales Sündenverständnis. Die Sünde versklavt den Menschen geradezu und lässt ihn unweigerlich dem Tod anheimfallen (Römer 6,7–23). Inhaltlich kann Paulus die Sünde in unterschiedlicher Weise bestimmen. Er bezeichnet sie beispielsweise als Verkehrung der Wahrheit in Lüge (Römer 1,25) oder als Verehrung der Geschöpfe anstelle des Schöpfers, das heißt als Verkehrung von Schöpfer und Geschöpf (Römer 1,18–32). Daneben bestimmt Paulus das Wesen der Sünde als Feindschaft gegen Gott (vergleiche Römer 8,7). Durch den Tod Jesu wurde diese Feindschaft überwunden und Versöhnung erzielt, wie Paulus besonders pointiert in Römer 5,6–11 feststellt:

„(6) Als wir noch schwach waren, ist Christus noch zur rechten Zeit für solche, die Gott nicht verehren, gestorben. (7) Kaum jemand wird für einen Gerechten sterben, für das Gute bringt es vielleicht jemand sogar über sich zu sterben. (8) Und (so) erweist Gott seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (9) Um wie viel mehr werden wir, die wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, durch ihn vor dem Zorn (das heißt dem Gericht) bewahrt werden. (10) Wenn wir nämlich, als wir noch Feinde waren, mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt worden sind, um wie viel mehr werden wir als Versöhnte um den Preis seines Lebens gerettet werden. (11) Mehr noch, wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.“

Der Tod Jesu ermöglicht demnach eine neue Beziehung zu Gott, indem er die Menschen zum Gegenteil dessen macht, was sie vorher waren: Aus Sündern werden Gerechtfertigte, aus Feinden Gottes solche, die mit Gott versöhnt sind. Die parallele Verwendung zur Rechtfertigung zeigt die zentrale Bedeutung der Versöhnungsvorstellung an.

Der Hintergrund von Versöhnung liegt nicht etwa im Kult. Dies zeigt sich deutlich, wenn man die Texte des Paulus in ihrem griechischen Orginalwortlaut betrachtet. Anders als im Deutschen und in vielen anderen modernen Sprachen werden im Griechischen für Versöhnung (katallassein) und Sühne (hilaskesthai) vollkommen andere Begriffe verwendet. Im Griechischen gehören Sühne und Versöhnung somit gerade nicht zusammen, wie es die Rede von „Versühnung“ suggeriert. Versöhnung hat vielmehr einen eigenen Hintergrund, der nicht in der Hebräischen Bibel, sondern in der hellenistischen Diplomatie liegt.

Beendete Feindschaft

In zeitgenössischen Texten begegnet die Rede von der Versöhnung vor allem in zwei Kontexten. Zum einen handelt es sich um die Aussöhnung von zerstrittenen Personen, insbesondere innerhalb der Familie wie Eheleute oder Kinder mit ihren Eltern. Zum anderen ist besonders häufig in einem politischen Kontext von Versöhnung die Rede. Hier handelt es sich zumeist im militärischen Sinne um die Aussöhnung von verfeindeten Staaten, die sich miteinander in einem Krieg befinden. Versöhnung steht in enger Verbindung mit der Beendigung eines Krieges durch ein Friedensabkommen. Bei dieser zwischen(stadt)staatlichen Versöhnung spielen Gesandte eine große Rolle, die das Versöhnungsangebot (zumeist der unterlegenen Seite) überbringen und so den Friedensschluss aushandeln.

Auch Paulus verwendet Versöhnung in diesem Sinne, wie die enge Verbindung zu Frieden zeigt (Römer 5,1). Versöhnung zwischen Gott und Mensch bedeutet somit nichts anderes als Versöhnung im zwischenmenschlichen Bereich. Auch bei ihr geht es darum, dass Feindschaft beendet und so ein gebrochenes Verhältnis, das heißt die gestörte Beziehung zwischen Gott und Mensch, wiederhergestellt wird. Dies erfolgt dadurch, dass Gott Übertretungen nicht anrechnet (2 Korinther 5,19), das heißt durch die Rechtfertigung der Sünder.

Paulus zufolge sind die Menschen somit durch den Tod Christi von Feinden Gottes zu mit Gott Versöhnten geworden, die Frieden mit Gott haben. Doch wie genau kommt diese Versöhnung zustande? Darauf geht Paulus in seinem zweiten Brief an die Korinther genauer ein. In einem Abschnitt, in dem er die Versöhnungsbegrifflichkeit besonders häufig verwendet, stellt er fest, dass Gott ihn selbst mit sich versöhnt habe und ebenso die Versöhnung der Welt (gemeint ist die gesamte Menschenwelt) in Christus als Ziel verfolge. Für die Versöhnung der Welt misst Paulus sich selbst und seinem Apostelamt eine zentrale Bedeutung zu. Er bestimmt seinen Dienst genauer als „Dienst der Versöhnung“ und seine Verkündigung als „Wort von der Versöhnung“.

Diese Botschaft von der Versöhnung versteht Paulus genauer als Bitte, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Sich selbst bezeichnet Paulus als einen Gesandten, der diese Bitte Gottes zur Versöhnung überbringt (2 Korinther 5,18–20). Dies erinnert deutlich an den diplomatischen Hintergrund der Versöhnungsvorstellung, in der das Versöhnungsangebot durch Boten überbracht wird. Inhaltlich stellt diese Bitte zur Versöhnung hingegen ein Novum dar. Dieses besteht nicht etwa darin, dass der Versöhnungsgedanke auf das Verhältnis von Gott und Mensch angewendet wird. Dies war zwar selten, aber Paulus war nicht der Erste oder gar Einzige, der die ursprünglich im zwischenmenschlichen Bereich beheimatete Versöhnungsvorstellung auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch übertragen hat.

Bereits in den Makkabäerbüchern, die zwar nicht Teil des Kanons der Hebräischen Bibel, aber Teil der griechischen Übersetzung des Alten Testaments sind, lässt sich dies feststellen. Dort wird geschildert, wie gesetzestreue Juden eher den Tod für das Gesetz auf sich nehmen, als sich zur Übertretung des Gesetzes zwingen zu lassen. Sie bitten Gott darum, seinen Zorn mit ihrem Märtyrertod zum Stillstand kommen zu lassen und sich mit seinen Dienern zu versöhnen (2 Makkabäer 7,33.37–38). Im 1. Clemensbrief, einer frühchristlichen Schrift, die keine Aufnahme in den neutestamentlichen Kanon gefunden hat, findet sich dann eine ganz ähnliche Bitte. Er ruft dazu auf, Gott unter Tränen anzuflehen, „dass er gnädig sei und sich mit uns versöhne und uns in den frommen, reinen Wandel unserer Bruderliebe wiederherstelle“ (48,1).

In der Theologiegeschichte wurde ein solcher Zusammenhang häufig auch für den Tod Jesu angenommen. Er klingt noch in manchen Liedern des Gesangbuchs an. So heißt es beispielsweise im Refrain eines unserer Weihnachtslieder (EG 29): „Gottes Sohn ist Mensch geborn, ist Mensch geborn, hat versöhnt des Vaters Zorn, des Vaters Zorn.“ Hier wird der Eindruck erweckt, Gott sei es, der versöhnt wird. Damit findet jedoch ein wesentlicher Aspekt der paulinischen Versöhnungslehre keinen Ausdruck. Bei Paulus wird Gott nicht versöhnt oder lässt sich, einer menschlichen Bitte folgend, umstimmen. Denn für Paulus ist der Tod Christi, der zur Versöhnung der Glaubenden mit Gott führt, gerade der deutlichste Ausdruck der Liebe Gottes (Römer 5,6-8). „Lasst euch versöhnen mit Gott“ bedeutet: Gebt eure Feindschaft gegen Gott auf. Gott bietet somit von sich aus die Versöhnung an und fordert die Menschen auf, sein Versöhnungsangebot anzunehmen. Dementsprechend stellt Paulus fest, dass der Mensch die Versöhnung empfängt (vergleiche Römer 5,11). Die Initiative zur Versöhnung geht somit Paulus zufolge gerade von Gott selbst aus. Im Hintergrund steht hier die biblische Tradition von dem barmherzigen und gnädigen Gott. Sie findet sich verdichtet in der so genannten Gnadenformel (Exodus 34,6–7):

„[…] Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und reich an Gnade und Treue, (7) der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, […]

Dass Paulus mit dieser Gnadenformel vertraut war, lassen zahlreiche Texte in seinem Römerbrief deutlich erkennen (vergleiche Römer 3,24–25).

In den Briefen, die unter dem Namen des Paulus veröffentlicht wurden, aber vermutlich nicht von ihm selbst stammen, wird die Idee des Paulus von der Versöhnung aufgenommen und jeweils weiterentwickelt. Auch hier steht Versöhnung wie bereits bei Paulus (Römer 5,1.10) in enger Verbindung mit der Beseitigung von Feindschaft und Erlangung von Frieden (vergleiche Epheser 2,14–17; Kolosser 1,20). Auch hier ist die Versöhnung im Tod Jesu begründet (Kolosser 1,22; Epheser 2,16).

Widerstreitende kosmische Mächte

Während die Versöhnung bei Paulus stets von Gott ausgeht, ist nun auch Christus derjenige, der die Versöhnung bewirkt (Kolosser 1,20; Epheser 2,14). Im Kolosserbrief wird dem Versöhnungsgeschehen in besonderer Weise eine universale Dimension beigemessen. Sie klingt bereits in den echten Paulusbriefen mit der Versöhnung des Kosmos an (Römer 11,15; 2. Korinther 5,19). Im Brief an die Kolosser wird sie nun über die Menschenwelt hinaus auf die gesamte Schöpfung („Erde und Himmel“) ausgeweitet, womit offenbar die Versöhnung widerstreitender kosmischer Mächte gemeint ist (Kolosser 1,20). Wie bei Paulus ist Versöhnung ein Heilsbegriff, denn der Sinn der Versöhnung besteht darin, im Endgericht untadelig und vollkommen, das heißt sündlos, zu sein (Kolosser 1,22). Der Verfasser des Epheserbriefes betont auffallend stark den räumlichen Aspekt von Versöhnung, wenn er im Umfeld der Versöhnungsaussage feststellt, dass die bisherige Trennung und Entzweiung überwunden werden. Dies betrifft zum einen das Verhältnis von Juden und Nichtjuden untereinander, das Paulus noch nicht genauer in den Blick nimmt, zum anderen die Verbindung beider mit Gott (Epheser 2,11–18).

Versöhnung hat im Neuen Testament somit – trotz des erstaunlich seltenen Vorkommens – sehr unterschiedliche Facetten: Versöhnung zwischen Menschen (Individuen und Gruppen) sowie zwischen Gott und Mensch, daneben auch kosmischen Frieden. Angesichts der Anwendung auf das Verhältnis von Gott und Mensch ist Versöhnung eine zentrale Kategorie des Heils. Dabei liegt meines Erachtens gerade in der Versöhnungsvorstellung ein besonderes Potenzial für die gegenwärtige Theologie. Dies gilt aufgrund ihrer Herkunft aus dem Alltagsleben, in dem wir alle immer wieder erfahren, wie wichtig Versöhnung ist. Zudem sollte die paulinische Zuspitzung der Versöhnungsvorstellung, in der Gott der Ursprung der Versöhnung ist, voll ausgeschöpft werden. Gott kommt seinen Feinden entgegen. Seine Hand ist zur Versöhnung ausgestreckt. Und schließlich ist Versöhnung ein wirkliches Beziehungsgeschehen. Denn verwirklicht wird die Versöhnung nur bei denjenigen, die Gottes Friedensangebot annehmen. 

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