Großer Wurf

Moralische Wesen

Es ist immer faszinierend, wenn manche einen großen Wurf wagen, also sich an die ganz großen Themen und eine komplette Deutung komplexer Phänomene herantrauen. Umso schwerer wird dies, wenn dabei auch noch ein interdisziplinärer Ansatz gewählt wird. Das geht selten gut. Daher ist der Mut Hanno Sauers zu achten. Der noch recht junge Düsseldorfer Philosoph, der an der Universität von Utrecht lehrt, hat mit seinem Buch Moral solch einen großen Wurf gewagt – und er ist ihm geglückt!

Der Untertitel „Die Erfindung von Gut und Böse“ ist eine kleine Provokation, aber zeigt schon ganz gut an, wohin die Reise geht. Sauer beschreibt etwa bis zur Hälfte des knapp 400 Seiten starken Buches, wie sich innerhalb von etwa fünf Millionen Jahren das „Mängelwesen“ Mensch zur bestimmenden Art auf diesem Planeten entwickeln konnte – nämlich im Wesentlichen durch Kooperation, Kultur und Moral. Sauers These, belegt durch eine Unmenge an Studien aus der Biologie, der Verhaltensbiologie, der Sozialpsychologie, der Archäologie und etwa einem halben Dutzend anderer Forschungszweige, ist, kurz gefasst: Vor allem durch Kooperation, erst innerhalb der Sippe, dann in immer größeren Personenverbänden bis zu Staaten, war das eher schlecht an seine Umwelt angepasste Tier „Mensch“ zu immer schnelleren Zivilisationssprüngen fähig, bis in die Moderne von heute hinein.

Dabei ist Kooperation, also das zunächst nicht-egoistische, sondern soziale Handeln für das höhere Wohl der Gemeinschaft (und am Ende auch jedes Individuums dieser Gruppe), ziemlich kontraintuitiv. Es war ein sehr langsamer evolutionärer und kultureller Lern- und Anpassungsprozess, der die Menschen zu kooperativen und eher friedlichen Wesen machte. Durch Selektion, also durch die, ganz nach Darwin, meist besseren Fortpflanzungschancen von kooperativen, sozialen, ja sanften Exemplaren und Gruppen unserer Art, wurden unseren eher impulsiven und aggressiveren Vorfahren ihre Triebe langsam evolutionär aussortiert. Das dauerte viele Generationen und ging so weit, dass es in mehreren Kulturen (und zum Teil bis heute) kollektive Formen der Aussonderung, ja Ermordung von zu aggressiven und diktatorischen „Führern“ gab. Sauer spitzt diese Entwicklung leicht ironisch so zu: „Wir sind die Nachkommen der Freundlichsten.“

In diesem Prozess wird Kultur (in einem weiten Sinne) zu einer evolutionär überaus günstigen Technik, die zu einer kollektiven Win-win-Situation immer größerer Gruppen führte. Moral sicherte diesen Prozess ab, samt oft härtester Bestrafung bei Verfehlungen Einzelner gegen diesen Kodex: „Die Moral erlaubt es dem Mängelwesen Mensch, seine physischen Defizite zu kompensieren, indem sie ein kooperatives Zusammenleben organisiert, das den Boden für die Entstehung einer kumulativen Kultur bereitet.“

In der zweiten Hälfte von Sauers Werk überträgt der Autor diese Erkenntnisse recht überraschend, aber insgesamt überzeugend auf neueste Phänomene unserer modernen Welt – etwa auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit von identitätspolitischen Ansätzen: Stellen sie, so kann man seine Zweifel ein wenig grob zusammenfassen, nicht einen gewissen evolutionären und zivilisatorischen Rückschritt zu einem längst überwundenen Stammesdenken dar? (siehe dazu auch das Interview ab Seite 38)

Sauer ist mit Moral ein sehr kluges und ungemein anregendes Werk gelungen, das auch stilistisch mit einem guten Wechsel von wissenschaftlich anspruchsvollen wie gekonnt einfachen, zusammenfassenden Sätzen zu überzeugen weiß. Der Autor würzt dies alles hier und da durch sanfte Ironie und feinen Humor, was das Buch trotz des schweren Themas insgesamt zu einer doch erstaunlich leichten Lektüre macht. So sollten Sachbücher geschrieben sein!

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