Gott in sich finden

Die Mystik sucht die Vereinigung mit Gott im Diesseits
Ein Bronzerelief an der Predigerkirche in Erfurt erinnert an den Theologen und Philosophen Meister Eckhart.
Foto: picture-alliance/Martin Schutt
Ein Bronzerelief an der Predigerkirche in Erfurt erinnert an den Theologen und Philosophen Meister Eckhart.

Mystik hatte im Christentum wie in vielen anderen Religionen schon immer ihren Platz. Und sie könnte auch für den modernen kirchenfernen Menschen ein Zugang zu Spiritualität sein, meint der Physiker und evangelische Religionslehrer Klaus Mattheß. Sein Text gibt einen Überblick über die christliche Mystik seit Meister Eckhart.

Unser traditionelles christliches Gottesbild lässt in der gegenwärtigen Zeit manche Fragen offen. Vielen Menschen gibt es keine Antworten mehr auf ihre Lebens- und Sinnfragen. Insbesondere vermissen sie häufig eine unmittelbare, erfahrbare Begegnung mit tieferen spirituellen Bereichen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat dieses Bedürfnis Menschen aus unserem Kulturkreis vor allem in den mittleren und fernen Osten, nach Indien und Japan blicken lassen, wo eine gewisse Verinnerlichung offenbar schon seit Jahrtausenden zur Philosophie, zur Religion und zum Alltag gehört – und so hat sich unter anderem ein Bereich entwickelt, der oftmals etwas abwertend mit dem Begriff Esoterik bezeichnet wird.

Dabei wird oft vergessen, dass ein tiefer Zugang zur Spiritualität seit jeher auch im Christentum vorhanden ist, vor allem in Form der Mystik, die von Zeit zu Zeit immer wieder aufflackert – insbesondere in Zeiten, in denen die etablierten Kirchen allzu sehr den rationalen Zugang zu Gott betonen und den Menschen ein innerer, emotionaler Zugang zu Gott fehlt oder sie aus anderen Gründen das Vertrauen in die Institution Kirche verloren haben. Unter Mystik versteht man dabei in unserem christlichen Kulturkreis im Allgemeinen einen spirituellen Weg, dessen Ziel die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen bis hin zur völligen Vereinigung mit Gott ist – und zwar schon im diesseitigen Leben.

Der wohl bekannteste und bedeutendste christliche Mystiker war der im späten Mittelalter lebende Meister Eckhart (1260 – 1328), einer der höchsten Würdenträger des Dominikanerordens und zeitweise Lehrer an der Universität von Paris, der damaligen Hochburg theologischer Gelehrsamkeit, an der auch sein Dominikanerbruder, der Heilige Thomas von Aquin, gewirkt hatte.

Durch die Ablehnung seiner Lehren seitens der Amtskirche, die bis zum Verdacht der Häresie ging, geriet sein Name bald in Vergessenheit, und seine Lehren wurden vor allem durch seine Schüler Johannes Tauler und Heinrich Seuse verbreitet. Erst im vergangenen Jahrhundert wurden er und seine Werke wiederentdeckt, die sich seitdem weltweit verbreitet haben.

Seine Popularität (und früher auch seine Ablehnung seitens der Amtskirche) ist wohl vor allem der Tatsache zu verdanken, dass er seine Predigten nicht (nur), wie damals allgemein üblich, vor gebildeten Theologen in lateinischer Sprache hielt, sondern auch vor dem einfachen Volk in deutscher Sprache, so dass jedermann ihn zumindest sprachlich verstehen und seine Gedanken nachvollziehen konnte.

Göttlicher Funke

Die Kernaussage von Meister Eckharts Predigten besteht in der Botschaft, dass in jedem Menschen ein göttlicher „Funke“ vorhanden ist, mit dem er Kontakt aufnehmen kann und durch den Gott sich ihm mitteilt – bis hin zum völligen Einswerden des Menschen mit Gott.

Über Gott im Menschen sagt er: „Gott ist uns nahe, wir aber sind ihm fern; Gott ist drinnen, wir aber sind draußen; Gott ist in uns daheim, wir aber sind in der Fremde.“

Über 300 Jahre später beschreibt der schlesische Mystiker Angelus Silesius (1624–1677) dies mit den Versen Der Himmel ist in dir„Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“

Um Gott in sich zu erfahren, muss der Mensch seinen Eigenwillen aufgeben, den Blick von außen abwenden und in bedingungslosem Vertrauen in sein eigenes Inneres richten, wo Gott ihn schon immer erwartet. Dies bedeutet für Meister Eckhart jedoch nicht, dass man alle äußerlichen Tätigkeiten meiden und in die Einsamkeit fliehen soll – entscheidend ist vielmehr, dass man sich bei allen Handlungen der inneren Gegenwart Gottes bewusst ist.

Sobald der Mensch äußere Gelassenheit und tiefe Abgeschiedenheit erreicht, wird er von Gott und seinem inneren Wort erfüllt. Er lebt nun im ständigen Bewusstsein der Gegenwart Gottes, und im Grunde ist es nicht mehr er, der lebt, sondern Gott selbst lebt in ihm.

Das letzte Ziel der Mystik ist jedoch die völlige Vereinigung des Menschen mit Gott – das Aufgehen der menschlichen Seele in der Gegenwart Gottes. Meister Eckhart drückt dies immer wieder mit eindringlichen Worten aus: „Gott muss schlechthin ich werden und ich schlechthin Gott, so völlig eins, dass dieses ‚Er‘ und dieses ,Ich‘ Eins ist, werden und sind und in dieser Seinsheit ewig ein Werk wirken.“

Die französische Mystikerin Marguerite Porete (ca. 1250–1310), eine Zeitgenossin von Meister Eckhart, beschreibt diesen Zustand der mystischen Vereinigung folgendermaßen: Auf dieser Stufe sieht die Seele, „dass da nichts ist außer Gott selbst, der ist, von dem alles ist. Und das, was ist, ist Gott selbst, und deshalb sieht sie nichts außer sich selbst. Denn wer das sieht, was ist, sieht nichts außer Gott selbst, der sich in dieser Seele selbst sieht.“

Oder in den Worten von Angelus Silesius: „In Gott wird nichts erkannt: Er ist ein einig Ein. Was man in ihm erkennt, das muss man selber sein.“ In diesem Zustand sind die Seele und Gott nicht mehr voneinander getrennt, Gott ist zum Menschen und der Mensch ist zu Gott geworden.

Im Grunde jedoch muss diese Einheit mit Gott nicht erst erlangt werden – sie besteht schon seit jeher, der Mensch kann sich nur ihrer bewusst werden. Der zeitgenössische Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger (1925 – 2020) drückt dies folgendermaßen aus: „In der Mystik geht es nicht darum, mit Gott eins zu werden. Es geht darum, in der Erfahrung, sich der schon bestehenden Einheit inne zu werden. Diese schon bestehende Einheit leuchtet in der Erfahrung auf. Der Mystiker erreicht also nicht die Einheit, sondern es wird ihm das Innewerden der immer gegenwärtigen Einheit geschenkt.“

Der Mensch, der sich dieser mystischen Einheit mit Gott (der „unio mystica“) bewusst geworden ist, der Gott in sich gefunden hat, zieht sich nun nicht etwa aus der Welt und ihrer Geschäftigkeit zurück, sondern wird im Gegenteil in tätiger Nächstenliebe aktiv – nicht, weil die christlichen Gebote dies von ihm verlangen, sondern aus sich selbst heraus, ohne ein äußeres „Warum“. Denn Gott selbst ist es nun, der in ihm und durch ihn handelt.

Meister Eckhart sagt dazu: „Wer Sohn Gottes werden will […], muss den Nächsten lieben wie sich selbst, das heißt so sehr wie sich selbst, und muss das Persönliche und Eigene verleugnen. Denn wer die Liebe hat, liebt in keiner Weise den Nächsten weniger als sich selbst; denn er liebt in allem den einen Gott und alles in ihm. In dem Einen aber gibt es keinen Unterschied […]; in dem Einen gibt es weder mehr noch weniger.“

Er geht sogar noch einen Schritt weiter: Selbst, wenn ein Mensch in einer Art Erleuchtung höchste geistige Freuden erfährt, jedoch wüsste, dass ein kranker Mensch seine Hilfe benötigt, so wäre es besser, wenn er aus Liebe auf sein eigenes Wohlgefühl verzichtet und dem Mitmenschen hilft.

Dieser Durchbruch zur Gottunmittelbarkeit ist nach Meister Eckhart jedoch nicht etwa nur wenigen Auserwählten vorbehalten, sondern ist jederzeit für jeden Menschen möglich: Für ihn ist die Mystik ein Weg für jeden Menschen, zu Gott und damit zu spiritueller Erfüllung und zu innerem Frieden zu gelangen.

Vor und auch nach Meister Eckhart haben immer wieder christliche Mystikerinnen und Mystiker diesen Weg beschrieben. Auch wenn ihre Darstellungen etwas voneinander abweichen, so hat man dennoch den Eindruck, dass alle ähnliche Erfahrungen gemacht haben und daher von demselben inneren spirituellen Urgrund ergriffen worden sind. Dazu gehören Namen wie die teilweise schon erwähnten: Johannes Tauler, Heinrich Seuse, Marguerite Porete, Hildegard von Bingen, Teresa von Avila, Jakob Böhme, Angelus Silesius, um nur einige der bekanntesten aufzuzählen.

Aber dass mystische Erfahrungen eigentlich nichts Ungewöhnliches sind, wird auch aus den Untersuchungen des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908–1970) deutlich, einem der Begründer der Humanistischen Psychologie. In seinem 1964 veröffentlichten Buch, das in Deutsch unter dem Titel Jeder Mensch ist ein Mystiker erschienen ist, bringt er zahlreiche Beispiele von Erfahrungen von verschiedenen Personen, die er „Gipfelerlebnisse“ (peak experiences) nennt und die offenbar zumindest eine Nähe zu den Gotteserfahrungen haben, wie sie von vielen Mystikern geschildert werden. Diese Erlebnisse können in verschiedenen besonderen Situationen auftreten, zum Beispiel bei intensiver Naturbeobachtung, beim Sport oder bei der Geburt eines Kindes.

Er kommt zu dem Ergebnis, dass nahezu jeder Mensch schon einmal solche Erfahrungen gemacht hat und davon zu berichten weiß: Augenblicke intensiven Glücks, Befreiung von allen Ängsten und Hemmungen, Wegfall aller Trennung, Gefühle der Einheit, ja der Verschmelzung mit der Welt – der Gewissheit, dass alles so, wie es ist, gut und richtig ist.

In jeder Religion

Und auch wenn die von Maslow beschriebenen Erfahrungen im Allgemeinen nur kurzzeitige Erlebnisse sind, während die Mystiker als Ziel eine dauerhafte Verbindung mit der inneren Mitte, dem Selbst in uns beschreiben, so kann Maslow aus seinen Untersuchungen doch folgern, dass mystische Erlebnisse keine übernatürlichen Ereignisse sind, sondern zum menschlichen Leben dazugehören, dass im Grunde „jeder Mensch ein Mystiker“ ist.

Und Maslow kommt noch zu einem weiteren bemerkenswerten Ergebnis, dass nämlich mystische Erfahrungen offenbar in ähnlicher Form in jeder Kultur und zu jeder Zeit stattfinden und auch nicht auf ein bestimmtes religiöses Umfeld beschränkt sind.

Tatsächlich erscheint die Mystik auch in nahezu allen anderen großen Religionen – beispielsweise im Hinduismus als Advaita-Vedanta, im Buddhismus als Zen, im chinesischen Taoismus, im Islam als Sufismus, im Judentum als Kabbala. Und wenn man die Schilderung mystischer Zustände von den verschiedenen Verfassern liest, so bleibt der Eindruck unausweichlich, dass sie in ihrer je eigenen Sprache ähnliche spirituelle Erlebnisse schildern, also alle aus derselben inneren Quelle schöpfen, womit die Mystik also auch als das Verbindende zwischen den verschiedenen Religionen angesehen werden kann.

Worin bestehen nun der Wert und die Bedeutung der Mystik in unserer heutigen Zeit? Der katholische Theologe Karl Rahner (1904–1984) schrieb bereits 1966 in einem vielzitierten Satz: „Der Fromme von morgen wird ein ,Mystiker‘ sein, einer, der etwas ,erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Hierin drückt er aus, dass eine Erneuerung des Gottesbildes und damit auch der Religion nötig ist, zu der eine persönliche Erfahrung des eigenen inneren Grundes gehört, wenn der religiöse Glaube auch in Zukunft für den Menschen eine Rolle spielen soll. Und hier ist die Mystik sicherlich ein möglicher Weg, der im Christentum schon immer, wenn auch oft im Verborgenen, seinen Platz hatte, der gerade in letzter Zeit wieder zunehmend ins Bewusstsein kommt und damit unserem religiösen Leben einen neuen spirituellen Impuls geben kann.

 

Literatur

Klaus Mattheß: Einssein mit Gott – Facetten der Mystik. BoD, Norderstedt 2020, 276 Seiten, Euro 12,–.

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