Wieder mitten im Leben

Der Kirchentag in Nürnberg wirkt weiter. Drei Erfahrungsberichte
Evangelischer Kirchentag 2023 in Nürnberg
Foto: zeitzeichen

Starke Vielfalt

Was hat der Kirchentag gebracht? Eine Analyse.

Okay, also rund 70 000 Dauer- und Tagestickets wurden verkauft. Das ist für einen Evangelischen Kirchentag keine dolle Zahl – aber angesichts der gerade verklungenen Pandemie ist das so schlecht auch nicht. Das gilt auch im Vergleich zum nicht zuletzt wegen Covid desaströs wenig besuchten Katholikentag ein Jahr zuvor in Stuttgart. Und: Darauf kommt es ja nicht wirklich an.

Wer die fünf Tage in Nürnberg mitmachen konnte, hatte keineswegs den Eindruck, dass hier eine immer kleiner werdende Schar der letzten Aufrechten versammelt wäre, im Gegenteil: Die Hallen auf dem Messegelände waren in der Regel voll, die Stände gut besucht, die Konzerte und Gottesdienste erst recht. Der Hauptmarkt, Ort des zentralen Eröffnungs- und Abschlussgottesdienstes, musste sogar zweimal kurzzeitig wegen Überfüllung geschlossen werden, und das bei, zumindest am letzten Tag, starker Sonneneinstrahlung. Dass da niemand umgekippt ist, war ein kleines Wunder an sich. Zu erleben war in der fränkischen Metropole, die so gerade die richtige Größe hatte (nicht zu groß, nicht zu klein), ein Glaubensfest, eine Feier gegenseitiger Bestärkung, ein – alles in allem – fast reibungslos funktionierender Ort gesellschaftlicher Diskussion der Zivilgesellschaft, der „Mitte der Gesellschaft“, um es mit dem diesjährigen Kirchentagspräsidenten Thomas de Maizière zu sagen. Das ist vom ehemaligen CDU-Bundesinnen- und Verteidigungsminister der Merkel-Jahre nur ein wenig zugespitzt, aber trifft durchaus den Kern: Die versammelten Gläubigen evangelischer Konfession repräsentierten in ihrer Buntheit, als Alte und Junge, Progressive und Konservative, Stadt- und Landmenschen, Handwerker und Akademikerinnen und so weiter, durchaus einen guten Schnitt der deutschen Bevölkerung.

Der Kirchentag (und hoffentlich irgendwann auch mal wieder der Katholikentag) ist alle zwei Jahre der zentrale Ort, in dem sich die deutsche Gesellschaft mit den drängenden Problemen der Zeit beschäftigt, auf nationaler wie auf weltweiter Ebene. Dafür wird die Zahl der rund 2 000 Veranstaltungen auf dem Kirchentag manchmal als zu groß kritisiert. Aber man könnte locker gegenargumentieren: Die Welt ist nun mal komplex, die Krisen sind vielfältig, da braucht es schon viele Orte und Formate, um sich dem adäquat anzunehmen … und man muss ja auch nicht über alles diskutieren. Beten und singen sind auch nicht unpassende Wege der Annäherung.

Gab es ein zentrales Thema des Kirchentags? Das ist so eine Gretchenfrage, die zuverlässig seit Jahrzehnten zum Abschluss der Kirchentage in Journalistenkreisen kursiert – und wer ein paar von diesen erlebt hat, kann da recht bald nur noch schwer ein Gähnen unterdrücken: Tja, nun, vielleicht schon, aber nicht wirklich. Sicherlich war das Klimathema sehr wichtig. Das Friedensthema aber auch. Und auch die schleichende Erosion der öffentlichen Debattenkultur, ja vielleicht sogar der Demokratie selbst. Die Frage der Vielfalt (siehe etwa die eindrucksvolle Abschlusspredigt von Pastor Quinton Ceasar aus Wiesmoor in Ostfriesland) spielte eine wichtige Rolle – aber das Thema des Kirchentags?

Ähnlich verhält es sich mit der Botschaft des Kirchentags: Natürlich gab es die nicht, wie auch, wenn rund 70 000 Leute zusammenkommen. Und wer glaubt, die hätten nur eine Botschaft, sollte vielleicht mal ein Soziologiebuch aus dem 21. Jahrhundert in die Hand nehmen oder lebt gedanklich eher in den Fünfziger Jahre. (Und dass auf den Kirchentagen Anfang der Achtziger Jahre in Westdeutschland angeblich alle für den Frieden waren, dürfte auch einer geschichtlichen Legende nahekommen).

Beispiel Waffenlieferungen an die Ukraine: Ja, der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte nach dem Eröffnungsgottesdienst schön provokativ, es sein nun „Zeit für Waffen“ für die Ukraine, das Kirchentagsmotto „Jetzt ist die Zeit” aufnehmend. Aber schon auf dem Hauptmarkt bekam er dafür Pfiffe zu hören. Und diese präsidiale Position war auf allen Veranstaltungen zum Thema „Krieg und Frieden“ keineswegs Konsens. Höchstens eine gewisse Tendenz lässt sich auf dem Kirchentag, gemessen an einem internen Applausometer, hier ausmachen: Mehrheitlich schienen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Steinmeierschen Formel nicht abgeneigt zu sein. Aber eine Überschrift wie „Mehrheit des Kirchentags für Waffenlieferungen“ wäre gleichwohl durch nichts gedeckt.

Ach, es ist nicht einfach mit diesen Kirchentagen! Sie zeigen eben die ganze Vielfalt des hiesigen Protestantismus, und die ist angesichts von immer noch rund 19 Millionen Mitgliedern weiterhin groß, natürlich und gottseidank, wie zu ergänzen wäre! Mit aller Vorsicht kann man höchstens sagen: Auch der Nürnberger Kirchentag war mal wieder ein Ort, wo Demokratie und eine faire Debatte nicht nur eingeübt, sondern auch erfahrbar waren. Warum? Weil die versammelten Menschen trotz aller Unterschiede eben doch eines verbindet: der Glaube an den einen Gott und den Menschensohn Jesus von Nazareth, was immer das dann individuell für jeden Einzelnen tief im Herzen bedeutet.

Diese spirituelle Grundlage auch des Großevents in Nürnberg ist die hintergründige Stärke der Kirchentage. Denn sie ermöglicht trotz aller Differenzen eine grundsätzliche Einheit oder zumindest Offenheit in Vielfalt. Und dass die spirituell-religiöse Farbe des Kirchentags in Nürnberg etwas kräftiger war als bei vielen Kirchentagen zuvor, wie manche beobachtet haben oder gespürt haben wollen, das ist in dieser Logik eine ziemlich gute Nachricht.

Philipp Gessler

 

Applaus für die „Letzte Generation“

Die Kirche und die „Letzte Generation“ ist spätestens seit dem Auftritt ihrer Sprecherin Aimée van Baalen vor der EKD-Synode im November ein viel diskutiertes Thema. Auch auf dem Kirchentag war die Protestbewegung vertreten und stieß auf viel Sympathie bei den Besuchern. Was sagt das für die Zukunft?
Klimaschutz war zwar auch auf den vergangenen Kirchentagen immer wieder Thema, aber da gab es die „Letzte Generation“ noch nicht. Doch diesmal waren sie da, zum Beispiel Aimée van Baalen und Carla Hinrichs, die beiden prominentesten Gesichter der „Letzten Generation“. Letztere stritt sich in einer vollbesetzten Messehalle unter anderem mit Klimaminister Robert Habeck und dem ehemaligen Siemens-Chef Joe Kaeser auch über die Sinnhaftigkeit der „Klebeaktionen“: „Das ist eine sinnvolle Methode. Wenn wir betrachten, was in der Geschichte den Wandel herbeigeführt hat, waren es Unterbrechungen“, sagte Hinrichs in einem Interview am Rande der Veranstaltung, auf der sie insgesamt viel Applaus erhielt.

Aimée van Baalen, die auf der jüngsten Tagung der EKD-Synode im November um Unterstützung durch die Kirche gebeten hatte, gestaltete ein politisches Nachtgebet mit und verwies auf Grundgesetz Artikel 20a, in dem es heißt: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere (…)“. „Ich sehe meine Position darin, die Bundesregierung daran zu erinnern, dass wir diese Grundgesetze haben und dass wir auch nicht wieder weggehen werden, bis diese eingehalten werden.“ Ein Plädoyer für den zivilen Ungehorsam, das ebenfalls viel Beifall erhielt. Kritischer zeigte sich einer, der selber Castor-Transporte blockiert hat. Aber für Sven Giegold, früherer Aktivist und Mitgründer von Attac, heute Staatssekretär im Wirtschafts- und Klimaministerium, sei der zivile Ungehorsam bei den Castor-Transporten immer auch ein Appell an die Bevölkerung gewesen, der letztendlich auch gefruchtet habe. „Ohne zivilen Ungehorsam hätte es den Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland nicht gegeben“, ist sich Giegold sicher und streichelt damit die Seelen der vielen Veteranen im Publikum.

Doch die Proteste der „Letzen Generation“ sorgten für großen Ärger in der Bevölkerung, die mittlerweile zunehmend abwehrend auf das Thema Klimaschutz reagiert. Deshalb fragte Giegold van Baalen: „Könnt Ihr Eure Aktionen nicht so machen, dass sie mehr Sympathien in der Bevölkerung hervorrufen?“ Das würde es der Regierung leichter machen, mehr für den Klimaschutz zu tun. Antwort van Baalen: „Die Proteste richten sich ja an Sie, die Regierung. Die Letzte Generation wäre nicht entstanden, wenn auf Fridays for Future adäquat reagiert worden wäre.“

Und darum ging es auch immer wieder bei diesem Kirchentag, um die Frage, wie man mit der Enttäuschung etwa über das voraussichtliche Verfehlen des 1,5-Grad-Zieles durch die Blockaden vieler Politiker beim Klimaschutz umgehen kann. Für Luisa Neubauer von Fridays for Future liegt die Lösung vor allem im gemeinsamen Handeln, die soziale Klimabewegung sei ihr „Heiliger Gral“. Und am Ende geht es auch um Machtfragen in der Gesellschaft.

Klebeaktion am Hauptbahnhof

Kann Kirche da mitgehen? Sie kann zumindest Räume zur Verfügung stellen für respektvolle Diskussionen, für das Teilen von Enttäuschung und Schmerz und existenziellen Ängsten vor der Zukunft, die die einen zur angemeldeten FFF-Demo und die anderen zu illegalen Klebeaktionen treiben. Und sie kann eine Botschaft der Hoffnung anbieten. Aimée van Baalen berichtete nach der Veranstaltung, dass seit ihrem Auftritt vor der Synode die Unterstützung aus dem kirchlichen Bereich wachse. Gemeinderäume und Kirchen würden für Pressekonferenzen zur Verfügung gestellt, Pfarrer:innen und Gemeindemitglieder engagierten sich auf unterschiedliche Weise bei den Protestaktionen. So eine gab es auch am Rande des Kirchentages vor dem Nürnberger Hauptbahnhof, auch Kirchentagsbesucher seien dabei gewesen, hieß es von der „Letzten Generation“. Die unter anderem von der Umweltbeauftragten des Dekanats geplante Menschenkette hingegen fiel kleiner aus als geplant. Zeigt das eine Tendenz für die Zukunft an? Vor allem zeigt es, dass Protest für mehr Klimaschutz viele Formen annehmen kann und jeder Christenmensch für sich selber beantworten muss, wo er mitmacht oder nicht.

Stephan Kosch

 

Unterwegs zum Kirchentag 2025

Mehr als 4 000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sorgten in Nürnberg dafür, dass der Evangelische Kirchentag zu einem gelungenen Ereignis wurde. Die Verantwortlichen müssen jedoch das kirchliche Großereignis in Zeiten schwindender kirchlicher Bindung zukunftsfähig machen.

Sie tragen meist geflochten, selten offen, das rosafarbene Tuch um den Hals, auf dem steht: Ich helfe. Bei den Abschlussgottesdiensten in Nürnberg am Haupt- und am Kornmarkt sind sie immer noch unermüdlich im Einsatz. Die 4 000 Helferinnen und Helfer, die geduldig vor den Hallen, Kirchen und Gemeindezentren, auf Plätzen und Straßen und in den Quartieren dafür sorgen, dass alle Kirchentagsbesucher ihren Weg finden, sie Hilfe bekommen, wo immer sie nötig ist. Sie tragen bis zum Schluss Wasserflaschen in die Gottesdienstreihen, sorgen dafür, dass niemand die Absperrungen durchbricht, damit alle Gottesdienstbesucherinnen beten, singen und feiern können. „Mega voll ist es hier, aber auch mega friedlich.“ Ein junger Mann mit rosafarbenem Tuch gibt schon, ohne es zu wissen, vor Beginn des Abschlussgottesdienstes am Hauptmarkt in der fränkischen Metropole das Kompliment zurück, das der Kirchentagspräsident Thomas de Maizière gleich in seiner Abschlussansprache als Dank formulieren wird: „Kirchentag ist nur möglich mit Euch, Eurem Wissen, Eurer Leidenschaft.“ Und er hat Recht, es ist beeindruckend, wie zupackend, aufmerksam und begeistert Jung und Alt in Nürnberg hilft. So weit, so gut.

Doch die Präsenz der Helferinnen und Helfer wirft auch die Frage auf, ob überall in Deutschland in Zukunft Menschen für diesen ehrenamtlichen Einsatz begeistert werden können. „Wie gehen wir damit um, wenn die Zahl der Ehrenamtlichen sinkt?“, fragt der Kirchentagspräsident und ehemalige CDU-Bundesminister de Maizière vor der Presse in Nürnberg. Er kündigt in der fränkischen Metropole einen Reformprozess des Evangelischen Kirchentages an: Im Spätherbst soll ein Text verabschiedet werden, der das evangelische Laientreffen zukunftsfest machen soll. Da sind zunächst die äußeren Veränderungen, denn die Kirchentagsordnung stammt aus dem Jahr 1949. „Die Gremienstrukturen passen nicht mehr“, sagt der CDU-Politiker. Deshalb soll mit einer neu zu verabschiedenden Kirchentagsordnung auch in den Gremien aufgeräumt werden, mit deren Größe und Zuordnung.

Die Fragen nach der Zahl der Ehrenamtlichen oder der Gremienstrukturen sind aber nicht die einzigen, die de Maizière in Franken stellt. Auch die Anzahl der Veranstaltungen steht zur Diskussion. Schon in Nürnberg ist diese reduziert worden, auf 2 000 in drei Tagen. Da stelle sich immer noch die Frage nach dem Profil, sagen die Kirchentagsverantwortlichen. Wollen sie profilierter auftreten, indem sie begrenzen? Welche Rolle soll die Ökumene in Zukunft spielen? Schließlich hatte de Maizière während der Nürnberger Tage angemerkt, dass ihn die Abwesenheit eines katholischen Bischofs beim Eröffnungsgottesdienst geschmerzt habe. Auch die Frage, was der Kirchentag den teilnehmenden Städten hinterlassen könne, verlangt nach einer Antwort. Diese Themen begleiten den inneren Reformprozess. Und sie kündigen für den Herbst Veränderungen in der Grundkonzeption des Evangelischen Kirchentages an. Wobei man sich einig ist, so scheint es zumindest, dass die Gremienfragen rasch umgesetzt werden könnten, die Konzeption allerdings langfristiger zu behandeln sei.

Am Anfang die Gremien

Die Probe aufs Exempel macht der Kirchentagspräsident im Gespräch auf dem Roten Sofa der Kirchenpresse nahe der Messehalle 6. „Wer von Ihnen ist das erste Mal bei einem Kirchentag?“, fragt er die zahlreich erschienenen Zuschauerinnen und Zuschauer. Vereinzelte Arme gehen in die Höhe, es sind kaum zwanzig Prozent. „Achtzig Prozent der Besucherinnen und Besucher sind alte Hasen“, bestätigt er mit einem Augenzwinkern. Ein Kernproblem der evangelischen Laienbewegung wie auch der institutionalisierten Kirche, die Milieus sind eng. Wie also kann der Kirchentag neue Zielgruppen erreichen? Für das nächste Treffen in Hannover gibt de Maizière denn auch gleich ein Ziel von sechzig zu vierzig Prozent vor. Wie das gelingen soll, verrät er hier in diesen schönen Sonnentagen jedoch nicht. Da gibt es sicher jede Menge Diskussionsbedarf in Präsidium und Präsidialversammlung des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Er weiß auch, dass kirchliche Massenevents wie der Kirchentag nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Kirche viele Menschen in Deutschland nicht mehr erreicht. „Wir sind Event und geistige Tankstelle“, formuliert er den Anspruch der evangelischen Laienbewegung, „und doch müssen wir uns verändern, uns auf den Weg machen.“ Wie das gelingen kann, soll schon der 39. Deutsche Evangelische Kirchentag vom 30. April bis 4. Mai in Hannover zeigen. Bleibt zu hoffen, dass ihn beherzte Helferinnen und Helfer in großer Zahl tragen werden. 

Kathrin Jütte

 

Mehr zum Nürnberger Kirchentag lesen Sie unter: www.zeitzeichen.net/node/10519.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.

Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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