Einfach machen

A Feminist Music History

Die Via negationis ist die Annäherung an Gott mit Sätzen darüber, was er (oder sie?) alles nicht ist. Von Nutzen ist sie indes auch in minderschweren Fällen wie dem dieser Compilation mit Musik von Frauen seit 1975 mit dem Titel „Revenge“. Denn Rache ist doch arg dick aufgetragen und buhlt eher um Aufmerksamkeit, zudem sind hier nicht nur All-female-Acts zu hören. Und auch Iro-Assoziationen von Sicherheitsnadel, Lederjacke und zerrissenen Nylons laufen aufs Schönste ins Leere, was zugleich für die Erwartung von Krach-Stümpern gilt „as only a frenetic full-frontal sonic attack“, wie Vivien Goldman das nennt, die das Doppelalbum zusammenstellte. Um Punk geht es zwar schon, bloß fasst sie ihn von seinem Spirit, jenem Do-it-yourself-Ansatz des „Einfach machen!“, her. Der war es schließlich, der Frauen im männerdominierten Business eine Bühne gab. Ein inklusorisches Genre also. Darauf geblickt hat die Londonerin stets von innen, als Redakteurin des Sounds-Magazins wie als Sängerin der Post-Punk-Band The Flying Lizards, später solo sowie als nun in New York ansässige Dozentin. In ihrem Buch „Die Rache der She-Punks. Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot“ (2021 im Ventil-Verlag, übersetzt und mit Nachwort von dem Genderforscher Vojin Saša Vukadinovic) lokalisiert sie dessen Empowerment-Impulse weit darüber hinaus.

Die Compilation ist eine Art Soundtrack dazu, den die Dance-Hall-Deejay Tanya Stephens mit „Welcome to the Rebelution“ (2006) eröffnet. Sie springt also nicht nur chronologisch. „(You’re different.) It’s obvious“ von den Au Pairs, Post-Punker aus Birmingham, und „Identity“ von X-Ray Spex folgen. Beides sind Klassiker der Ursprungsszene. Goldman gruppiert die 28 (!) Songs in vier Kategorien (Identity, Money, Love/Unlove, Protest). Maßstab sind nicht die Lyrics, sondern Sound, Energie und Rhythmus – eine gute Wahl, denn die Botschaft zeigt sich eh von selbst. Patti Smith und Blondie/Debbie Harry (mit dem ruppigen „Rip Her To Shreds“ über eine, die Klatsch- und Modeheften folgt) sind ebenso dabei wie die grandios unerreichte Grace Jones, auf die Kante rockender Punk von The Bags, Sleater-Kinney, die Raincoats sowie die herrlich kaputte Skinny Girl Diet aus London von 2016. Die emblematischen Slits sind mit Reggae vertreten, Rhoda with the Special AKA liefert feinsten Rocksteady, die einflussreichen Berliner Malaria! um Gudrun Gut und Bettina Köster bieten mit „Geld“ insistierenden Diskurs-Wave. Neneh Cherry schließt den großartigen She-Punks-Reigen. Rache? Geschenkt. Musik, die nötig war und bleibt! Kyrill, Franziskus, AfD und Gesinnungskonsorten wird die Compilation nicht gefallen. Egal. Wir andern brettern diese Via negationis bereichert und immens angeregt hinunter. Das ist Schwung, der auch Y-Chromosome begeistert.

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