Bitte keine Leitkultur...

...doch wie halten wir es mit der Integration?

Da war sie wieder, die Debatte um eine deutsche Leitkultur. Und dann geschah das, was immer geschieht, seitdem der Politikwissenschaftler Bassam Tibi, ein aus Syrien stammender Muslim, den Begriff „europäische Leitkultur“ 1998 in den öffentlichen Diskurs einbrachte. Die einen weisen schnappatmend darauf hin, dass deutsches Wesen die Welt schon einmal in den Abgrund stürzte, während die anderen gerne ein paar Pfeiler deutsche Tugenden gegen den schlaffen Multikulturalismus einrammen wollen. Am Ende blieben gestanzte Wirklichkeiten auf beiden Seiten.

Wird es diesmal anders sein? Dagegen spricht, dass Thomas de Maizière in seinem Zehn-Punkte-Katalog in der Bild am Sonntag (BamS) erneut und bewusst den belasteten Begriff „Leitkultur“ gewählt hat. So zeichnet er wieder das unterkomplexe Bild von Integration, die vermeintlich nur dann gelingen kann, wenn die, die kommen, sich der Leitung und Führung derjenigen unterordnen, die schon da sind. Leistung bringen, Hände schütteln, deutsche Feste feiern und auf keinen Fall Burka tragen sind dabei die Prüfsteine. Das bedient die Vorurteile derer, die mit der AfD liebäugeln - hat aber mit einer Beschreibung der Zustände in diesem Land wenig zu tun. Denn wie oft ist es Ihnen schon passiert, dass Sie einer vollverschleierten Frau zu Weihnachten die Hand schütteln wollten und es nicht durften?

Doch Kultur ist ja nichts Statisches, sie unterlag immer und in den vergangenen Jahrzehnten besonders einem Wandel. Selten war dieses Land so reich an unterschiedlichen Lebensstilen wie heute. Umso wichtiger ist die Frage, was die verbindenden Werte sind, damit eine ausdifferenzierte nicht zur gespaltenen Gesellschaft wird. Dabei sind binäre Codes wie Einwanderer/Einheimische oder gar Christen/Muslime nicht zielführend. Die Christen werden in nicht allzu ferner Zukunft zur Minderheit, der Islam gehört bereits zu Deutschland, Menschen ohne Religion stellen bald die Mehrheit. Auch Blut-und-Boden-Kriterien bringen nichts. Denn was die hier geborenen Kinder und Kindeskinder der vor Jahrzehnten eingewanderten Migranten mehr oder weniger zu Deutschen macht als zum Beispiel diejenigen, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert kamen, muss erst noch definiert werden. Sprachfähigkeit? Bildung? Zivilgesellschaftliches Engagement? In diesen Punkten dürfte so manche Kopftuchträgerin aus Kreuzberg einem grölenden Pegida-Demonstranten Einiges voraus haben.

Wir brauchen also keine Debatte über Leitkultur, wohl aber eine über Integrationskultur, die von allen hier lebenden und denen die kommen etwas abverlangt. Spannender und konstruktiver als die Ministerthesen in der BamS sind daher die kürzlich veröffentlichten 15 Thesen „Zusammenhalt in Vielfalt“ der „Initiative kulturelle Integration“, einem Zusammenschluss von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Institutionen, darunter auch die Evangelische Kirche in Deutschland. Die Gruppe geht zwar auch wie de Maizière auf die Bedeutung der Sprache, der Religionen und den Wert von Arbeit und Kultur ein. Doch wichtig ist: Der Grundton ist nicht spaltend und belehrend, sondern er ermutigt, das Gemeinsame zu suchen und zu leben. Und nur so kann Integration gelingen.

Stephan Kosch

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