Faszinierend

Der Maler Felix Nussbaum
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Mark Schaevers formt eine Erzählung, die Felix Nussbaum faszinierend gegenwärtig macht.

Die Heimat, die ihn nicht will, holt Felix Nussbaum 1940 wieder ein. Deutsche Truppen überfallen Belgien. Das prekäre Exil wird für den Fabrikantensohn aus Osnabrück nun noch gefährdeter. Er wird in ein Lager nach Frankreich deportiert, flieht, kehrt nach Brüssel zurück. Ihm und seiner Frau gelingt es unterzutauchen. Sie leben versteckt, bis man sie denunziert und 1944 mit dem letzten Transport aus Belgien nach Auschwitz verschleppt, wo sie im Gas ermordet werden.

Überlebt haben seine Bilder, doch es dauerte, bis sich ihre Spuren wieder fanden. Rund 400 Zeichnungen und Gemälde insgesamt, von denen inzwischen 130 im von Daniel Libeskind entworfenen Nussbaum-Museum in Osnabrück zu sehen sind. In seinem großartigen Buch über den Maler, für das er jahrelang aufwändig recherchierte, erzählt der belgische Journalist Mark Schaevers auch diese Geschichte. Das erste Bild, das er selbst von Nussbaum wahrnahm, war zugleich wohl dessen bekanntestes: das „Selbstbildnis mit Judenpass“.

Es zeigt den schmächtigen kleinen Mann als Gehetzten mit Hut und Mantel, den Kragen hochgeschlagen. Schlecht rasiert, in die Enge getrieben, vor hohen Mauern mit Judenstern unterm Kragen. Den Pass hält er in der Hand, als wäre der fremd und giftig. Doch benannt ist die Biographie nach dem, ebenfalls 1943 beendeten, „Orgelmann“. Auf eine Drehorgel gestützt schaut er aus einer gespenstischen Gasse heraus den Betrachter und die Betrachterin an. Vom Schrecken gezeichnet, aber seltsam gefasst. Zerstörung und Gerippe beherrschen die Szenerie. Die Orgelpfeifen sind perforierte Menschenknochen.

Nussbaum-Bilder erzählen. Fantastik spielt in vielen eine große Rolle. Er ist darin ein Maler des magischen Realismus, ein Hellsichtiger, der oft Finsteres zu sehen bekam. Niederdrückend ist das erstaunlicherweise nie, vielmehr wirkt es gültig, mitunter sogar heiter. Ocker ist ein zentrales Merkmal seiner Farbpalette. Er war in Berlin unter den Nachexpressionisten ein Star.

Als Stipendiat bezieht er 1932 in der Villa Massimo in Rom ein Atelier, zeitgleich mit Arno Breker, der schon bald zum „Dekorateur der Barbarei“ (Klaus Staeck) avancieren und sich selbst bis ins hohe Alter stets „unpolitisch“ nennen würde. Während Felix Nussbaum und die anderen Internierten 1940 in Frankreich im Lager von Krankheiten zermürbt in große Tonnen schissen, was Nussbaum später auch malte, spazierte Arno Breker mit Adolf Hitler durch das eroberte Paris.

Mark Schaevers schildert denkwürdig, wie sich ihre Wege kreuzten, in welche Richtungen sie weiterführten und - eine besondere Stärke seines Buchs - setzt sie zueinander in Beziehung. Das ist so erschütternd wie erhellend. Das gilt noch mehr für den verfolgten, schwer gefolterten Hans Mayer, alias Jean Améry, mit dessen Schicksal und Schriften er Nussbaums Biographie ebenfalls in einen inszenierten Dialog bringt. Den Raum für dieses Geflecht bietet die Form, denn der Orgelmann ist als Reisebericht angelegt, analog zu Schaevers Recherche: Er besucht die Orte, an denen Felix Nussbaum lebte, an die es die Bilder verschlug, spricht mit Zeitzeugen, Nachkommen, durchforstet Archive der Fremdenpolizei, Briefe, die Listen von Zügen, Zeitungen und Bücher jener Zeit.

Aus dem, was er findet, sieht, hört, versteht, formt er eine Erzählung, die Felix Nussbaum faszinierend gegenwärtig macht. Viele von Nussbaums Bildern kehrten nach Deutschland zurück, er selbst streifte die verräterische Heimat nur noch einmal, auf der Fahrt in den Tod. Für ihn und seine Frau Felka Platek hatte 1932 in Rom das Exil begonnen, in dem er übrigens oft gemein zu ihr war. Auch davon erzählt das Buch. Hagiographie ist es also keineswegs, dafür aber eine engagierte, packende Biographie, die im lebhaften Dialog mit Abbildungen von vielen seiner Bilder Nussbaums Geschichte zugänglich macht und zugleich glänzend in sein Werk einführt.

Udo Feist

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