Orpheus

Über Bob Dylan
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Detering gehen begeistert die Pferde durch. Der Dylan-Fan erträgt es, der Einsteiger fühlt sich angeregt und staunt.

Die Behauptung, unsere Zeit hinke dem Bedeutenden hinterher, weil sie Anlässe wie Jubiläen als Krücken braucht, um Aufmerksamkeit dafür zu entwickeln, ist schon bedenkenswert. Die Stimmen aus der Unterwelt seien hier mal ausgenommen. Das leidenschaftliche, inspirierende Buch über Bob Dylans Alterswerk kam zu seinem 75. Geburtstag heraus, lebt jedoch vom Blick auf die Zeitlosig- und Überzeitlichkeit, von der Konzentration auf die Condition humaine, auf das, was das menschliche Dasein ausmacht, und darauf, wie es der Songpoet aus Minnesota schafft, dazu in seinen Songs derart fesselnde Aussagen zu machen.

Es geht mithin um Dylans Poetologie. Detering fasst sie mit einem Kniff: Er klammert seine Untersuchungen mit dem Album „Time Out Of Mind“ (1997), das das Alterswerk gleichsam eröffnete. Ein Titel, den er „kalkuliert mehrdeutig“ nennt: „Vor unvordenklich langer Zeit oder Zeit außerhalb des Bewusstseins.“ Das ist gewieft, triftig und für „Die Stimmen aus der Unterwelt“ eine Schanze, auf der Detering erst in die Tiefe rast und dann weit springt. Und zwar mit close Readings ausgewählter Songs der Alben von „Love and Theft“ (2001) über den Film „Masked and Anonymous“ (2003) bis zur Sinatra-Cover-Platte „Shadows in the Night“ (2015).

Der vergleichende Literaturwissenschaftler und profunde Dylan-Kenner zeichnet nach, wie und welche Musik- und Textzitate darin verwoben sind und so unserer flachen Konsumwelt in einer Form, die Detering als Mysterienspiele identifiziert, Grundbefindlichkeiten wie Angst, Hoffnung, Verlorenheit, Einsamkeit, Liebe und Todesfurcht gültig entgegenhalten. Ein furioser, beeindruckend materialreicher Ritt auf glänzend formulierter Klinge, der indes mitunter am Begriff des Werkes schrappt. Denn was das sei, woher es kommt, woran wir Kohärenz, Masterplan, vielleicht auch Genius festmachen, ist ja schwer zu fassen. Detering entscheidet sich für Dylans Person als Fokus und stellt darum auch die Sinatra-Coverversionen in diese Reihe.

Manch andrer Dylan-Fan steigt da mosernd aus: Da habe der Meister nun mal gerade Spaß dran und dürfe es auch. Hinter der Songauswahl jedoch Plan oder gar stimmlich stimmige Konsistenz zu vermuten, sei jedoch Murks. Darüber kann man streiten, spannend ist die Frage nach der Kanonisierung aber doch.

Detering, der auch Theologie studierte, hat dafür das Handwerkszeug, von dem die Darstellung aber vor allem dann profitiert, wenn er biblische Bezüge in den Songs nachzeichnet. In der Sinatra-Frage überzeugt das nicht, ist jedoch egal, schließlich enthält auch die Bibel literarisch stark abfallende Bücher. Die gelangten denn auch mit einer Art Werk-Argumentation in den Kanon, nämlich der, dass quasi Gott sie geschrieben (in Dylans Fall: gesungen) habe.

Detering gehen begeistert die Pferde durch. Der Dylan-Fan erträgt es, der Einsteiger fühlt sich angeregt und staunt. Denn Detering ist ein begeisternder Kenner und findiger Rechercheur, der die Bezüge wie auch deren Verwebung in den Songs zutreffend und einfühlsam darzustellen, zu verknüpfen und zu deuten weiß. Ein furioser Gläubiger, dessen Buch wir große Inspiration verdanken. Doch am Ende kommt es auf die Reihenfolge an: Während es Augustinus noch aus dem Nachbarhaus rufen gehört hatte „nimm und lies!“ , halten wir uns hier an Paulus (Römer 10,10): „Der Glaube kommt aus dem Hören.“

Die Stimmen aus der Unterwelt sind dazu ein wunderbarer, aber eben sekundärer Anlass. Detering sieht das vermutlich selber so. Ungemein bereichernd für die Tiefenwahrnehmung von Dylans jüngsten Werken sind sie aber fraglos.

Udo Feist

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