Auf dem Zehner

Punktum

Es ist Wahlkampf, und die Parteien und ihre Agenturen legen sich mal wieder ganz schön ins Zeug, um ihre Botschaft an den Mann und die Frau zu bringen. Bei der AfD allerdings wohl nur an den Mann, genauer an Männer, die auf Altherrenwitze aus dem Gauland stehen: „Burkas? Wir stehen auf Burgunder!“ oder „Neue Deutsche machen wir selbst!“ Höhöhö!

Dann doch lieber zur SPD, die sich der alten Journalistenweisheit bedient: „Kinder und Tiere gehen immer!“ Zumindest Kinder gucken mehrere von den SPD-Plakaten. Aber warum machen die den Mund auf wie beim Zahnarzt? Soll hier mit Löcher in den Zähnen für die Bürgerversicherung geworben werden? Nein, für eine Familienpolitik, die „laut“ und „fordernd“ ist. Okay, das sind meine Kinder auch sehr oft. Aber was ist eine laute Politik? Und wen fordert sie? Die Familien? Oder Mutti Merkel?

Auch ein Slogan der Grünen irritiert: „Entweder Schluss mit Kohle oder Schluss mit Klima“ steht da vor dem Eisbären, der vor lauter Hitze schon ganz pink angelaufen ist. Schluss mit Klima? Haben wir nur noch Wetter, wenn die Kohlekraftwerke weiter laufen? Oder werden die Grünen dann das Thema Klima aufgeben? Oder war das Plakat einfach zu klein für „Klimaschutz“? Können die sich keine größeren leisten? Müssen die Grünen sparen? Aber dann bräuchten sie doch gerade Kohle…

Noch komplexer wird es bei der Linken. Da hatte offenbar einer eine Idee für einen Slogan und schrieb „Keine Lust auf Weiterso: Die Linke“ Alles klar, soweit. Und dann kam offenbar ein anderer und strich wieder ein paar Worte durch. Die einen wollen es so nicht, die anderen ganz anders, Flügelkämpfe bis ins Plakat hinein…

Höhepunkt für den textverliebten Protestanten ist sicher das FDP-Plakat, auf dem das komplette Wahlprogramm abgedruckt ist. Würde ich gerne lesen, leider bin ich immer in Eile. So ähnlich wie der schicke Spitzenkandidat, für den Ungeduld eine Tugend ist und der uns alle vom Zehn-Meter-Brett springen lassen will. Au weia, da kommen unangenehme Erinnerungen hoch.

Also ab zu Mutti, zur CDU, von deren Plakaten die Kanzlerin mich mal wieder lächelnd beruhigt und mir ein Deutschland verspricht, in dem ich gut und gerne lebe. Ich muss gar nicht springen, nur Merkel wählen. Puh, Glück gehabt. Doch was ist denn das für ein Durcheinander im Hintergrund? Schwarz-Rot-Gold in wilden Zacken und Linien, schlimmer als auf den schlimmsten DFB-Trikots der Neunzigerjahre. Ist da doch was durcheinandergeraten durch Dieselgate, die vielen Flüchtlinge, die Ehe für alle? So ganz geheuer scheint es der CDU selber nicht zu sein, sie verspricht auf einem Plakat ohne Merkel in männlich markanten Worten für „Sicherheit und Ordnung“ zu sorgen. Schluck, das klingt ja fast wie „Law and Order“. Waren das nicht die Republikaner, die sich das einst auf die Fahnen schrieben? Wenn das Mutti wüsste…

Stephan Kosch

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