Richtige Appelle

Kirche in der Transformation
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Die Autorin macht Mut, in Umbrüchen auch Chancen zu entdecken: für jeden Einzelnen, aber auch für Kirche und Diakonie.

Zum Beispiel der Gemeindeladen: Mit ihm reagierte die Gemeinde von Cornelia Coenen-Marx vor vielen Jahren auf Veränderungen in der Kirche und im kommunalen Umfeld. Die Verantwortlichen hatten erkannt: So, wie wir bisher Kirche gelebt haben, funktioniert es nicht länger. Neue Ideen müssen her. Denn das Ziel blieb ja weiterhin: Wir wollen für die Menschen da sein.

Überall in Kirche und Diakonie sehen sich Verantwortliche vor solche Herausforderungen gestellt: Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen dreißig Jahren radikal verändert: Globalisierung, Zuwanderung, Digitalisierung, demographischer Wandel, veränderte Familienformen, gewachsene wirtschaftliche Zwänge sind nur einige Stichworte für diese Entwicklung, die immer wieder Reformen im Denken und Handeln notwendig machen.

Dass in neuen Herausforderungen, die auf den ersten Blick Ängste wecken und Beharrungskräfte aktivieren, auch neue Möglichkeiten stecken, zeigt Cornelia Coenen-Marx in ihrem jüngst in der Edition Ruprecht erschienenen Buch mit dem leider etwas sperrigen Titel „Aufbrüche in Umbrüchen – Christsein und Kirche in der Transformation“. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in Gemeinden, in der Diakonie, in der rheinischen Landeskirche und im Referat Sozial- und Gesellschaftspolitik der EKD zeichnet sie das Bild einer sich verändernden Gesellschaft – aber nicht soziologisch abgehoben, sondern immer den einzelnen Menschen im Blick behaltend. Denn Cornelia Coenen-Marx ist neben (oder trotz) ihrer diversen Funktionärs-Aufgaben auch Seelsorgerin geblieben. Als solche veranstaltet sie mit ihrer Agentur „Seele und Sorge“ heute zum Beispiel Workshops über „Spiritualität, Engagement und Teamgeist als Mehrwert sozialer Unternehmen“ oder „Ritualworkshops“ für leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenpflege.

Coenen-Marx hat richtig erkannt: Die Veränderungen, vor die sich die Menschen heute gestellt sehen, verlaufen oftmals in einem Tempo, das kaum bewältigbar ist. Der dauerhafte Reformstress lastet auf Körpern und Seelen vieler Betroffener. Da tut Hilfe not. Denn zu den rasanten gesellschaftlichen und beruflichen Umbrüchen kommen ja vielfach auch die privaten Herausforderungen:neue Familienformen, das Kümmern um die Kinder, die Sorge um die alten Eltern und, damit einhergehend, die Konfrontation mit existenziellen Grunderfahrungen wie Krankheit und Tod.

Dass das alles nicht zu bewältigen ist, ohne zwischendurch innezuhalten, liegt für die Seelsorgerin auf der Hand. In den Pausen, so schreibt sie zu Recht, liege ein Schlüssel, der die Tür zu neuen Perspektiven öffne. Vor diesem Hintergrund ist auch ihr Plädoyer für den arbeitsfreien Sonntag zu verstehen. Noch sei dieser Tag auch gesellschaftlich vom Alltag geschieden, ein geschützter Tag. „Wir sollten alles tun, damit das so bleibt.“ Ein frommer Wunsch in einer Welt, in der wirtschaftliche Interessen, Gewinnmaximierung, Konsum und Erfolg immer mehr das Leben regieren. Aber deshalb resignieren? Nein. Ihr Appell ist und bleibt richtig.

So liegt die Stärke des Buches von Cornelia Coenen-Marx auch nicht in wirklich neuen Erkenntnissen. Sie zeigt sich vielmehr darin, dass die Autorin mit ihren eigenen Erfahrungen, mit vielen anderen Geschichten von Menschen aus ihrem Umfeld, und nicht zuletzt mit etlichen biblischen Bezügen den Leserinnen und Lesern Mut macht, in Umbrüchen auch Chancen zu entdecken: für jeden Einzelnen, aber auch für Kirche und Diakonie. Dass das nicht heißt, die eigenen christlichen Wurzeln und Traditionen über Bord zu werfen, sondern auf ihrer Grundlage ein Profil für die Menschen von heute zu entwickeln, ist dabei eine Selbstverständlichkeit.

Annemarie Heibrock

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