Die ganze Fülle der Gottheit

Die Dreieinigkeit ergibt sich aus dem biblischen Zeugnis
Foto: Ingrid Beintker
Die Wirklichkeit Gottes ist komplexer als alles andere, aber deswegen braucht niemand vor dem trinitarischen Denken zu kapitulieren.

Gott ist in seiner Zuwendung im Kommen, im Werden, in Bewegung. Er ist konkret. So jedenfalls erfährt es der christliche Glaube. Als der Eine existiert Gott im lebendigen Gegenüber von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Die Trinitätslehre will das verstehen. Herausgefordert wird sie durch das Gotteszeugnis der Bibel. In deren Textwelten kann man zweierlei beobachten: Gott agiert als personales Gegenüber des Menschen. Und seine Zuwendung ist nicht an eine bestimmte Ausdrucksform gebunden, sondern tendiert zur Pluriformität. Im Alten Testament ist das angelegt, im Neuen Testament ist es unübersehbar. Mit dem Auftreten Jesu von Nazareth und seinem besonderen messianischen Anspruch wird deutlich: Was Jesus sagt und tut, versteht man nur, wenn man ihn in der dichtesten Nähe zu Gott sieht und als seinen Sohn erkennt.

Was folgt daraus für Jesu Verhältnis zu Gott und umgekehrt für das Verhältnis des göttlichen Vaters zu diesem Sohn? „Ich und der Vater sind eins“, sagt der johanneische Jesus von sich (Johannes 10,30; vergleiche 17,10.21). „Wer mich sieht, der sieht den Vater! (…) und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke. Glaubt mir, dass ich im Vater bin und der Vater in mir“ (Johannes 14,9f). Inniger kann man das wechselseitige Ineinander von Vater und Sohn nicht formulieren. In Christus wohnt leibhaftig „die ganze Fülle der Gottheit“, lesen wir im Brief an die Kolosser (2,9), und in einem alten, vorpaulinischen Christuslied ist davon die Rede, dass Christus in der „Gestalt Gottes“ existierte, bevor er Mensch wurde (Philipper 2,6). Beim Gebrauch des Titels kyrios/Herr für Jesus Christus mussten die Christen der ersten Generation immer auch an Gott denken, denn kyrios/Herr ist eine Gottesanrede, die ihnen aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments vertraut war.

Der Gedanke der Gottgleichheit Jesu von Nazareth ist also nicht nachträglich an das Neue Testament herangetragen worden, sondern taucht ganz früh auf – in jedem Fall schon vor den Evangelien und sogar vor den Briefen des Paulus, die zu den ältesten Texten des Neuen Testaments gehören. Der Anstoß zum trinitarischen Denken kommt direkt von hier. Das verdeutlichen auch die sogenannten triadischen Formeln wie der bekannte Schlussgruß des Paulus: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2 Korinther 13,13). Eine solche „Triade“ begegnet auch im Taufbefehl Jesu: „Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ (Matthäus 28,19).

Die christliche Trinitätslehre kann als Hermeneutik und Interpretation des gesamtbiblischen Gottes-, Christus- und Geistzeugnisses charakterisiert werden. Sie stellt den Versuch dar, mit den (begrenzten) Mitteln unseres Denkens einerseits die unverkürzte Einheit der Wirklichkeit Gottes zum Ausdruck zu bringen und andererseits die Differenziertheit seiner jeweiligen Zuwendung zum Menschen auszusagen.

Nur in Annäherungen

Die Geschichte der Trinitätslehre zeigt, dass dies nur in Annäherungen möglich ist. Denn die Wirklichkeit Gottes ist komplexer als alles, was wir jemals über die Wirklichkeit unseres Universums und aller für möglich gehaltenen Paralleluniversen in Erfahrung bringen werden. Aber deshalb braucht niemand vor dem trinitarischen Denken zu kapitulieren.

Im Gegenteil – das trinitarische Denken macht die Gotteserkenntnis tiefer und reicher. Tiefer wird sie, weil wir uns darauf verlassen können, dass Gott erkennbar ist und dass er uns nirgendwo authentischer begegnet als in der Menschwerdung des ewigen Sohnes und im Leiden am Kreuz. Und die Gotteserkenntnis wird reicher, weil sich nur auf dem Weg über die Trinität der Gedanke erschließt, dass Gott die Liebe ist.

In dem Satz „Gott ist die Liebe“ (1 Johannes 4,8.16) haben Christen zu allen Zeiten die ausdrucksstärkste Zusammenfassung ihres Verständnisses von Gott gesehen. Aurelius Augustinus, der große Kirchenvater des lateinischen Westens, hat sich das Wesen der Trinität am Daseinsvollzug der Liebe verdeutlicht. Wenn Liebe gelingen soll, ist dreierlei erforderlich: erstens ein Liebendes, zweitens ein Geliebtes und drittens die Liebe (amor), in der beide verbunden sind. Das liebende Ich und das geliebte Du reichen nicht aus, es muss die Liebe beachtet werden, in der Ich und Du verbunden und getragen werden und ein Wir bilden. Diese Zuordnung von Ich, Du und Wir in der Liebe nahm Augustinus in der Antike als Gleichnis für Gottes Trinität: der liebende Vater, der geliebte Sohn und der sie in ihrer Liebe verbindende Geist. Im Wir des Geistes schließen sich das Ich des Vaters und das Du des Sohnes zu innigster Gemeinschaft und dichtester Kommunikation zusammen.

Indem sie sich nun aber nach außen wenden, entsteht die Wirklichkeit und springt ihre Liebe auf alles Geschaffene über. In ihrer Liebe verwirklicht sich die höchste Kreativität, zu der Liebe jemals fähig ist. Das geschieht, indem Gott der Vater und Schöpfer das Universum aus dem Nichts ins Dasein ruft und dessen Entwicklung wunderbar gestaltet. In ihrer Liebe verkörpert sich die tiefste Selbsthingabe, zu der Liebe jemals fähig ist. Das vollzieht sich, indem Gott der Sohn Mensch wird und in Jesus Christus den Tod der äußersten Gottverlassenheit stirbt, um für uns und unser Leben einzutreten und uns vom sonst unausweichlichen ewigen Lebensverlust zu befreien. Und in ihrer Liebe offenbaren und manifestieren sich die dichteste Präsenz und die innigste Kommunikation. Das kommt in die menschliche Erfahrung, wenn Gott der Heilige Geist den Menschen berührt, seinen Glauben weckt und ihm Herz und Sinne für die Schönheit seiner Liebe öffnet.

Kreativität, Hingabe, Präsenz: Ohne sie verkümmert jede Liebe. Im Geheimnis der Trinität steckt der Schlüssel aller gelingenden Liebesgeschichten – der Algorithmus der schöpferischsten Energie, zu der Menschen überhaupt fähig sind. „Die Liebe hört niemals auf“, sagt Paulus (1 Korinther 13,8). Er konnte das sagen, weil er davon ausging, dass der dreieinige Gott niemals aufhören wird, als Liebe zu leben.

Michael Beintker

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Michael Beintker

Dr. Michael Beintker ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Münster.


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