Wie am 4. oder 14. Juli

Ein ökumenisches Reformationsfest ist möglich
Amerikaner und Franzosen feiern, dass sie in einer Demokratie leben (dürfen). Ähnlich sollten es die Kirchen mit dem 31. Oktober halten.

Eine wichtige Voraussetzung für die Fünfhundertjahrfeier der Reformation hat schon der Staat geschaffen. Im Jahr 2017 wird der 31. Oktober in Deutschland ein arbeitsfreier Feiertag sein. Aber in den Kirchen herrscht noch Unklarheit darüber, wie er begangen werden soll. Römisch-katholische Bischöfe wenden ein, man könne nicht Kirchenspaltung und Konfessionskriege feiern, die die Reformation ausgelöst habe. Und evangelische Bischöfe versuchen den Streit mit dem Vorschlag zu entschärfen, ein "Christusfest" zu feiern. Aber ein Christusfest ist auch Fronleichnam.

Protestantische und katholische Kirchenleute sollten wie Papst Johannes XXIII. "die Fenster der Kirche weit aufmachen" und hinaus in die weite Welt schauen. Am 4. Juli feiern die Amerikaner die Unabhängigkeitserklärung von 1776. Dabei hat die Abspaltung der USA von Großbritannien zu einem acht Jahre dauernden Krieg geführt. Am 14. Juli feiern die Franzosen den Sturm auf die Bastille 1789. Doch mit ihr begann eine Revolution, in deren Verlauf unzählige Menschen getötet wurden.

Amerikaner und Franzosen bejubeln aber nicht einfach Ereignisse der Vergangenheit, sondern vor allem die Wirkungsgeschichte ihrer Revolutionen. Sie feiern, dass sie in einer Demokratie leben (dürfen), auch wenn diese Mängel aufweist. Ähnlich sollten es die Kirchen mit dem 31. Oktober halten. Protestantische Theologen setzen sich immer wieder mit den fremden und dunklen Seiten Martin Luthers auseinander und mit Fehlentwicklungen in ihren Kirchen. Aber beim Reformationsjubiläum dürfen ruhig die positiven Seiten hervorgehoben werden. Spaltungen haben die Kirchen auch bereichert: Römische Katholiken des deutsch- und englischsprachigen Raumes singen evangelische Choräle. Das Zweite Vatikanische Konzil verwirklichte, was Luther schon vierhundert Jahre vorher gefordert hatte: dass der Gottesdienst in der Muttersprache gefeiert wird, der Pfarrer beim Abendmahl der Gemeinde zugewandt ist und auch Laien aus dem Kelch trinken dürfen.

Die Reformation hat Mentalitäten, Politik und Wirtschaft beeinflusst. Es ist kein Zufall, dass gerade in reformiert geprägten Kantonen der Deutschschweiz römisch-katholische Gemeinden ihre Pfarrer wählen dürfen, ihnen der Bischof also keinen Geistlichen aufzwingen kann. Und dass evangelisch geprägte Länder in der EU gut dastehen, dürfte auch mit einem protestantischen Arbeitsethos zu tun haben, oder?

Die Menschenrechte wurden dadurch befördert, dass sich in England Freikirchen von der Staatskirche abspalteten. Dort und anderswo haben sie Großkirchen und Gesellschaft positiv beeinflusst und verändert. Methodisten spielten für die englische Arbeiterbewegung eine wichtige Rolle. Quäker kämpften in den USA gewaltlos für die Befreiung der Sklaven. Sie bezeugen, dass in jedem Menschen ein göttlicher Funken glimmt und engagieren sich stark für Frieden und Versöhnung, wie gerade die Deutschen nach den beiden Weltkriegen erfahren haben. Die Baptisten erinnern daran, dass schon jede Ortsgemeinde Kirche ist.

Am 31. Oktober 2017 sollte man die Vielfalt feiern, die die Reformation der einen Heiligen Katholischen Kirche beschert hat, die sich ja nicht auf die römisch-katholische Kirche beschränkt. So können von dem Fest Impuls für die versöhnte Vielfalt der christlichen Konfessionen ausgehen.

Jürgen Wandel

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