Gerechtigkeit gefragt

((Unterzeile))
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Für die entwicklungspolitische Positionierung der Kirchen heute ist es wichtig, noch stärker gemeinsam für das Interesse der Armen und für Gerechtigkeit einzutreten.

"Wo Ungerechtigkeit herrscht, verlieren letztlich alle". So heißt es in der Stellungnahme der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD, die diese zur Sondervollversammlung der UNO im September 2005 erarbeitet hat. Wer die Globalisierung und ihre mittel- und langfristigen Folgen genauer besieht, kommt an dieser Einsicht nicht vorbei. Die Umsetzung der Millenniumsziele, zu denen sich Staats- und Regierungschefs im Jahre 2000 verpflichtet haben, liegt somit letztlich im Interesse aller. Bis 2015 gilt es, acht große Ziele zu erreichen. Die Zwischenbilanzen zeigen, dass noch massive Anstrengungen nötig sind. Die Kirchen in Deutschland leisten einen nicht geringen Beitrag zur Entwicklungshilfe. Neben den Hilfsmaßnahmen selbst tragen sie jedoch mit ihrer Stimme zur Diskussion über eine angemessene Ausrichtung der Entwicklungsprogramme bei. Armutsbekämpfung muss an den Interessen der Armen ausgerichtet sein - das bringt die Stellungnahme der Kammer für nachhaltige Entwicklung klar zur Geltung. Nur wenn es wirklich um das Interesse der Armen gehe, könne eine vorausschauende Interessenpolitik gelingen. Eine Entwicklungspolitik, die mehr oder minder versteckt sicherheitspolitische und marktpolitische Interessen an die oberste Stelle setzt, läuft hingegen Gefahr, den Armen am Ende nicht wirklich oder nicht nachhaltig zu helfen.

Orientierung aus dem Evangelium

Eine den Interessen der Armen gerecht werdende Entwicklungspolitik zu gestalten und durchzuhalten, ist schwierig. Sie verlangt nicht nur die sorgfältige Analyse der Bedürfnisse und der möglichen Folgen einzelner Maßnahmen. Sie erfordert vor allem die Bereitschaft, eigene Interessen und Vorteile konsequent zurückzustellen.

Die christlichen Kirchen empfangen die Motivation und Orientierung für ihre Entwicklungsarbeit aus dem Evangelium. Gottes bedingungslose Zuwendung zu allen Menschen ist Grund genug, anderen zu helfen, ohne Bedingungen zu stellen oder Vorleistungen zu erwarten. Mehr noch: im Hören auf das Evangelium werden Versuche überflüssig, im Helfen sich selbst zu beweisen. Welche Interessen wie wahrgenommen werden können und sollen, steht damit noch keineswegs fest. Die Orientierung am Evangelium enthebt in keiner Weise von einer sorgfältigen Abwägung von Interessen und der Sondierung sachgerechter und nachhaltiger Maßnahmen. Aber das Interesse Gottes am Menschen, von dem das Evangelium kündet, rückt menschliche Interessen in ein neues Licht. So wird die Sensibilität dafür geschärft, wo es im Grunde nicht oder nur mittelbar um die Interessen des Anderen geht.

Die Entwicklungsarbeit der Kirchen ist nicht erhaben über Interessenkonflikte. Nicht in Vergessenheit geraten sollte die Konkurrenz bei den Missionen im 19. Jahrhundert. Mit dem Evangelium und der praktischen Hilfe wurde auch die Spaltung der Kirchen in Gebiete gebracht, die das Christentum bis dahin nicht gekannt hatten. Das war auf Dauer unerträglich und rief schließlich die ökumenische Bewegung auf den Plan. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde evangelisch-katholisches Engagement in der Aktion "Miteinander Teilen" möglich, die die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der EKD gründeten. Für die entwicklungspolitische Positionierung der Kirchen heute ist es wichtig, noch stärker gemeinsam für das Interesse der Armen und für Gerechtigkeit einzutreten. Denn wo Ungerechtigkeit herrscht, ist Zusammenhalt im Eintreten für mehr Gerechtigkeit gefragt.

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Friederike Nüssel

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Friederike Nüssel

Friederike Nüssel ist Professorin für Systematische Theologie in Heidelberg und Herausgeberin von zeitzeichen.


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