Zeiten der Aufklärung

Ein Punktum
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Anpirschen mit Google, fixieren mit Wikipedia, vertiefen mit diversen Links - das reicht nicht mehr. Heutzutage muss es schon Facebook sein, das soziale Netzwerk im Internet. Generation X trifft Web 2.0. Ein Selbstversuch.

Von der Flakhelfer-Generation über die 68er bis zur Generation Golf ging es ja noch fast beschaulich zu. Aber seit dem worldwideweb der Neunzigerjahre kommt keine Generation mehr über die Kinderschuhe hinaus, schon ist vom nächsten Hype die Rede. Als Geborene der Generation X, also zwischen 1960 und 1970 geboren, musste ich schon zur Generation Y mutieren: anpirschen mit Google, fixieren mit Wikipedia, vertiefen mit diversen Links. Das Absichern mit Brockhaus, Bibel, Duden und Quellenangabe ist mir trotz alledem eine Herzensangelegenheit geblieben.

Aber schon wieder gehört meine Web 1.0-Generation zum alten Halbleiter-Eisen, längst hat das Web 2.0 übernommen. Zum Beweis: die aktuelle Krise der Diktaturen und, nicht zuletzt, die Kommunikation mit meinen Neffen, vierzehn und achtzehn Jahre jung. Da sind handge­schrie­bene Briefe und Karten "Post­kutsche" und tele­fonieren gestrig. Nein, Facebook muss es heute sein - das soziale Netzwerk im Internet. Dahin­ter verbirgt sich laut Google eine 50 Milliarden Dollar schwere Mar­ke mit weltweit 650 Millionen Mit­glie­dern. 17 Millionen Deutsche zählen zu den aktivsten Jüngern.

Ein Heer von Gesichtern

Die Neugier überwiegt, Dabeisein ist alles, meine Anmeldung bei Facebook ein Kinderspiel. Vor mir erscheint ein Heer von Gesichtern, sie scheinen nicht viel älter als die Kinder in unserer Familie und meine Patenkinder. Irgendwie sind alle mitein­ander befreundet und befinden sich im lockeren Smalltalk. Der nächste Schritt fordert mein totales Outing. Ich - aus der Generation Anti-Volks­zählung - soll Antwort geben auf: Deine Schulbildung? Deine religiösen Ansichten? Deine politische Einstel­lung? Personen, die Dich inspirieren? Was findest Du gut? Was findest Du böse? Freund hört mit. Ein ausgestreckter Daumen dient mir als Werkzeug. Einem Nero gleich kann ich über Kylie Minogue und Eminem oder Deutsch-Diktat und Diktator entscheiden.

Viele ausgestreckte, erhobene Daumen bringen viele Freunde, verlockend mehr als im wahren Leben. Nach einer Woche mögen mich schon 23. Aber Matthias hat 79. Und Timo kommt auf 227, jedenfalls auf seiner Facebookseite. Meine neue Freundin Bettina schreibt: "Ich will endlich Frühling" und stellt ein Bild mit aufblühenden Schneeglöckchen dazu. Eine gewisse Doris bestätigt: "Da bin ich ganz bei dir. Ich auch! Ich will jetzt keine Handschuhe und klobigen Stiefel mehr tragen. Ab März ist eigentlich ohne Socken angesagt."

Gute Idee. Ohne die Doris näher kennenlernen zu wollen, schalte ich den Rechner aus und gehe an die Sonne.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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