Empfindlichkeiten

Entwicklung der Zivilgesellschaft

In den vergangenen Jahren haben identitätspolitische Positionen in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik an Bedeutung gewonnen, damit jedoch auch intellektuelle Gegenbewegungen und teils Widerspruch ausgelöst. Da die so aufgekommene Debatte von Vertretern aller Lager teils mit erheblicher Härte geführt wird, sind insbesondere solche Beiträge förderlich, die sich nicht in bisweilen stammtischhaften Allgemeinplätzen verlieren, sondern deren Verfasser ihre spezifische Expertise einbringen und aus der Perspektive ihrer akademischen Profession zu einer begründeten Haltung zur Identitätspolitik gelangen.

In diesem Jahr schaltet sich Bernd Ahrbeck aus der Warte der Erziehungswissenschaft und Psychologie in die Diskussion ein. Unter dem – eingestandenermaßen im besten Sinne polemischen Titel – Jahrmarkt der Befindlichkeiten analysiert er die Entwicklung der (westlichen) Zivilgesellschaft zu einer Ansammlung von Opfergemeinschaften. Gewiss: Der Aufbau seines Essays ist vergleichsweise eklektisch, insofern die Phänomene, die er in den einzelnen Kapiteln behandelt, eher lose nebeneinanderstehen – sie reichen von schulischer Inklusion über Transgender bis zum postkolonialen Diskurs. Zusammengehalten werden sie jedoch durch die kritische Auseinandersetzung mit der Leugnung gegebener Differenzen zwischen einzelnen Menschen beziehungsweise Personengruppen und mit der dominanten Idee einer bedingungslosen „Selbstkonstruktion“ und „Selbstschöpfung“ des einzelnen Individuums. Insbesondere letzter Aspekt lädt dazu ein, Ahrbecks Überlegungen auf theologischer Ebene weiterzudenken. Erkennbar liegen Fragen des Bildungssystems im besonderen Interesse Ahrbecks, sodass er sie immer wieder aufgreift. Dabei prolongiert der Autor seine Kritik an heutigen gängigen Inklusionskonzepten – und begründet seine Verteidigung des Leistungsprinzips gerade vom Gerechtigkeitsgedanken her: „Wer sich unter erschwerten Lebensbedingungen auf den Bildungsweg macht, verfügt mit den erbrachten Leistungen über ein einzigartiges Emanzipationsinstrument.“ Daher wende es sich insbesondere „gegen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, jene aus ‚bildungsarmen‘ Elternhäusern“, wenn „das Leistungsniveau so lange gesenkt wird, bis niemand mehr hinter den gestellten Anforderungen zurückfällt“.

Durchgehend ist Ahrbecks Argumentation geprägt von der Spannung zwischen einem klaren Bekenntnis zu Antidiskriminierungsbestrebungen, die in der Vergangenheit bei „klar benennbare[n], teils auch juristisch fixierte[n] Benachteiligungen und Diskriminierungen“ ansetzen, und einer klaren Kritik, an heute beherrschenden „gesteigerte[n] Empfindlichkeiten […], die jede Gegenwehr im Keim ersticken sollen“ und einem Schwarz-Weiß-Denken anhängen. So kann er sich auf der einen Seite aus voller Überzeugung dazu bekennen, dass Geschlechtsumwandlungen für viele Menschen „einen unerträglichen Zustand beenden und eine große Befreiung bedeuten“. Auf der anderen Seite kann er sich mit der gleichen Entschiedenheit gegen eine Idealisierung von Transitionen als aus ideologischen Gründen verteidigtes Allheilmittel der Selbstverwirklichung wenden, das möglichst bereits 14-jährigen Jugendlichen ohne elterliche Zustimmung zustehen möge: „Was medizinisch in immer besseren Ausformungen gelingt, ist eine Annäherung, die dem Ideal, dem anderen Geschlecht anzugehören, niemals entspricht.“ Dies lasse sich „nicht durch Selbstkonstruktionen und innere Gewissheiten aus der Welt schaffen. Es gibt kein unkörperliches Selbst. Für den Umgang mit jungen Menschen, die Transitionswünsche haben, ist diese Einsicht von großer Bedeutung“ – und, so lässt sich anschließen, auch hier wäre ein theologisches Weiter-Denken gewiss fruchtbar.

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