Historiografisch problematisch

Eine Kritik der Studie von Helge-Fabien Hertz zur NS-Vergangenheit von Pfarrern in Schleswig-Holstein
Nationalsynode der „Deutschen Christen“ am 2. September 1933 in Wittenberg.
Foto: akg
Nationalsynode der „Deutschen Christen“ am 2. September 1933 in Wittenberg.

Ein kritischer Blick auf die enge Verflechtung von Nationalsozialismus und Protestantismus ist nötig. Was aber Helge-Fabien Hertz zur NS-Vergangenheit von Pfarrern in Schleswig-Holstein in der Juniausgabe von "zeitzeichen" vorgelegt hat, sei quellenmäßig nicht  ausreichend begründet, methodisch fraglich und unnötig moralisierend, meint der Kirchenhistoriker Andreas Müller von der Universität Kiel.

Die Aufarbeitung der Zeitgeschichte der Institution Kirche wird gegenwärtig oft betrieben und tut auch unbedingt not. Der Umgang mit Missbrauchsfällen, die Geschichte der latenten Antisemitismen in der Theologie, die Verflechtung der Institution Kirche mit totalitären Regimen wie dem Nationalsozialismus und der DDR und selbst das aktuelle Verhalten gegenüber Nationalismen im Osten  Europas müssen his­torisch aufgearbeitet werden.

Dafür gibt es gute und schlechte Beispiele in der zeitgenössischen Historiografie. Zu den eher problematischen ist die neue Studie von Helge-Fabien Hertz zu Pfarrern der Landeskirche Schleswig-Holstein zu zählen. Diese löste dennoch zahlreiche positive Reaktionen aus. Sie wurde nicht nur von Humanisten- und Freidenker-Verbänden und der römisch-katholischen Presse, sondern auch von evangelischen Kirchenvertreter:innen geradezu emphatisch begrüßt. Die Untersuchung von Hertz, die gelegentlich mehr an Recherchen eines Staatsanwalts als eines Historikers erinnert, evozierte in zahlreichen Veranstaltungen Erschütterung und auch Entsetzen über die eigene Vergangenheit und wurde selbst in zeitzeichen bisher unkommentiert vorgestellt.

Nun sind die grundsätzlichen Feststellungen von Hertz durchaus richtig: Der Protestantismus in der Weimarer Republik hat dem Nationalsozialismus kaum etwas entgegenzusetzen vermocht. Dies gilt nicht nur für deutschnational gesinnte Kreise, dies gilt selbst für Liberale wie Martin Rade, die den Nationalsozialismus nicht ernst genug genommen und ihn daher nicht deutlich und scharf genug kritisiert haben.

Der Protestantismus auch in Norddeutschland hat mit dem Nationalsozialismus sicher eher geliebäugelt, als ihn kritisiert – das ist ein Faktum der Geschichte, das man nicht wohlwollend wegdiskutieren kann! Ob man deswegen – mit der Überschrift des zeitzeichen-Artikels – den Protestantismus als „tragende Säule“ der Partei und ihres Unrechtsstaates bezeichnen kann, wäre intensiv zu diskutieren.

Enorme Fleißarbeit

Weitere grundsätzliche Fragen an den historiografischen Wert der voluminösen Studie von Hertz lassen sich unschwer anreihen. Einige Beispiele für die Fragwürdigkeit der Studie, die sich insbesondere durch enorme und zu honorierende Fleißarbeit auszeichnet, seien im Folgenden aufgeführt. Die mit der Studie verbundene Datenbank zu über 700 Pfarrern aus der Zeit des Nationalsozialismus ist von kaum zu überschätzendem Wert. Die deutlichen Schwächen der Arbeit, die auch durch gleich zwei Doktorväter nicht haben vermieden werden können, liegen aber insbesondere in der historischen Auswertung der Quellen, die Hertz als kollektivbiografischen Ansatz bezeichnet.

Ein grundsätzliches Problem besteht in der Auswahl der Quellen. Hertz analysiert nahezu ausschließlich drei große Quellengruppen: Entnazifizierungsunterlagen, Personalakten und die Mitglieder-Kartei der NSDAP, die sich heute im Bundesarchiv zu Berlin befindet – Nachlässe und Gemeindechroniken spielen eine eher marginale Rolle. Die Aussagekraft aller drei Quellengruppen ist in der Geschichtsschreibung stark diskutiert worden. Entnazifizierungsbögen, die im Auftrag der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt worden sind, sollten vor allem einem Zweck dienen: der juristischen Be- oder Entlastung. Mit dem Bewusstsein um einen derartigen Sitz im Leben sind die Unterlagen ausgefüllt worden. Dementsprechend zuverlässig ist auch ihre Aussagekraft. Dies gilt umso mehr für Personalakten im Landeskirchenamt. Wirklich brisante Aussagen sind in Personalakten oft gar nicht zu finden. In vielen landeskirchlichen Archiven sind jene vielmehr in einer anderen Aktengruppe zu finden, die oft mit „Seelsorge“ bezeichnet wird. Predigten und auch Unterrichtsentwürfe in Personalakten sind meist Teil von Prüfungsverfahren. Wie sind nun zum Beispiel Examenspredigten, die bei einem gleichgeschalteten Landeskirchenamt eingereicht worden sind, im Blick auf die wirkliche Haltung der Kandidaten zu beurteilen? Sie machen vor allem deutlich, ob diese bereit waren, ihre berufliche Zukunft im Examensverfahren einer kritischen politischen Äußerung zu opfern. Mangelnde Bereitschaft zum Widerstand oder auch nur zur Kritik kann dann konstatiert werden, dabei muss aber bei der Beurteilung der Sitz im Leben der Akten berücksichtigt werden.

Die Mitgliederkartei der NSDAP ist in ihrem Aussagegehalt von vorneherein kritisch zu befragen. Sicher ist erschreckend zu sehen, dass über 40 Prozent der Pfarrer eingetragene Mitglieder in der Partei waren. Viele Pfarrer, die Mitglieder der Partei werden wollten, sind dies aufgrund der Aufnahmepolitik der Nazis gar nicht geworden, sehr prominente wie Wilhelm Niemöller sogar aus der Partei (vorübergehend) ausgeschlossen worden. Ab dem 19. April 1933 gab es eine Aufnahmesperre für Neumitglieder in der NSDAP, die endgültig erst 1939 wieder aufgehoben wurde. Die Zahl der Parteimitglieder in der Pfarrerschaft hätte möglicherweise bei einer anderen Praxis noch viel höher gelegen. Aber was sagt das über die Haltung zum Staat wirklich aus?

Ausbleibender Hitlergruß

Das größte Problem bei der Untersuchung von Hertz liegt aber darin, dass er wesentliche Unterlagen nicht berücksichtigt hat. Wer behauptet, dass die Pfarrerschaft die tragende Säule des Nationalsozialismus dargestellt habe, muss auch die zeitgenössischen Dokumente in den Blick nehmen, die nicht in kirchlichen Kreisen kursierten. Erst ein Blick in die Akten der Landräte und Regierungspräsidenten, der Polizisten, der Gestapo und des Sicherheitsdienstes, ja selbst des Kirchenministeriums machen deutlich, als wie widerständig oder systemstützend Kirchenvertreter tatsächlich empfunden wurden.

Dies gilt bereits für mangelnde Beflaggung zu nationalsozialistischen Feiertagen oder ausbleibenden Hitlergruß. „Kirchenkampf“ wurde in der Regel nicht von den Kirchenvertretern konstatiert, sondern von der Gegenpartei. Erst nach 1945 nahmen die ersten „Kirchenkampf“-Historiker diesen Begriff dankbar auf und entwickelten ein Narrativ von einem kirchlichen Widerstand gegen den Staat, das sicher fragwürdig ist. Wilhelm Niemöller steht dafür paradigmatisch. Die Chuzpe, mit der Hertz behauptet, dieses Narrativ zum ersten Mal gründlich hinterfragt zu haben, wird allerdings den vielen Arbeiten von Klaus Scholder bis hin zu Manfred Gailus nicht gerecht. Letzterer hat übrigens ebenfalls schon den Protestantismus in einer größeren Region, nämlich Berlin, sehr gründlich auf viel breiterer Quellenbasis im Blick auf die Haltung zum Nationalsozialismus untersucht. Für den Bereich Schleswig-Holstein wäre hier auch unbedingt Klaus-Peter Reumann zu nennen. Auch für andere größere Regionen wie Lübbecke, Minden und das Siegerland liegen entsprechende Untersuchungen vor. Die vermeintlich innovative Fokussierung einer Landeskirche ist insofern fraglich, da diese doch ein recht beliebig abgegrenztes Gebiet und im Blick auf ihr Milieu keineswegs einheitliches Gebiet darstellt.

Ein weiteres deutliches Problem der Studie ist die mangelnde Berücksichtigung von Entwicklungen in der politischen Haltung von Pfarrern während des Nationalsozialismus. Viele Pfarrer, die sich 1933 begeistert für die Partei geäußert haben, sind oft schon 1934 von dieser Haltung deutlich abgewichen – das hätte noch viel deutlicher herausgearbeitet werden können. Solch ein Sinneswandel konnte bei – sicher sehr ambivalent zu beurteilenden – Persönlichkeiten wie Karl Friedrich Stellbrink im benachbarten Lübeck letztlich sogar zur Ermordung durch das Regime führen.

Die mangelnden Differenzierungen zum Beispiel im deutschchristlichen Flügel, aber auch innerhalb der „Bekennenden Kirche“ sind in der Arbeit öfter evident. Die Behauptung, dass die Pfarrer das NS-Rassenkonzept ‚breit akzeptiert‘ hätten, lässt sich nur dann halten, wenn man dieses sehr weit fasst. Ein differenzierter Widerstandsbegriff, wie er in der Zeitgeschichtsforschung erarbeitet worden ist, scheint Hertz fremd zu sein.

Letztlich fragt sich der Leser staatsanwaltschaftlich orientierter Geschichtswerke immer wieder: Was ist eigentlich der Erkenntnisgewinn? Ist es nicht wichtiger, zu verstehen, warum Protestantinnen und Protestanten sich dem Nationalsozialismus oft so nahe gefühlt haben, als mit Prozentsätzen und kaum ausgewerteten Kollektivbiografien eine Institution, die sich inzwischen selbst deutlich von ihrer Vergangenheit distanziert hat, vermeintlich zu kompromittieren?

Ein kritischer Blick auf die enge Verflechtung von Nationalsozialismus und Protestantismus schadet sicher nicht, aber er sollte quellenmäßig ordentlich begründet, methodisch wirklich reflektiert und nicht überheblich moralisierend ausfallen. Eine nach eigener Façon gestrickte Listenwissenschaft bietet keinen wirklich historischen Zugang zur Geschichte. 

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